Im Café International der Diakonie treffen sich donnerstags Flüchtlingsfrauen und ehrenamtliche Helferinnen. Das Angebot vertreibt Einsamkeit und verbessert Sprachkenntnisse.

Schwerte

, 26.02.2019, 17:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

An diesem Donnerstagnachmittag ist Amadeus der Star im Café International. Doch der vier Wochen alte Säugling kann den Star-Rummel nicht genießen: Er wimmert im Arm von Mutter Fathya, er hat Bauchweh. Die ehrenamtlichen Damen von der Evangelischen Frauenhilfe machen der jungen Mutter Mut: „Das sind Dreimonatskoliken. Die gehen irgendwann von selbst weg.“ Wie viel er so trinkt, wollen die erfahrenen Mütter und Großmütter wissen, und wie gut er und seine Eltern so schlafen. Es entwickelt sich ein munterer Erfahrungsaustausch. Fathya spricht fließend Deutsch.

Von Damaskus nach Schwerte: Eine Begegnung mit Mutter und Kind im Café International

Während Amadeus Muttermilch aus der Flasche nuckelt, erzählt Fathya ihre Flucht-Geschichte. © Berkenbusch

Die 32-jährige Syrerin hat sich wenige Tage vor dem Jahreswechsel 2015/2016 auf den Weg nach Europa gemacht. Dorthin, wo ihr Ehemann schon angekommen war. Die beiden hatten es schwer in ihrer syrischen Heimat, sie gehören verschiedenen Religionsgemeinschaften an, das wird dort - vorsichtig ausgedrückt - nicht gern gesehen. „Ich folgte Mohammad am 29.12.2015“, erzählt Fathya. „Zunächst mit dem Bus nach Beirut, von da aus mit dem Flugzeug nach Izmir, von dort aus in einem Schlauchboot nach Griechenland.“

Von Luxemburg wurde das Ehepaar nach Deutschland geschickt

In Luxemburg wartete ihr Mann. Doch dort durften die beiden nicht bleiben. Fathya: „Bei einem Zwischenstopp in München wurden meine Fingerabdrücke registriert. Das war obligatorisch, führte aber dazu, dass wir später auf der Grundlage der Dublin-II-Verordnung aus Luxemburg nach Deutschland abgeschoben wurden.“

Über Trier, Siegen-Burbach und Soest landeten sie schließlich im September 2016 in Schwerte. Und kamen an. Fathya: „Zwei Monate wohnten wir in der Flüchtlingsunterkunft Zum großen Feld. Dann fanden wir eine Wohnung in Schwerte-Ost.“ In Damaskus hatte Fathya ein Studium in Englischer Literatur absolviert, Mohammad ist Bibliothekar. Es ist ihnen bis jetzt nicht gelungen, ihre Abschlüsse in Deutschland anerkennen zu lassen, aber die gute Bildung hat ihnen geholfen, schnell und gut Deutsch zu lernen. „Man braucht hier so unglaublich viele Stempel“, wundert sich Fathya immer noch über die deutsche Bürokratie, „und alles kostet viel und dauert lange.“

Bundesfreiwilligendienst bei der Musikschule und in der Bücherei

Beide haben die Zeit genutzt, nicht nur zum Deutsch lernen. Fathya hat ein Praktikum bei der Sparkasse absolviert und ein Bundesfreiwilligenjahr bei der Musikschule. Der Bibliothekar Mohammad hat als Bufdi in der Stadtbücherei gearbeitet. Die ungeplante Familienvergrößerung durch Amadeus hat Fathyas Pläne kurzfristig durchkreuzt. „Ich möchte eine deutsche Ausbildung machen“, berichtet sie, „gern im kaufmännischen Bereich. Und Mohammad würde gern Optiker oder Zahntechniker werden.“ Die beiden haben keinen Asylstatus, genießen subsidiären Schutz.

§4 Asylgesetz

Subsidiärer Schutz

Subsidiär schutzberechtigt sind Menschen, die stichhaltige Gründe dafür vorbringen, dass ihnen in ihrem Herkunftsland ein ernsthafter Schaden droht und sie den Schutz ihres Herkunftslands nicht in Anspruch nehmen können oder wegen der Bedrohung nicht in Anspruch nehmen wollen. Sie können nach fünf Jahren eine Niederlassungserlaubnis erhalten, wenn weitere Voraussetzungen, wie etwa die Sicherung des Lebensunterhalts sowie ausreichende Deutschkenntnisse, erfüllt sind. Ihnen ist der Zugang zum Arbeitsmarkt unbeschränkt gestattet.

„Wir müssen und wollen für uns selbst sorgen können“, sagt Fathya, drückt ihrem Söhnchen einen Kuss auf die Stirn und flüstert ihm etwas in sein winziges Öhrchen. Die Eltern reden mit Amadeus Deutsch, Englisch und Arabisch. Er soll all diese Sprachen lernen.

Von Damaskus nach Schwerte: Eine Begegnung mit Mutter und Kind im Café International

Fathya und Amadeus © Berkenbusch

Nicht alle Flüchtlingskinder haben so gute Startbedingungen wie Amadeus. Das weiß Christine Fischer von der Schwangerschaftsberatungsstelle der Diakonie an der Kötterbachstraße. Die Beratungsstelle hat Kontakt zu vielen geflüchteten Frauen, hilft mit ihren Kontakten zur Stiftung Mutter und Kind, zur Kleiderkammer, zu Ämtern und Hebammen. Im September 2018 ist im Diakonie-Haus das Café International an den Start gegangen, ein niederschwelliges Angebot für Frauen aus aller Herren Länder.

