Mittelalterliches Puzzle: Auf dem Boden der Viktorkirche setzt Restauratorin Dorothee Brück (Paderborn) den restaurierten Marienleuchter zusammen. © Reinhard Schmitz
Viktorkirche Schwerte

Puzzle aus dem Mittelalter verrät Geheimnisse: Der Marienleuchter ist zurück

Was das Amsterdamer Rijksmuseum hütet, lag in Schwerte achtlos unter dem Dach von St. Viktor: Ein seltener 500 Jahre alter Marienleuchter ist restauriert. Dabei verriet er einige Geheimnisse.

Bis hoch in den Himmel fährt Maria in der Bibel auf. In der Viktorkirche endete ihre Reise mit dem Flaschenzug schon nach neun Metern. Unter dem Gewölbe des Mittelschiffs kann man die mittelalterliche Messingguss-Statue, die lange Zeit unbeachtet auf dem Dachboden des Gotteshauses herumlag, wieder bewundern. Das Prunkstück ist die Namensgeberin eines kostbaren achtarmigen Hängeleuchters, den die Schwerter vor 500 Jahren von Meistern in den südlichen Niederlanden kauften.

Kronleuchter wurde in Paderborn aufwendig restauriert

Deren Kunstfertigkeit war am Montag für einen kurzen Moment sogar aus nächster Nähe zu bestaunen, als Diplom-Restauratorin Dorothee Brück (Paderborn) den sorgfältig restaurierten Kronleuchter wieder in der Kirche zurückbrachte und aufhängte.

In Einzelteilen zerlegt, lag er wie ein metallenes Puzzlespiel auf dem Boden ausgebreitet: Die Maria mit der Krone und dem bis ins Feinste gestalteten Haarschopf. Die beiden Löwen, die über und unter der Gottesmutter als Zeichen einer starken Beschützerin wachen. Die über glühendem Feuer gedrehten Befestigungsstangen. Und die mit Ranken verzierten, einsteckbaren Kerzen-Arme, die im Laufe der Jahrhunderte einiges von ihrem Blattwerk verloren haben.

Superfein gearbeitet ist die 500 Jahre alte Marienfigur aus Messingguss.
Superfein gearbeitet ist die 500 Jahre alte Marienfigur aus Messingguss. © Reinhard Schmitz © Reinhard Schmitz

Das einzige hölzerne Bauteil ist eine dicke Kugel, die ein Verbindungsstück kaschiert. Sie wäre – so wusste die Restauratorin – für diesen Zweck nicht aus Metall herzustellen gewesen.

Putzmittel lassen einige Stellen wie aus Gold erscheinen

Dorothee Brück hatte noch mehr herausgefunden. In aufwendigen Untersuchungen widerlegte sie die Annahme, dass der Marienleuchter ursprünglich vergoldet gewesen sei.

Die schmalen gülden-glänzenden Stellen in den „Achseln“ der Verzierungen haben eine andere Ursache: Hier hatten sich Reste von Putzmitteln gesammelt und die Ausbildung der dunklen Patina verhindert, die ansonsten den Messingguss überzogen hat. Der muss ursprünglich aber auch sehr golden gewirkt haben, da er mit 70 Prozent einen sehr hohen Kupferanteil enthält. Der Rest des Metallmixes besteht aus Zink.

Mit höchster Konzentration stellt Restauratorin Dorothee Brück die Kerzen in den Marienleuchter. Sie müssen exakt senkrecht ausgerichtet sein, bevor das Kunstwerk hoch zur Decke gezogen wird.
Mit höchster Konzentration stellt Restauratorin Dorothee Brück die Kerzen in den Marienleuchter. Sie müssen exakt senkrecht ausgerichtet sein, bevor das Kunstwerk hoch zur Decke gezogen wird. © Reinhard Schmitz © Reinhard Schmitz

Die besondere Herausforderung bei der Restaurierung des Kunstwerks war es aber, eine neue Befestigung zu konstruieren. Um zusätzliche Stabilität zu gewährleisten, mussten im Inneren versteckt ein Edelstahlstab sowie Absturzsicherungen eingebaut werden. Sichtbar erhalten wurden dagegen Gebrauchsspuren aus der Neuzeit: Beim Versuch, den Leuchter mit elektrischem Licht zu modernisieren, hat irgendjemand damals Löcher für die Kabel in die Kerzenteller gebohrt.

Jetzt stehen dort wieder echte Wachskerzen – jede einzeln mit winzigen Keilen unterfüttert und senkrecht ausgerichtet, da die eisernen Ständerarme sich im Laufe der Zeit verzogen haben. Kerzengerade zupfte Dorothee Brück sogar die Dochte, die niemals angezündet werden.

Besichtigung ist an den Markttagen schon möglich

Mit der Rückkehr des Marienleuchters machte die Evangelische Kirchengemeinde Schwerte ihre Viktorkirche um ein weiteres Kunstwerk reicher. Er ist genauso alt wie der prunkvolle Antwerpener Flügelaltar, der als größter Schatz der Stadt gilt.

Solche filigranen Leuchter aus spätgotischer Zeit sind ganz selten. „Davon befinden sich zwei im Amsterdamer Rijksmuseum sowie in St. Petri in Dortmund“, berichtete Ulrich Halbach, der Vorsitzende des Fördervereins St. Viktor, der die Restaurierung finanziert hat.

Mit einem eigens für diesen Zweck konstruierten Flaschenzug wird der Marienleuchter an die Spitze des neun Meter hohen Gewölbes gezogen.
Mit einem eigens für diesen Zweck konstruierten Flaschenzug wird der Marienleuchter an die Spitze des neun Meter hohen Gewölbes gezogen. © Reinhard Schmitz © Reinhard Schmitz

Mit dem Abschluss des Projektes muss jetzt auch der gedruckte Kirchenführer um eine weitere Attraktion für Besucher erweitert werden. Vor Ort kann sie besichtigt werden, auch wenn derzeit alle Präsenzgottesdienste wegen der Corona-Krise abgesagt sind. Denn die Viktorkirche bleibt weiterhin an den Markttagen mittwochs und samstags am Vormittag geöffnet.

Über den Autor
Redaktion Schwerte
Reinhard Schmitz, in Schwerte geboren, schrieb und fotografierte schon während des Studiums für die Ruhr Nachrichten. Seit 1991 ist er als Redakteur in seiner Heimatstadt im Einsatz und begeistert, dass es dort immer noch Neues zu entdecken gibt.
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