Nicht nur das Wandfries, das sich ringsum über die Partykeller-Wände zieht, gestaltete Ernst Montenbruck, sondern auch die komplette Einrichtung mit Tischen, Bänken und Tresen. © Reinhard Schmitz
Künstler Montenbruck

Verborgener Keller hütet Monumentalfries mit stadtbekannten Gesichtern

Monumentale Wandfriese gab es nicht nur im Palast der Republik in Ostberlin. Ein solches Riesengemälde versteckt sich auch in einem Keller in Schwerte. Manche Gesichter darauf sind stadtbekannt.

Bergeweise belegte Brötchen und ungezählte Teller voller Erbsensuppe musste die Hausherrin dem Künstler immer wieder in den Keller hinab schleppen. Die Arbeit an dem wohl längsten Wandfries der Stadt muss Ernst Montenbruck einen Bärenhunger gemacht haben. Zwei Wochen lang schwang er im Jahre 1981 seine Pinsel, um den großzügigen Partykeller eines Wohnhauses im Schwerter Norden auszumalen.

Honoratioren der 80er-Jahre in mittelalterlichen Gewändern

Feiernde Gesellen und ihre Damen ziehen sich an den Wänden rings herum und selbst über die Eingangstür und Lichtschalter. Nur die Fensterwand blieb ausgespart. Das Besondere: Viele Gesichter in den mittelalterlichen Gewändern spiegeln Schwerter Honoratioren jener Zeit wider – Geschäftsleute und Industrielle, Apotheker und Pauker, von denen die Ü60-Generation bestimmt noch den einen oder anderen wiedererkennt.

Den Hausherrn „Pils“ (r.) verewigte Ernst Montenbruck in altertümlicher Tracht in einer Kneipenszene, wo er seinem Stammtischbruder, dem Nieten-Fabrikanten Ludwig Möhling (l.), zuprostet.
Den Hausherrn „Pils“ (r.) verewigte Ernst Montenbruck in altertümlicher Tracht in einer Kneipenszene, wo er seinem Stammtischbruder, dem Nieten-Fabrikanten Ludwig Möhling (l.), zuprostet. © Reinhard Schmitz © Reinhard Schmitz

Und in einer Ecke, halb versteckt unter einem gelb-orangenen Stoffvorhang, hat sich auch der Künstler mit einem Selbstporträt verewigt. Zusätzlich hat er gegen das Vergessen seine Signatur daneben geschrieben: „Monti“, ist da zu lesen.

Am Stammtisch versprach Ernst Montenbruck das Monumentalwerk

„Da sitzt mein Vater“, deutet der Hausherr auf einen stattlichen Mann mit umgehängtem Schwert, der am Biertisch dem Nietenfabrikanten Ludwig Möhling zuprostet. Beide gehörten dem exklusiven Stammtisch „Zur Mitte“ an und auch einem exklusiven Kegelclub, der im damaligen Restaurant Sprave an der Hörder Straße die Kugel rollen ließ.

In einer Ecke, halb hinter einem Fenstervorhang des Partykellers im Schwerter Norden verborgen, verewigte sich der Maler Ernst Montenbruck per Selbstporträt.
In einer Ecke, halb hinter einem Fenstervorhang des Partykellers im Schwerter Norden verborgen, verewigte sich der Maler Ernst Montenbruck per Selbstporträt. © Reinhard Schmitz © Reinhard Schmitz

Auch Ernst Montenbruck zählte zu den Stammtischbrüdern. Irgendwann rutschte ihm das Versprechen heraus, als man über Kellerbars sprach, die zu jener Zeit jeder haben musste: „Pils, wenn dein Sohn mal baut, dann mach ich im das fertig.“ Pils, das war der Spitzname des Seniors, der als Handelsvertreter erfolgreich im Hopfengeschäft unterwegs war.

Der Künstler hinterließ auch öffentliche Spuren im Stadtbild

Ernst Montenbruck hielt sein Wort. Nach einer Skizze zeichnete er zunächst in Lebensgröße schwarze Konturen auf den nackten Wandputz. Hereinreden durfte man ihm nicht. „Ich mach´ das so, wie ich mir das vorstelle“, pflegte der dann zu sagen. Genauso, wie er auch schon den Direktor der Gutehoffnungshütte in Oberhausen-Sterkrade weggeschickt hatte, als er im Verwaltungsgebäude eine Ruhrgebiets-Szenerie gestaltete. Hinterher war der Konzern-Chef so begeistert, dass er seine Sekretärin anwies: „Geben Sie ihm den doppelten Betrag.“

Auch die Tür wurde in das Monumentalgemälde mit einbezogen. Dem Zecher hinter dem Gitter stehen die Haare zu Berge, weil er nicht zum Bierfass vordringen kann.
Auch die Tür wurde in das Monumentalgemälde mit einbezogen. Dem Zecher hinter dem Gitter stehen die Haare zu Berge, weil er nicht zum Bierfass vordringen kann. © Reinhard Schmitz © Reinhard Schmitz

Viele solcher Geschichten über den Schwerter Künstler kann der Besitzer des Partykellers erzählen, in dem so viele Feste gefeiert wurden. Der Chor, in dem er sang, wollte den Raum regelmäßig gar nicht wieder verlassen. Jetzt ist es dort ruhiger geworden, das Mobiliar mit staubschützenden Folien abgedeckt. Aber der Bilderschatz an den Wänden, dessen Farben sich auch vom dicksten Zigarettenqualm früher Zeiten nicht ihre Leuchtkraft nehmen ließen, wird weiterhin gepflegt. Er ist eines der letzten großen Werke von Ernst Montenbruck, der im November 1982 im Alter von 78 Jahren starb.

Weitere Arbeiten hat der Künstler beispielsweise in der Diskothek For You in Geisecke und an der ehemaligen Gaststätte Alt Schwerte in der Fußgängerzone hinterlassen, wo er als junger Mann den Blechritter an der Schieferfassade gestaltet, um seinen „Deckel“ zu bezahlen. Die mittelalterliche Marktszene, mit der er die Wände der früheren Sparkassen-Filiale am Markt schmückte, ist nach deren Schließung hinter Rigipsplatten verschwunden. Als verkleinerte Fotografie ist sie aber in der Passage vom Geschenkehaus Kotte zum Kleinen Markt noch eingerahmt zu sehen.

Über den Autor
Redaktion Schwerte
Reinhard Schmitz, in Schwerte geboren, schrieb und fotografierte schon während des Studiums für die Ruhr Nachrichten. Seit 1991 ist er als Redakteur in seiner Heimatstadt im Einsatz und begeistert, dass es dort immer noch Neues zu entdecken gibt.
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Reinhard Schmitz

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