Überlebende deutsche Soldaten verlassen nach der Kapitulation Stalingrad (undatiertes Archivfoto). Dreieinhalb Jahre später, 1945, führte die russische Gefangenschaft Wilhelm Lissner nach Küstrin. © picture alliance / UPI/-/dpa
Zeitzeugen

„Ruhmlos, geschlagen, gefangen, bewacht“ – Zeitzeuge aus Schwerte schreibt über den Krieg

Wilhelm Lissner ist heute 92 Jahre alt. 1945, kurz vor Kriegsende, wurde er zur Wehrmacht eingezogen. Jetzt hat er seine Erlebnisse im Krieg und in Gefangenschaft in einem Buch festgehalten.

Wilhelm Lissner ist 92 Jahre alt und damit einer der letzten lebenden Zeitzeugen des zweiten Weltkrieges aus Schwerte. Er lebt heute in Dortmund-Sommerberg, den Krieg erlebte er aber größtenteils in der Ruhrstadt.

1945 war Lissner 16 Jahre alt. „Im letzten Naziaufgebot war alles egal“, erzählt er im Gespräch mit der Redaktion. Und so wurde er im März 1945 „schnell noch eingezogen zum Arbeitsdienst.“

Der Reichsarbeitsdienst war eine Organisation der Nationalsozialisten für Jugendliche und junge Erwachsene. So kam Wilhelm Lissner nach Berlin. „Dort wurden wir ein paar Wochen ausgebildet. Danach wurden wir rund um Berlin eingesetzt und sollten Deutschland retten“, erzählt Lissner.

Gefangennahme durch die Russen

Lissner war nur ein paar Wochen im Einsatz, bevor Anfang Mai der Krieg in Europa endete. „Wir wurden von den Russen gefangen genommen“, so der Schwerter. Und dann ging es zu Fuß auf den langen Marsch nach Küstrin an der Oder.

2002 entschied sich Lissner dazu, seine Erlebnisse aufzuschreiben. Er begab sich mit dem Fahrrad auf eine Tour durch Brandenburg.

Es entstand das Buch „Verwehte Spuren“. „Ich wollte unseren Spuren von damals nachfahren. Immer wenn es die Gelegenheit gab, irgendwo anzuhalten, brachte das auch die Gelegenheit zurückzublicken“, erzählt Lissner.

Wilhelm Lissner berichtet in seinem Buch
Wilhelm Lissner berichtet in seinem Buch „Verwehte Spur“ von dem Geschehen im zweiten Weltkrieg und seiner Kriegsgefangenschaft. © privat © privat

In seinem Buch schreibt er über seine Fahrradtour. „Wenn ich zu bestimmten Stellen auf meiner Tour komme, gibt es wieder einen Rückblick auf die Geschehnisse im Jahr 1945.“ Dabei erzählt Lissner auch von seinen Kriegserlebnissen, mit all dem Schrecken, von dem Marsch, der Niedergeschlagenheit und davon, was der Krieg auch mit der Zivilbevölkerung gemacht hat.

Der Marsch nach Oranienburg

Wilhelm Lissner hat mit Sicherheit sehr viel Geschichten zu erzählen, die er in seinem biografischen Roman niedergeschrieben hat. Eine hat er der Redaktion als Leseprobe zur Verfügung gestellt. Darin geht es um den Gefangenenmarsch von Potsdam nach Oranienburg.

In seinem Buch hat er aufgeschrieben, wie die Gefangenen -die WP’s „Woijna Plenis“, waffenlose Angehörige der deutschen Wehrmacht – auf einem Sammelplatz zusammengebracht wurden. Er erzählt von der kurzzeitigen Erleichterung, wenn man dem Griff des einzelnen Soldaten entkommen ist und nicht mehr seinem alleinigen Urteil über Leben und Tod unterliegt. Von der Ungewissheit – geht es nach Westpreußen, Polen, womöglich sogar bis nach Sibirien?

Deutsche Infanterie bei den Straßenkämpfen um Stalingrad (undatiertes Archivfoto). Lissner wurde 1945 eingezogen und musste um die Stadt Berlin kämpfen.
Deutsche Infanterie bei den Straßenkämpfen um Stalingrad (undatiertes Archivfoto). Lissner wurde 1945 eingezogen und musste um die Stadt Berlin kämpfen. © picture alliance / dpa/dpa © picture alliance / dpa/dpa

Lissner schlägt die Brücke zu dem Marsch der Deutschen auf Stalingrad dreieinhalb Jahre zuvor, als man „siegesgewiss vorwärts gestürmt“ ist. Nun ging es wieder ostwärts „ruhmlos, geschlagen, gefangen, bewacht.“ Und er stellt die Frage: „Wer weiß, wie viele von diesen Männern jemals die Heimat wiedersehen werden.“

Das Buch „Verwehte Spur“ ist für 9,90 Euro bei „books on demand“ erhältlich. www.bod.de

Der neue Lokalsport-Newsletter für Dorsten

Immer freitags um 18:30 Uhr das Wichtigste aus dem Dorstener Lokalsport direkt in Ihr E-Mail-Postfach.

Informationen zur Datenverarbeitung im Rahmen des Newsletters finden Sie hier.