So reagieren die Schwerter auf die AfD-Provokation in St. Viktor

dzMuslima an der Kanzel

Nachdem ein AfD-Mitglied während der Kanzelrede einer Muslima laut das Vaterunser gebetet hat, äußern sich viele Schwerter zu dem Vorfall. Die Meinungen gehen in verschiedene Richtungen.

Schwerte

, 06.11.2019, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Wie reagiert man, wenn eine Muslima am Reformationstag die Kanzelrede in der evangelischen Kirche hält? Ein AfD-Mitglied aus Schwerte hatte dazu schnell seine eigene Herangehensweise gefunden. Als die Politikwissenschaftlerin Dunya Elemenler vorne in St. Viktor steht, betet Hans-Otto Dinse laut das Vaterunser.

Was folgt, sind eine höfliche Bitte von Pastor Tom Damm, die Kirche zu verlassen sowie ein Redaktionsbesuch vom Ehepaar Dinse am vergangenen Montag, um den Vorfall aus ihrer Sicht der Dinge zu schildern.

Auf unseren Artikel meldeten sich viele Schwerter – per Leserbrief, am Telefon, in der Redaktion und in einer öffentlichen Diskussion auf Facebook.

Der Schwerter Künstler Holger Hülsmeyer war am vergangenen Donnerstag selbst im Gottesdienst und beschreibt in seinem Leserbrief eine „hilflose Vorstellung des überforderten Laienschauspielers Dinse vom AfD-Provokationstheater, der an diesem Abend den Exorzisten geben wollte“. Es sei kein Eklat gewesen, was da in St. Viktor passiert ist. Denn schon bei der vierten Zeile „Dein Wille geschehe“ sei Dinse kleinlaut in Richtung Tür abgedreht und anschließend verschwunden.

„Jesus Christus hätte ihn robuster vor die Tür gesetzt.“

Hülsmeyer schreibt weiter: „Dinse kann übrigens froh gewesen sein, dass Jesus Christus an dem Abend nicht persönlich zugegen war. Der hätte ihn sehr viel robuster vor der Tür gesetzt, so wie seinerzeit die Händler der miesen Geschäfte aus dem Tempel. Das miese Geschäft von Dinse und seiner AfD sind Rassismus, Fremdenfeinlichkeit, Antisemitismus, Naziverharmlosung und Internethetze.“

Klaus Johanning, Pfarrer und Vorsitzender des Presbyteriums der evangelischen Kirchengemeinde Schwerte beschreibt: „Ich bin seit 1991 mit der Gemeinde verbunden – und es ist das allererste Mal gewesen, dass ich einem Kollegen geraten habe, doch die Polizei einzuschalten.“ Er habe die Situation anders beobachtet, Dinse habe versucht, lautstark gegen Dunya Elemenler anzureden.

Facebook-User solidarisieren sich mit Damm und Elemenler

Auch auf Facebook diskutieren viele User über das Geschehene und positionieren sich gegen die Aktion des AfD-Mitglieds:

Alex Bergerhoff: „Ich verstehe zwar nicht, was der Islam mit dem christlichen/ evangelischen Reformationstag (Reformation der Kirche durch Luther) zu tun hat, aber wenn die Viktor Kirche, die das Hausrecht hat, eine muslimische Predigerin einlädt, hat man das zu akzeptieren.“

Carsten Rieck: „Herr D. ist für sein sehr theatralisches Auftreten ja spätestens seit seiner 2-Menschen-Demo in der Innenstadt bekannt. Er übertreibt es gerne mal. Wenn nur ein Teil seiner Ängste für ihn real ist, dann braucht er sicher Hilfe.“

Jens Kritzler: „Bewusster Eklat, der provokant sein möchte und dabei sinnlos ist und doch in den Wirrungen mancher Köpfe Sinn ergibt, ist so vorausschauend ermüdend. danach kann man schon die Uhr stellen.“

Argumente für beide Seiten

Andere Schwerter widerum haben den Eklat als vorprogrammiert gesehen, haben Argumente für beide Seiten der Geschichte. Historiker Alfred Hintz schreibt: „Wie wirkt eine Muslima mit Kopftuch auf der Kanzel auf überwiegend alte Schwerter? Für mich jedenfalls, der ich in der St. Viktor-Kirche getauft und konfirmiert worden bin, war es umgekehrt eine religiös-politsche Provokation durch die Kirche. Dialog mit dem Islam ja. Aber am passenden Ort und zur passenden Zeit. Kanzel und Reformation haben eigenen Symbolgehalt ebenso wie Kopftuch und Islam.“ Dennoch spricht Hintz von einer sicherlich gut gemeinten Einladung zum Gespräch, für ein besseres Miteinander.

Auch Martin Fischer meint, dass sich weder Kirche noch AfD in diesem Kontext einen Gefallen getan haben. Die Rede einer Muslima mit Kopftuch sei aber genauso provozierend wie ein AfD-Mitglied, das laut das Vaterunser betet.

Bibel rät von provozierendem Beten ab

Laut dem Matthäus-Evangelium leitet Jesus das Vaterunser mit den Worten ein „Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler, die gern in den Synagogen und an den Straßenecken stehen und beten, damit sie von den Leuten gesehen werden.“

Und er sagt in diesem Zusammenhang laut Matthäus noch über das Beten: „Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir’s vergelten.“ (aus der Lutherbibel 2017)

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