Kann man mit Schrottimmobilien Geld machen? Eine Firma aus Manchester kauft ein altes Haus in Westhofen und vermietet es weiter. Eine Recherche zu Briefkastenfirmen und Gesetzeslücken.

Westhofen

, 19.06.2020, 17:30 Uhr / Lesedauer: 4 min

Das Haus an der Reichshofstraße 95 ist vielen Westhofenern ein Dorn im Auge. Eigentlich ist das Haus eine Bauruine. Steine des Schorsteins sind schon vom Dach gefallen, die Fenster sind mit Brettern vernagelt und die Fassade reckt sich windschief dem Marktplatz in Westhofen entgegen.

Und, das Gebäude zieht offensichtlich magisch zweifelhafte Geschäftsmodelle an. Immer wieder wurde es zwangsversteigert. Mal zahlte einer der Käufer nicht, mal hatte sich einer übernommen, doch nie wurde etwas an dem Haus gemacht. Da das Gebäude aber zu allem Überfluss noch unter Denkmalschutz steht, kann es auch nicht abgerissen werden. Als im Herbst eine erneute Zwangsversteigerung anstand, wollte die städtische Immobilien-Gesellschaft selbst das Haus kaufen.

Am Ende wurde man aber überboten. 40.000 Euro bot eine Firma aus Manchester für die schrottreife Immobilie. Deutlich mehr als das Haus derzeit wert ist.

Und der Käufer wird vermutlich nicht für große Freude bei den Stadtplanern sorgen.

So sieht das Gebäude in dem die Immobilienfirma Pegasus ansässig sein soll, auf Google Streetview aus.

So sieht das Gebäude in dem die Immobilienfirma Pegasus ansässig sein soll, auf Google Streetview aus. © Repro Mühlbauer

Pegasus Property Number 8 Ltd., PO Box 661, 132-134 Great Ancoats Street, Manchester, England, so lautet die Anschrift des Käufers. Doch was sich in der britischen Auskunftsdatenbank für Firmenadressen noch solide anhört, entpuppt sich bei genauerer Recherche als eine eher zweifelhafte Adresse.

Wer die Adresse der Immobilienfirma googelt, landet nicht bei einer klassischen Büroadresse, sondern bei einem heruntergekommenen Haus in Manchester. Laut Google-Streetview sind hier auf engstem Raum beheimatet: neben einem Copy-Shop, einem Laden für Arbeitskleidung und einem Kurierdienst auch ein Mailbox-Verleih und ein Adult-Massage-Parlour – eine noble Umschreibung für ein Bordell.

Über 30 Unternehmen in einem kleinen Backsteinhaus

Über 30 Unternehmen haben ihre Firmenadresse in dem Backsteinbau. Darunter auch mehrere Limiteds, die mit der Pegasus Property Number 8 verflochten sind. Viele gehören zu einem Firmengeflecht, sind gegenseitig als Eigentümer angegeben. Nur eine Handvoll echter Personen taucht in dem Register auf.

Darunter auch immer wieder der Name eines deutschen Vater Sohn Duos, das 2015 im Mittelpunkt eines Skandals um eine heruntergekommene Ferienhaussiedlung in Bad Honnef stand. Auch damals ging es um Schrottimmobilien, sittenwidrige Verträge und viele englische Firmen (Limiteds). Am Ende siegte die Stadt Honnef, die ihre Ferienhaussiedlung wieder zurück erhielt.

So lief der Fall in Bad Honnef

Doch warum kaufen Geschäftsleute, die international unterwegs sind Schrottimmobilien aus Deutschland. Das System in Honnef zeigt beispielhaft, wie das geht.

Bei einer Zwangsversteigerung trat dort die Alpha Ferienhaus Limited auf und ersteigerte eine schon etwas verfallene Ferienhaussiedlung. Bezahlt wurde der Kaufpreis allerdings nie. Dafür machte man mit anderen Firmen aus dem eigenen Geflecht zahlreiche Mietverträge. Zumeist zu extrem günstigen Konditionen.

Das kann man nämlich, und hier ist wohl eine Gesetzeslücke, auch dann, wenn man den Kaufpreis noch nicht entrichtet hat. Im Fall Honnef klagte die Stadt auf sittenwidrige Verträge und konnte am Ende das Grundstück zurückbekommen.

So sieht die Rückseite des Gebäudes am Markt in Westhofen aus.

