Lehrerfortbildungen werden an sogenannten „pädagogischen Tagen“ durchgeführt. Die Kinder bleiben dann zu Hause. Pandemie-genervte Eltern fragen sich, ob das gerade sein muss. © picture alliance / dpa
Corona-Pandemie

Pädagogische Tage an Schulen in der Pandemie – Eltern fragen: „Muss das sein?“

Monatelang Distanzunterricht. Dann wieder Wechselunterricht. Und mittendrin bekommen Eltern die Nachricht, dass ein „pädagogischer Tag“ ansteht. Manche fragen sich, ob das sein muss.

Sie ist am Limit. Die zweifache Mutter Ilka Peters, deren kleiner Sohn die Reichshofgrundschule in Westhofen besucht, ist in der Corona-Pandemie wie viele andere Eltern an ihre Grenzen gekommen. Weil sie im Personalbereich tätig sei, könne sie nicht im Homeoffice arbeiten, erzählt sie. Sie ist froh über jeden Tag, an dem der Drittklässler in der Schule ist.

Jetzt geht es gerade langsam wieder los mit dem Schulunterricht. Zunächst im Wechsel – ab dem 31. Mai sollen nach dem Willen von NRW-Ministerpräsident Armin Laschet dann wieder alle Kinder zur Schule gehen. Erstmal eine gute Nachricht.

„Zuletzt war so viel Unterrichtsausfall“

Doch jetzt steht für den 17. Juni ein „pädagogischer Ganztag“ auf dem Plan der Reichshofgrundschule. „Das verstehe ich nicht: Muss das sein?“, fragt Ilka Peters. Sie ist Klassenpflegschaftsvorsitzende und sagt, aus ihrer Klasse hätten viele Eltern den gleichen Reflex gehabt.

„Zuletzt war so viel Unterrichtsausfall. Da hätten die Lehrer diesen Tag doch machen können, als sowieso keine Kinder zur Schule gehen konnten“, beschwert sie sich. Die Klassenlehrerin habe ihr dazu gesagt, dass man den festgelegten Termin nicht ändern könne. „Von uns Eltern wird immer wieder Flexibilität verlangt, da könnte man uns doch auch entgegenkommen“, fordert sie.

„Wir finden manches nicht mehr logisch“

„Ich verstehe den Unmut vollkommen“, sagt Schulleiterin Karin Ittermann auf Anfrage. Es habe zuletzt in der Pandemie viel Hin und Her gegeben. „Das ist das Problem vieler Eltern und auch vieler Lehrer, dass wir manches einfach nicht mehr logisch finden.“

Zur Forderung, den pädagogischen Tag auf die Zeit des Distanzunterrichtes vorzuziehen oder jetzt nach hinten zu verschieben, sagt sie: „Das klingt erstmal absolut vernünftig.“ Doch die 51-Jährige, die die Leitung der Schule erst im Februar übernommen hat, kann den Termin nicht verschieben.

Externer Profi hatte noch exakt zwei Termine frei

Der Grund: Vom Schulministerium habe es neue Lehrpläne gegeben, die in die aktuellen Lehrpläne eingearbeitet werden müssten – bis Anfang August. „Die kommen on top obendrauf“, betont die Schulleiterin. Für diese Einarbeitung bräuchte das Kollegium die Hilfe eines externen Profis. Und dieser Experte habe bis Anfang August noch exakt zwei Termine freigehabt.

„Da hieß es: Friss oder stirb. Einen dieser Termine musste ich nehmen“, erklärt Karin Ittermann. Sie bittet bei den Eltern um Verständnis. „Ich bekomme Anweisungen, und die gebe ich weiter. Wenn die neuen Lehrpläne zu einem günstigeren Zeitpunkt gekommen wären, dann hätten wir jetzt diesen ganzen Stress nicht.“ Doch die Eltern müssten verstehen, dass ein pädagogischer Tag auch den Kindern zugute käme.

