Professor aus Schwerte: „Viren und Medien haben viel gemeinsam“

dz Serie: Schwerter Persönlichkeiten

Stephan Schwingeler aus Schwerte ist heute Professor für Medienwissenschaft in Hildesheim. Im Interview verrät er, warum Videospiele Kunst und Coronavirus und Medien ähnlich sind.

Schwerte

, 25.04.2020, 17:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

In Schwerte aufgewachsen, studierte Stephan Schwingeler Kunstgeschichte und Medienwissenschaft in Trier und Florenz. Seit 2018 lehrt er an der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst in Hildesheim. Ein Interview über Computerspiele, Idole und Corona.

Wann waren Sie das letzte Mal in Schwerte?

Zu Weihnachten. Sowohl mein Vater als auch meine Schwiegereltern leben in Schwerte. Ich habe zwei Kinder und die freuen sich natürlich immer auf einen Besuch bei Oma und den Opas.

Fühlen Sie sich noch als Schwerter?

Ich bin in Schwerte aufgewachsen und zur Schule gegangen – daher bleibe ich natürlich mein Leben lang mit Schwerte verbunden!

Welche Erinnerungen verbinden Sie mit Schwerte?

Ich habe meine Kindheit und Schulzeit komplett in Schwerte verbracht: Ich erinnere mich besonders gern ans Skateboardfahren am Geisecker Kindergarten und an Konzerte im Rattenloch.

Jemand fragt Sie nach einem Geheimtipp in Schwerte. Was antworten Sie?

Die Fleischwurst von Lewe ist eine Delikatesse. Dazu dann noch ein Klecks Schwerter Senf!

Ihr Traumberuf als Kind: Polizist, Feuerwehrmann oder doch eher Astronaut?

Als Kind habe ich mit einem Freund ein Comic-Magazin namens „IRRE“ erfunden. Es gab dazu sogar einen Artikel in den Ruhr Nachrichten mit einem kleinen Portrait über uns junge Autoren. Damals habe ich als Berufswunsch „Millionär“ angegeben. Das hat sich leider nicht bewahrheitet.

Hatten Sie als Kind ein Idol, haben Sie heute noch eins?

Als Kind fand ich die Comiczeichner André Franquin und Todd McFarlane toll. Auch solche Skater wie Tony Hawk haben mich sehr fasziniert. Später kam dann auch Shigeru Miyamoto, der Erfinder von „Super Mario“ auf meine Liste der coolen Leute. Neben Kurt Cobain, versteht sich. Heute schaue ich eher fasziniert auf einige Professoren-KollegInnen und wünsche mir auch soviele Bücher schreiben zu können wie sie.

Sie bezeichnen sich selbst als „Nintendo-Kind“, haben bei Nintendo mit 18 Jahren auch ein Praktikum gemacht. Welchen Anteil hat der Videospiel-Hersteller an Ihrem Werdegang?

Mein Vater hat mir kurz nach der Wende von einer Geschäftsreise aus Berlin einen GameBoy mitgebracht. Das war ein extrem wichtiger Impuls für mich. Die Nintendo-Spiele, die ich dann kennengelernt habe, wie „Super Mario“ und „The Legend of Zelda“, begleiten mich noch heute.

Sie wollten „irgendwas mit Medien“ machen. Wieso sind sie kein Journalist geworden?

Das hätte durchaus passieren können. Im Studium der Medienwissenschaft in Trier hat sich aber eher eine Liebe für den Film entwickelt und sich daraus ein sehr analytischer Blick auf Medienphänomene ergeben. Die Computerspiele habe ich dann am Ende des Studiums aus akademischer Perspektive „wiederentdeckt“.

Wieso interessiert man sich als junger Schwerter für Kunstgeschichte?

Ich habe mich schon immer für künstlerische Dinge interessiert. Ich hatte außerdem einen sehr guten Lehrer am Friedrich-Bährens-Gymnasium, Dr. Peter Epp, bei dem ich Deutsch und Kunst hatte. Er hat da viel für getan, dass mir die Kunst noch mehr am Herzen liegt.

Sie studierten Kunstgeschichte, promovierten im Bereich der Computerspiele. Warum passt das zusammen?

Computerspiele sind ein extrem faszinierendes Phänomen, da sich darin alle anderen Medien wiederfinden lassen. Dazu haben sie auch eine neue Qualität, nämlich Interaktivität, aus der einzigartige Gestaltungsmöglichkeiten entstehen. Computerspiele können eine eigenständige Kunstform sein – das habe ich in meiner Dissertation deutlich gezeigt. Außerdem sind heutige Computerspiele auch in unsere Bild- und Kunsttraditionen einzuordnen: Ich habe in meiner Forschung zeigen können, dass die perspektivischen 3D-Welten heutiger Games mit der Renaissanceperspektive des 15. Jahrhunderts verwandt sind.

Was macht für Sie ein gutes Videospiel aus?
Gute Spiele sind ästhetische Erahrungen. In den besten Spielen spielt sich der Spieler selbst durch.

Angenommen, Schwerte wäre Handlungsort eines Computerspiels. Welches Genre käme Ihnen als erstes in den Sinn?

Bang Boom Bang – The Game: Irgendwas zwischen Grand Theft Auto und Animal Crossing!

Was bewegt Sie aktuell?

Natürlich bewegt mich zurzeit die Corona-Krise. Interessant aus der Sicht der Medienwissenschaft ist, dass Viren und Medien ziemlich viel gemeinsam haben: Wesentlich ist die Beobachtung, dass sich das Virus auf zweierlei Arten viral ausbreitet: Zum einen bewegt es sich von Körper zu Körper. Zum anderen infiziert es auch mediale Kanäle, Agendas und Diskurse. Wir haben es also mit zwei Pandemien zu tun. Die Metapher des Viralen ist in der Medientheorie seit den 1960er Jahren bekannt und bekommt momentan eine völlig neue Aktualität. Daher beschäftige ich mich in diesem Semester mit „Medien der Ansteckung“: Social Media und ihre Wirkmechanismen, Memes, Fake News, Hoaxes, Kettenbriefe, Spam, Computerviren. Diese Viralität findet dann teilweise auch eine bildhafte Entsprechung in medialen, popkulturellen Figuren wie Zombies und Vampiren.

Wofür hätten Sie gern mehr Zeit?

Obwohl ich mich im beruflichen Umfeld unter anderem mit Filmen und Spielen beschäftigen darf, hätte ich doch gern auch privat mehr Zeit für ein Spiel zwischendurch. Meine Kinder sind noch zu klein und daher komme ich im Alltag nicht dazu. Aber bald können wir ja gemeinsam Super Mario spielen.

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