So sieht die Rückseite des Gebäudes am Markt in Westhofen aus. © Foto: Bernd Paulitschke

Ein Experte erklärt, wie die Sache im Normalfall funktioniert: Wenn der Bieter nicht zahlt, geht das Objekt erneut in die Zwangsversteigerung. Diesmal allerdings mit den Mietern, denn die Mietverträge bleiben vorerst gültig.

Ein Grundstück mit Mietern, die quasi nichts zahlen müssen, will aber kein Käufer haben. Also tritt plötzlich wieder eine Briefkastenfirma aus dem eigenen Firmengeflecht auf und erhält den Zuschlag für einen Minipreis.

Die Mieter treten von ihren Verträgen dann überraschenderweise zurück und die Immobilie hat wieder den alten Wert. So kommt man günstig an Immobilien.

Nur wenn der Denkmalschutz fällt, ist das Haus wertvoll

Ob das im Falle der Reichshofstraße auch so funktionieren kann, ist fraglich. Denn nur dann, wenn das Haus soweit einstürzt, dass der Denkmalschutz aufgehoben wird, würde der Wert steigen.

Fest steht, dass bislang noch kein Kaufpreis für das Haus bezahlt wurde. Allerdings auch deshalb, weil der Betreiber der Zwangsversteigerung, ein Gläubiger des bisherigen Besitzers, einen Einspruch gegen den Zuschlag an Pegasus Property Number 8 Ltd. erhoben hat. Bis der geklärt ist, wird vermutlich ohnehin nichts passieren.

Käufer wollte keine Auskünfte geben

Bei der Versteigerung wollte sich der Käufer gegenüber den Ruhr Nachrichten nicht äußern. „Ich gebe keine Auskünfte“, erklärte der Käufer kurz und knapp.

Ob man überhaupt etwas mit dem Haus anfangen kann, ist fraglich. Mit zugenagelten Fenstern, bröckelnden Fassaden und Schmierereien ist das Gebäude eine traurige Ruine, die zunehmend verfällt. Schon mehr als einmal haben sich Nachbarn über herabfallende Ziegel, Ratten und nächtlichen Lärm aus dem Gebäude beschwert.

Das Fachwerkhaus mit der Schieferfassade wurde um 1827 gebaut. Seit 1992 steht es unter Denkmalschutz. Damals ließ die Stadt in großem Stil Gebäude schützen. Mit einem neuen Besitzer begann 1997 der Abstieg. Offensichtlich hatte sich der Mann finanziell überhoben. Davon zeugen Gerichtsakten, seit 2003 kam es immer wieder zu vergeblichen Versuchen, das Haus zu versteigern.

2010 verließen dann die letzten Mieter das Objekt. Seitdem geht der Verfall rasant weiter. Für die Nachbarn, aber auch das Stadtbild von Westhofen mehr als ärgerlich.

Zuletzt hatte ein Dortmunder die Immobilie ersteigert und medienwirksam mit der Renovierung begonnen. Doch am Ende wurde auch daraus nichts.

Kann man den neuen Eigentümer enteignen

Im Rat kam in der vergangenen Woche die Frage auf, ob man ähnlich wie im Fall Alt-Schwerte die Immobilie enteignen lassen könne. Schließlich sei auch hier ein Maß an Verfall erreicht, das man nicht hinnehmen wolle. „Kann die Stadt nicht auch hier ein Enteignungsverfahren einleiten?“, fragt der Westhofener CDU-Ratsherr Guntram Nies-van Colson. Prinzipiell ginge das wohl, erklärte Stadtplaner Christian Vöcks.

Aber nur dann, wenn auch für Westhofen eine entsprechende Satzung wie jüngst für die Innenstadt verabschiedet würde. So eine Satzung wolle man vorbereiten, erklärte Stadtsprecher Ingo Rous am Dienstag auf Anfrage.

Doch ob die Stadt tatsächlich ein Enteignungsverfahren so kurz nach dem Besitzerwechsel gerichtlich durchbringen kann, steht auf einem anderen Blatt. Gesetzlich können Besitzer von Immobilien immer dann enteignet werden, wenn das dem Allgemeinwohl dient. Das ist im Grundgesetz (Artikel 14) festgelegt. Rechtlich geklärt werden, muss dabei aber immer die Frage, was das Allgemeinwohl ist. Straßenbau wie bei der B236 gehört dazu.

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