„Erstmal schwer zu begreifen, warum so ein Tag sein muss“

Das sieht Sascha Kudella genauso. Er ist Elternvertreter am Friedrich-Bährens-Gymnasium (FBG) – seine jüngere Tochter geht zur Reichshofgrundschule. „Es ist erstmal schwer zu begreifen, warum so ein Tag sein muss. Bei mir im Kalender steht dann: Annika hat frei. Und man denkt: Es war doch sowieso schon so lange frei.“ Natürlich seien Eltern dann genervt.

Sascha Kudella hat zwei Kinder auf Schwerter Schulen. Er sagt:
Sascha Kudella hat zwei Kinder auf Schwerter Schulen. Er sagt: „Ich kann verstehen, dass Eltern genervt sind. Aber Fortbildung ist wichtig.“ © privat © privat

Auch am FBG habe er solche Rückmeldungen bekommen, als der Fortbildungstag bekannt gegeben wurde. „Aber Fakt ist: So ein Tag bereitet Lehrer und Kinder auf das neue Jahr vor. Das ist kolossal wichtig“, sagt der Vater. Zudem sei der pädagogische Tag gemeinsam von Lehrern und Eltern auf der Schulkonferenz beschlossen worden. „Wir Eltern wollen doch, dass Lehrende sich fortbilden“, sagt Sascha Kudella.

VBE: „Kinder profitieren von solchen Tagen“

Stefan Behlau ist Landesvorsitzender des Verbands für Bildung und Erziehung in NRW. Er sagt: „Kinder und Jugendliche profitieren von den sogenannten pädagogischen Tagen, auch wenn dadurch mal Unterricht ausfällt. Denn an solchen Tagen geht es in einen intensiven Austausch über die Herausforderungen in der Schule und um Fragen der Schulentwicklung.“

Natürlich seien alle am Schulleben Beteiligten am Limit: Familien und Kinder, aber auch Schulleitungen, Lehrkräfte und das pädagogische Personal. Stefan Behlau: „Gerade in diesen schwierigen Zeiten ist es aufgrund der herausfordernden Situation für die Schulen wichtig, im Interesse der Kinder den intensiven pädagogischen Austausch der Kollegien zu gewährleisten.“

Viele Eltern hoffen einfach, dass ihre Kinder so oft wie möglich wieder im Klassenraum sitzen.
Viele Eltern hoffen einfach, dass ihre Kinder so oft wie möglich wieder im Klassenraum sitzen können. © picture alliance/dpa © picture alliance/dpa

Im Interesse der Kinder – so verstehen es allerdings gerade viele Eltern – ist es erst einmal, überhaupt wieder im Klassenraum zu sitzen. Was Sascha Kudella als Elternvertreter mitbekommt, sind die vielen Anweisungen durch das Schulministerium. Drei bis vier unterschiedliche Szenarien für den Unterricht hätten Lehrer zuletzt vorbereiten müssen. Und die Schulmails seien immer erst sehr spät angekommen. Sascha Kudella: „Wie da der Arbeitgeber mit seinem Personal umgegangen ist, ist eine Schweinerei. Das muss mal so deutlich gesagt werden.“

Unterricht für alle macht Hoffnung

Ilka Peters ist durchaus klar, dass eine Schulleitung die Vorgaben des Ministeriums beachten muss. Ihre Kritik richtet sich deshalb vor allem auch gegen die Schulpolitik. „Die Klassenlehrerin meines Sohnes ist sehr nett und engagiert. Aber wir berufstätigen Eltern stoßen echt an das Ende unserer Kapazitäten.“

Schulleiterin Karin Ittermann versteht das. „Für die Eltern ist die Pandemie eine immense Herausforderung.“ Hoffnung macht, dass demnächst wieder Unterricht für alle möglich sein soll. Das gesamte Kollegium sei froh, dass es bald weitergehe: „Es ist gut und richtig, dass die Schulen wieder öffnen.“

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Begegnungen mit interessanten Menschen und ganz nah dran sein an spannenden Geschichten: Das macht für mich Lokaljournalismus aus.
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Martina Niehaus

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