Geburt während Corona-Infektion: „Wir waren auf uns allein gestellt“

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Valerie Bozkurt aus Schwerte hat Corona, während sie ihr Kind zur Welt bringt. Nach der Geburt kommen die Probleme. Und der Säugling bekommt seine eigene Quarantäne.

Schwerte

, 05.11.2020, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

„Alles begann damit, dass mein Mann leichte Erkältungssymptome hatte“, erzählt Valerie Bozkurt. Das war Ende Oktober und die Schwerterin war hochschwanger. Deshalb entschied sich das Paar auch, sofort einen Corona-Test zu veranlassen. Der war positiv – und damit war klar: Auch die werdende Mutter musste zum Test.

Doch dann platzte am 23. Oktober die Fruchtblase. Die junge Mutter kam ins Marienkrankenhaus und dort sofort auf die Isolierstation. Zu recht, wie sich herausstellte, denn nach der Geburt kam das Ergebnis ihres eigenen Corona-Tests. Auch Valerie Bozkurt war positiv.

„Nehmen Sie doch ein Taxi“

Die Symptome waren zum Glück milde, nur leichter Husten. Doch mit der Geburt begannen die Probleme. Denn sowohl Mutter und Neugeborener als auch der Vater standen unter Quarantäne. Hilfe hatte die junge Mutter vom Gesundheitsamt erwartet, doch das erwies sich aus ihrer Sicht als Sackgasse.

„Bereits bei der Entlassung waren wir auf uns alleine gestellt“, erzählt sie: „Durch die Unterbringung auf der Isolierstation und meine Quarantäne war es nicht möglich, dass mein Mann oder andere Familienmitglieder uns aus dem Krankenhaus abholten. Hier mussten wir uns eigenständig um einen geeigneten Transport kümmern. Die Auskunft der Gesundheitsbehörde in Unna lautete: ,Bestellen Sie sich dafür ein Taxi‘.“

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Das sei eine regelmäßig genutzte Lösung zum Transport, erklärt Kreissprecher Max Rolke auf Anfrage: „Entsprechende Hygieneauflagen müssen durch den Taxifahrer wie auch von den Personen, die befördert werden sollen, selbstverständlich eingehalten werden.“

„Mein Mann hat mit unterschiedlichen Taxiunternehmen gesprochen und alle haben ihm gesagt, sie würden niemanden transportieren, der nachweislich Corona hat“, sagt Valerie Bozkurt. Die Bozkurts nutzten dann einen speziellen Krankentransport.

Hebamme konnte wegen Hygieneauflagen nicht kommen

Zu Hause gingen die Probleme dann weiter. Die Hebamme, die zur Nachsorge kommen wollte, durfte nicht. Vom Gesundheitsamt habe es zwar eine Anweisung gegeben, welche Schutzmaßnahmen die Geburtshelferin einhalten müsste – darunter ein kompletter medizinischer Schutzanzug. Das sei für die Hebamme aber nicht machbar gewesen. „Einen alternativen Lösungsvorschlag machte die Behörde nicht“, so die Mutter.

Es gebe Vorgaben, unter denen die Nachsorge stattfinden könne, so Kreissprecher Rolke. Was in diesem Fall schief gegangen sei, könne er nicht beurteilen.

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Und auch um die Gesundheit des Neugeborenen habe man sich nur wenig gekümmert. Noch im Krankenhaus testete der Kinderarzt den Säugling auf Corona. Das beruhigende Ergebnis: negativ. Aber das Kind lebt nun seitdem mit den nachweislich infizierten Eltern zusammen, und einen Säugling kann man schlecht isolieren.

„Für uns als infizierte Eltern gab es vom Gesundheitsamt keine Empfehlungen. Wir haben uns selbst dazu entschieden, im direkten Kontakt Masken zu tragen und die Hände so oft wie möglich zu waschen und zu desinfizieren“, so Valerie Bozkurt. Ob das reicht, sie weiß es nicht.

Zweiten Corona-Test abgelehnt

Differenzen habe es auch mit dem Gesundheitsamt gegeben, als die Eltern den Wunsch äußerten, ihren Sohn nach Ablauf ihrer Quarantäne, am Ende dieser Woche, erneut testen zu lassen. „Wir wollten Gewissheit haben, ob er sich nicht eventuell doch bei uns angesteckt hat.“

Das Gesundheitsamt habe dies jedoch nicht als notwendig angesehen. Es sei ohnehin egal, ob er es habe oder nicht, hieß es. Die Bozkurts sorgen sich vor allem um Spätfolgen, die man dann besser im Blick haben könne. „Unsere Bedenken wurden nicht ernst genommen“, sagen die Eltern.

Die Antworten der telefonischen Beratung: „Wenn Ihre Frau stillt und im engen Kontakt ist, dann steckt Sie Ihren Sohn doch sowieso an.“ Oder: „Wenn wir alle Kinder in Kindergärten & Co. testen lassen würden, wären die Zahlen noch viel höher.“

Quarantäne für Säugling

„Stattdessen bekommt unser Sohn nun offiziell seine eigene Quarantäne, damit er auch niemanden ansteckt, was aus unserer Sicht als Neugeborener natürlich ziemlich unrealistisch ist“, sagt die Mutter.

Das Gesundheitsamt teste nur Kinder im Zusammenhang der Kontaktpersonennachverfolgung. Grundsätzliche oder weiterführende Tests von Neugeborenen fänden durch das Gesundheitsamt nicht statt, sagt dazu der Kreissprecher. „Da sind Haus- oder in dem Fall Kinderärzte die richtigen Ansprechpartner.“ Der habe sie aber an das Gesundheitsamt verwiesen, so Valerie Bozkurt.

Haben Verständnis für die Ausnahmesituation

Die Bozkurts haben durchaus Verständnis dafür, dass die Gesundheitsämter im Moment in einem Ausnahmezustand arbeiten: „Uns ist durchaus bewusst, dass wir uns in einer Ausnahmesituation befinden, jedoch finden wir es erschreckend, mit welcher Rücksichtslosigkeit man hier behandelt wird.“

Es gebe schließlich keine Langzeitstudien und Erkenntnisse darüber, wie sich eine Corona-Erkrankung auf die weitere Entwicklung eines Säuglings auswirke.

Täglich neue Corona-Fälle im zweistelligen Bereich

Dass derzeit beim Gesundheitsamt einiges nicht wie gewohnt läuft, räumt auch der Kreis ein. Es gebe zwar einen gemeinsamen Datenpool, aber durch Wechsel in den Dienstplänen komme es dazu, dass eine Person unterschiedliche Ansprechpartner habe. „Bei der Vielzahl der Fälle, die von den Mitarbeitern betreut werden (1340 aktuell infizierten Personen im Kreis Unna und täglich kommen neue Fälle im zweistelligen Bereich hinzu), und der aktuell sehr starken Arbeitsauslastung kann es da sein, dass die Mitarbeiter es in Einzelfällen nicht schaffen, sich vor einem Gespräch alle Details einer Akte genau anzusehen und parat zu haben“, so der Kreis auf die Anfrage dieser Redaktion.

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