Schüler von eigenem Abiball ausgeladen

Ruhrtal-Gymnasium in Schwerte

Als die Abiturienten des Ruhrtal-Gymnasiums in Schwerte jetzt ihre Zeugnisse bekamen, ging einer von ihnen leer aus. Obwohl er bestanden hatte. Für die Familie des betroffenen Schülers eine "beabsichtigte Demütigung", für die Schulleitung eine "schulinterne Angelegenheit". Ein Vorfall während der Motto-Woche hat zu dieser Eskalation geführt.

SCHWERTE

, 08.07.2016, 09:31 Uhr / Lesedauer: 2 min

„Völlig überzogene Reaktion“, kritisieren die einen die Schule. „Gerechte Strafe“, sagen die anderen in Richtung Leander Weinert. Der Abiturient hat einen Vorfall in der Motto-Woche mit einem „unvergesslichen Abi-Ball“ bezahlt.

Verkleidet als Prostituierte Olga war der 17-Jährige in der Woche vor Ostern am Mottotag „Nutten und Zuhälter“ mit seinen Jahrgangskollegen in der Schule unterwegs. Als die Abiturienten die Klassen stürmten, kam es zu einer Begegnung mit einer ehemaligen Lehrerin. Leander Weinert: „In meiner Rolle als Olga habe ich die Frau unterhalb des Halses, aber deutlich oberhalb der Brust, leicht lasziv berührt. Dabei habe ich sie mit ihrem Vornamen angesprochen.“

Die Lehrerin habe sich dadurch sexuell belästigt gefühlt und sich bei der Schulleitung beschwert, die ihn sofort zum Gespräch einbestellt habe. „Ich habe zwar eingesehen, dass ich die ungeschriebene Regel gebrochen hatte, die Berührungen zwischen Schülern und Lehrern ausschließt, und mich für diesen Fehler auch entschuldigt“, erklärt Leander Weinert rückblickend die weitere Eskalation, „aber ich hatte erwartet, dass die Lehrerin ihrerseits ein wenig Verständnis für die ausgelassene Stimmung der Motto-Woche zeigt und akzeptiert, dass ich sie keineswegs sexuell belästigen wollte."

Schriftliche Entschuldigung

"Stattdessen verlangte die Schule von mir eine schriftliche Entschuldigung bei der Lehrerin. Bleibe die aus, so drohte man mir, könne ich von der offiziellen Zeugnisvergabe ausgeschlossen werden.“ Leander glaubt, dass die unbeugsame Haltung der Lehrerin mit einer schon länger schwelenden gegenseitigen Antipathie zu tun hat.

Längst waren die Eltern des jungen Mannes involviert, die ausgelassene Stimmung der vorösterlichen Motto-Woche dem Prüfungsstress gewichen. Mutter Julia Weinert: „Es gab eine klare Vereinbarung, dass in dieser Angelegenheit der Kontakt zwischen der Schule und meinem minderjährigen Sohn ausschließlich über mich läuft.“

Weder Tisch noch Zeugnis

Am 22. Juni, eine Woche vor der Zeugnisübergabe während des Abi-Balls, habe sie per E-Mail bei der Schulleitung nachgefragt, ob ihr Sohn nun sein Zeugnis beim Festakt in der Rohrmeisterei bekomme oder nicht und keine Antwort erhalten.  „Daraufhin haben wir acht Karten gekauft und entschieden, mit der ganzen Familie inklusive Paten und Großmutter zum Abiball zu gehen.“ „Ich wurde an diesem Tag 18 und hatte – wie alle anderen auch – mit dem Vorbereitungskomitee vereinbart, zu welchem Lied ich zur Zeugnisvergabe einlaufe“, so Leander. Doch der Abend verlief anders als geplant.

Julia Weinert berichtet: „Es gab für uns gar keinen Tisch. Auf Anweisung der Schulleitung seien wir aus der Sitzordnung entfernt worden, teilten uns Mitglieder des Organisations-Komitees mit. Die Gastronomie stellte dann nachträglich einen Tisch dazu, sodass wir mitten im Zugang zur Bühne saßen. Und als mein Sohn sich aufstellte, um sein Zeugnis entgegenzunehmen, wurde er nicht aufgerufen. Hätte man uns darüber vorher vernünftig informiert, wären wir erst gar nicht gekommen. Damit hätten wir leben können."

Abi-Ball verlassen, Zeugnis abgeholt

Leander erinnert sich: „Ich stand da wie bestellt und nicht abgeholt. Vor all den Leuten. Mein Lied durfte nicht gespielt werden, angeblich auch auf Weisung der Schulleiterin.“ In der Buffet-Pause stellte sich dann heraus, dass die Schulleiterin dem Abiturienten am Tag zuvor seinen Ausschluss mitgeteilt hatte, allerdings nicht – wie vereinbart – per E-Mail an seine Mutter, sondern an sein schulisches E-Mail-Postfach. Leander: „Da habe ich zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht mehr reingeguckt.“

Nach der Pause enterte der Abiturient die Bühne und gab eine persönliche Erklärung ab. Danach hat die ganze Familie den Abi-Ball verlassen. Sein Abi-Zeugnis (Durchschnittsnote 2,5) hat er inzwischen im Sekretariat abgeholt.

Oberstudiendirektorin Bärbel Eschmann war gegenüber unserer Redaktion nicht bereit, die Vorfälle zu kommentieren. „Ich habe nicht vor, eine schulinterne Angelegenheit öffentlich zu besprechen“, erklärte sie auf Nachfrage. So viel verriet sie aber: „Den Motto-Tag ,Nutten und Zuhälter‘ wird es an dieser Schule nicht mehr geben.“

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