Seit 40 Jahren in Schwerte: Was hat sich in der Praxis verändert, Stephan Spanke?

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Vor 40 Jahren stand Stephan Spanke vor einer Entscheidung: Als Arzt in der Klinik bleiben oder nach dem plötzlichen Tod des Vaters die Praxis übernehmen? Spanke kam zurück nach Schwerte.

Schwerte

, 16.04.2019 / Lesedauer: 4 min

Früher hat man immer gesagt: „Geh zu einem alten Arzt und einem jungen Frisör.“ Wenn man ihn dasitzen sieht, den 72-Jährigen im klassischen weißen Kittel, der bedächtig und ruhig redet, kann man sich kaum vorstellen, wie das damals war im Juli 1979:

Spanke mit 32 Jahren in der Praxis des Vaters, die plötzlich weg war, die kein Wissen mehr weitergeben konnte, die keine Frage mehr beantworten konnte - nicht zum Fachlichen, nicht zu Details bei der Abrechnung, nicht zur Geschichte der Patienten.

Es war eine andere Zeit: „Nachts mussten wir oft bis zu drei Mal raus“, erinnert sich Spanke. Notfallpraxen, abendliche Sprechstunden - das gab es nicht. Hatte jemand ein medizinisches Problem, rief er den Hausarzt. Und der kam zum Hausbesuch. Oft bis 22 Uhr.

Marija Canic kam 1979 als 18-Jährige in die Praxis

Oft mit dabei, wenn es rausging zum Patienten: Marija Canic. Auch sie kam 1979 in die Praxis. Damals 18, eine Kroatin aus Bosnien, die ab der Volljährigkeit nicht mehr in Deutschland bleiben durfte, im Gegensatz zu den Eltern.

Spankes Mutter stellte sie zum 1. April 1979 ein. Canic kam zurück nach Schwerte. In ihren Wunschberuf. Und in die Praxis an der Haselackstraße, in der sie bis heute blieb. „Drei Mitarbeiterinnen sind schon länger als 30 Jahre hier“, sagt Canic, „das spricht doch dafür, dass die Atmosphäre gut sein muss.“

Früher die Arzthelferin, heute die Medizinische Fachangestellte

Viel habe sich verändert in diesen 40 Jahren. Das sagen beide - Spanke und Canic. Die Diagnose stelle immer noch der Arzt. Aber viele andere Aufgaben übernehmen die MFA, die Medizinischen Fachangestellten. Selbst komplette Hausbesuche fallen heute in den Aufgabenbereich der Frauen, die man 1979 noch Arzthelferin genannt hätte - oft, ohne an dieser Formulierung etwas komisch zu finden.

44 MFA seien im Laufe all dieser Jahre in der Praxis gewesen, 12 von ihnen habe man dort ausgebildet, viele seien geblieben, manchmal bis zur Schwangerschaft oder zur beruflichen Neuorientierung. Canic hat die Zahlen zu ihrem 40-Jährigen herausgesucht.

Spanke: „Wir sind auch der Kummerkasten“

Der Hausarzt und seine Assistenten sind mehr als medizinische Helfer. „Wir sind auch der Kummerkasten“, unterstreicht Spanke, „selbst wenn es manchmal um die kaputte Heizung geht.“

„Sozialanamnese“, nennt Spanke das. Dem Menschen gehe es doch nicht nur körperlich gut oder schlecht. Das Seelische spiele doch immer mit hinein.

Engagiert für die gesamte Ärzteschaft in Schwerte

Nicht nur der einzelne Mensch war Spanke wichtig. Auch als Sprecher der Schwerter Ärzteschaft engagierte er sich zwölf Jahre lang. Er erinnert sich an die Proteste gegen die Einführung der Praxisgebühr 2004, an die Aktionen gegen das Praxensterben 2009.

Vieles sei heute etwas besser, findet Spanke. Der Hausarzt-Beruf sei jetzt attraktiver und familienfreundlicher. Was zwingend notwendig sei: 70 Prozent der Medizinstudenten sind weiblich. Nach dem langen Studium bleibe jungen Ärztinnen oft nur ein kurzes Zeitfenster, um Kinder zu bekommen.

„Ich schleiche mich raus und bin der Reservespieler“

Immer mehr Praxen sind auf mehrere Schultern verteilt - so auch diese. Zum Oktober 2017 zog sich Stephan Spanke von einer ganzen auf eine halbe Stelle zurück und überließ seinem jüngeren Bruder Theodor die Chef-Rolle. „Ich schleiche mich langsam aus der Praxis raus“, sagt er.

Ein Team von vier Ärzten kümmert sich um die Patienten - alle mit Fachgebieten und Erfahrungen aus der Klinik. „Ich sehe mich als Reservespieler“, sagt Stephan Spanke. Und als solcher muss er auch mit seinen 72 Jahren immer wieder aufs Feld. Bei mehreren Ärzten ist oft einer dabei, der Urlaub hat, krank ist oder familiär verhindert ist.

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Die allerliebste Anekdote aus 40 Jahren Praxis

„In 40 Jahren hat man schon viele Anekdoten erlebt“, erinnert sich Spanke. Und legt mit seiner allerliebsten los:

Eine Patientin, 75 Jahre, sei in der Sprechstunde gewesen. „Herr Doktor, können sie mir vielleicht Einlagen aufschreiben?“

Klar, kein Problem, sagte Spanke, guckte der Patientin etwas genauer auf die Füße und entschied: „Da schreibe ich Ihnen was auf, Spreizsenkfuß, dann gehen Sie mit dem Rezept ins Sanitätshaus.“

Dorthin sei allerdings nicht die Seniorin selbst gegangen, sondern ihre Tochter. Die die Antwort erhielt: Nein, die Oma müsse persönlich kommen. Für die Einlage müsse man erst einen Abdruck machen.

Die Tochter war verwundert, aber beim nächsten Mal nahm sie die 75-Jährige mit. Ja gut, habe es geheißen, dann jetzt der Abdruck.

„Da hat die Frau ihre Unterhose heruntergezogen“, sagt Spanke und er und alle um ihn herum lachen. „Sie wollte eigentlich Vorlagen und keine Einlagen.“

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