Reporter Daniel Claeßen kommentiert als "Fretful Father" das Familienleben. © Foto Kristina Schröder Photography / Montage Klose
The Fretful Father

Paranoid oder einfach nur „Eltern sein“: Wann man Kinder belügen sollte

Eine Frage seiner Tochter bringt unseren Fretful Father ins Grübeln, wieviel Wahrheit man Kindern zumuten kann. Er entdeckt eine weitere Grenze, die Eltern manchmal überschreiten müssen.

Im Auto lief eine Musik-CD, und gerade als wir vor dem Haus parkten, stimmte Reinhard Mey „Gute Nacht, Freunde“ an. Es sei Zeit für ihn, zu gehen, und was er noch zu sagen hätte, dauere eine Zigarette und ein letztes Glas im Stehen. Unsere Mittlere hörte aufmerksam zu, zumindest solange, bis ich den Motor abgestellt und damit das Radio ausgeschaltet hatte. „Papa, muss der Mann sterben?“

Jedes unserer drei Kinder hat das ausgeprägte Talent, uns mit wenig Aufwand völlig aus dem Konzept zu bringen. Das war wieder so ein Moment: Mit diesem Lied von Reinhard Mey verbinde ich vieles, aber nicht den Tod. Warum also kommt die Kurze jetzt ausgerechnet auf so einen Gedanken? Immerhin, die Antwort war leicht: „Nein, der verabschiedet sich nur von seinen Freunden, weil es spät ist und er ins Bett muss. Genau wie du, übrigens.“

Letzteres hat natürlich nicht funktioniert, aber es brachte mir Zeit zum Nachdenken. Unsere Kinder haben Trauer bereits erleben müssen, als ihre Oma plötzlich gestorben war. Das war dann auch der Moment, in dem meine Frau und ich keine andere Wahl mehr hatten, als die Wahrheit zu sagen. Sie nahmen es deutlich besser auf als gedacht, wahrscheinlich kamen sie auch besser damit klar als wir. Was nicht heißt, dass ihnen Oma egal gewesen wäre, ganz im Gegenteil. Aber Kinder haben nun mal ihren eigenen Blick auf diese Welt, der ihnen vieles leichter erscheinen lässt.

Wo lauern die Gefahren?

Uns Erwachsenen geht dieser Blick irgendwann verloren. Ich glaube so ziemlich genau in dem Moment, in dem wir selbst Kinder bekommen und der Sinn unseres Lebens ab sofort nur noch darin besteht, sie zu beschützen und mit allen Mitteln dafür zu sorgen, dass sie glücklich sind. Eine schöne Aufgabe, ohne Zweifel, aber eben auch eine, die einen wachsam werden lässt: Wo lauern Gefahren, was kann ich den Kleinen (die auch mit 25 noch klein sein werden, sind wir doch ehrlich) zumuten, wie wehre ich Bedrohungen ab?

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Manche würden das als paranoid bezeichnen, ich nenne es einfach „Eltern sein“. Und so sitze ich an diesem Abend alleine vor dem Haus (die schönste Frau der Welt trifft sich mit ihren Mädels zum Essen) und überlege, warum unsere Mittlere so etwas denkt und wie ich die Sache am Besten angehe. Früher hätte ich gesagt, dass der Tod ein Thema ist, mit dem Kinder sich nicht beschäftigen müssen – zumindest so lange nicht, bis sie unmittelbar damit in Berührung kommen. Was ich nicht bedacht hatte: Sie kommen sehr früh unmittelbar damit in Berührung. Man muss ja nur die Nachrichten einschalten und hören, dass wieder irgendwo auf Welt irgendjemand Raketen abgeschossen oder Bomben gezündet hat, weil es Menschen gibt, die nicht das Gleiche denken wie er (oder sie). Der Unterschied ist, dass man abwiegeln kann: „Der Krieg kommt nicht zu uns“, „Es wird hier keine Überschwemmungen oder Dürren geben“, „Hier bei uns im Ort ist alles sicher“. Die Kinder glauben einem das – während man selbst ganz genau weiß, dass sich die Dinge schneller ändern können, als einem lieb ist.

Die wahre Welt kommt früh genug

Wäre es dann also nicht besser, den Kinder die wahre Welt da draußen zu zeigen und klipp und klar zu benennen, worum es vielen Menschen tatsächlich geht? Ich glaube nicht. Lieber überschreite ich eine weitere Grenze und lüge meine Kinder in bestimmten Momenten an – weil ich weiß, dass ich ihnen so die Sorgen nehmen und einen unbeschwerten Tag geben kann. Die wahre Welt lernen sie schon früh genug kennen – wenn sie nicht von selbst drauf kommen, wie es unsere Mittlere offensichtlich an jenem Abend tat.

Ganz nebenbei: Wer „Gute Nacht, Freunde“ hört, dem könnte schon in den Sinn kommen, dass die Interpretation meiner Tochter zulässig ist. Manchmal denkt man einfach zu viel nach.

ZWISCHEN BESORGT UND VERÄRGERT

In seiner Kolumne „The Fretful Father“ schreibt Reporter Daniel Claeßen über Dinge, die ihn als Familienvater bewegen. Und auch wenn er die Probleme seiner Kinder stets ernst nimmt, ist hier nicht immer alles ernst gemeint. Der Titel der Kolumne ist angelehnt an das „Fretful Mother Magazine“ aus der Serie „Die Simpsons“. Womit auch klar ist, dass hier immer mal wieder das Kind im Manne durchkommt. Außerdem kann „fretful“ nicht nur „besorgt“, sondern auch „quengelig“, „weinerlich“ und „verärgert“ bedeuten – womit die Gefühlsspanne unseres Autors ziemlich gut abgebildet wird.

Über den Autor
Redaktion Lünen
Journalist, Vater, Ehemann. Möglicherweise sogar in dieser Reihenfolge. Eigentlich Chefreporter für Lünen, Selm, Olfen und Nordkirchen. Trotzdem behält er auch gerne das Geschehen hinter den jeweiligen Ortsausgangsschildern im Blick - falls der Wahnsinn doch mal um sich greifen sollte.
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Daniel Claeßen

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