Im Café International geht es laut und trubelig zu

Ein Sonderfonds des Landes finanziert die halbe Stelle von Christine Fischer. Sie betreut das Café und erteilt einzelne Beratungsstunden. Die Mittel sind jeweils befristet für ein Jahr. Derzeit besteht politisch auf Landesebene offenbar Einigkeit, dass diese Arbeit gebraucht und verlängert wird.

Jeden zweiten Donnerstag treffen sich an der Kötterbachstraße sechs bis acht Frauen mit jeweils bis zu drei Kindern bis zu zwölf Jahren. Dazu kommen Ehrenamtliche der Frauenhilfe und Christine Fischer sowie eine Betreuungskraft für die Kinder. Fischer: „Alle sind in einem Raum, es geht laut und trubelig zu.“

Frauen wollen ihre Deutschkenntnisse verbessern

Mal wird gemeinsam gekocht, oft bringen die Frauen einen Imbiss mit. Aber vor allem kommen sie, um zu reden und der Einsamkeit zu Hause zu entfliehen. „Hier wird überwiegend Deutsch gesprochen“, sagt Fischer. Denn erstens kämen nicht alle Frauen aus dem gleichen Sprachraum, und zweitens sei es der Wunsch der Frauen, ihre Deutschkenntnisse zu verbessern.

„Die liegen oftmals brach seit den Sprachkursen, und die Frauen haben Angst, alles wieder zu verlernen. Die wenigsten haben deutsche Freunde oder Freundinnen, mit denen sie die neue Sprache üben können. Das vermissen sie. Gleichzeitig schämen sie sich wegen ihrer geringen Sprachkenntnisse und trauen sich oft nicht in ein deutsches Umfeld.“ Die Ehrenamtlichen setzen sich bewusst zwischen die Flüchtlingsfrauen, um diesen Teufelskreis zu durchbrechen.

In neun Sprachen

Einladung ins Café

Café International für Frauen und Kinder. Derzeit noch jeden 2. und 4. Donnerstag im Monat, demnächst wöchentlich, 15 bis 17 Uhr, Haus der Diakonie, Kötterbachstraße 16. Kontakt: Christine Fischer, Tel. (02304) 9393788. Auf dem Flyer steht bewusst der Begriff „Einladung“ in neun Sprachen, weil arabische Frauen niemals uneingeladen irgendwo hingehen würden.

Frauen wünschen sich, dass ihre Kinder mehr lernen als sie

So vielfältig ihre Herkunft, so vielfältig sind auch ihre Gesprächsthemen, berichtet Christine Fischer: „Hier wird über alles geredet, was die Frauen bewegt: die vielfach unbefriedigende Wohnsituation, deutsche Behörden-Spezialitäten wie Kindergeld und Elterngeld, das Schulsystem, das für die meisten völlig neu ist. Gerade die Frauen haben oft wenig Bildung genossen, aber ihnen ist wichtig, dass ihre Kinder viel lernen, Informationen über Sportvereine, in denen die Kinder willkommen sind und die den Frauen neue Kommunikationsmöglichkeiten eröffnen, die Rolle der Frau in den verschiedenen Kulturen, Fluchtgeschichten.“

Von Damaskus nach Schwerte: Eine Begegnung mit Mutter und Kind im Café International

Christine Fischer (l.) betreut das Café International. © Berkenbusch

Das Leben nach der Flucht bietet viele Gesprächsthemen

Im Café, das schon bald wegen der guten Resonanz an jedem Donnerstag öffnen soll, entwickeln sich auch Freundschaften - zum Beispiel zwischen einer Frau aus Indien und einer aus Aserbaidschan. Zwei Familien tauschen demnächst die Wohnung. Die Frauen haben sich im Café kennengelernt und bemerkt, dass die Wohnung der jeweils anderen besser zur Familie passen würde.

Fathya hat viele Freunde, vor allem deutsche. „Als Amadeus geboren wurde, haben mich so viele Menschen besucht. Ich habe hier in Schwerte eine große Familie gefunden“, schwärmt sie. Rassismus oder Anfeindungen habe sie nie erlebt. „Alle sind so freundlich und hilfsbereit.“ Fathya möchte davon etwas zurückgeben. Für Christine Fischer übernimmt sie oft Brückenfunktion im Kontakt zu Frauen, die noch nicht so gut Deutsch sprechen.

In Deutschland ersetzt die Hebamme die Frauen der Familien

Und ihnen kann sie zum Beispiel erklären, dass Frauen in Deutschland den Dienst einer Nachsorgehebamme in Anspruch nehmen können. „In Syrien kümmern sich alle Frauen der Familie um die Wöchnerin, die wochenlang nichts selbst tun muss“, berichtet Fathya. „Hier springt der Sozialstaat ein. Hier gibt es Kranken- und Rentenversicherung. Dafür sind wir sehr dankbar.“

Während sie erzählt, füllt sich das Café zusehends. Immer mehr Frauen und Kinder kommen hinzu. Und Amadeus verliert seinen Star-Status an ein kleines Mädchen, das noch zwei Wochen jünger ist als er und beim letzten Besuch des Cafés International noch im Bauch der Mama war.

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