Arbeitsagentur lässt 330 entlassene Hoeschianer vor der Tür stehen

dzHoesch Schwerter Profile

Bei den ersten Kündigungen im Frühjahr kam das Arbeitsamt noch vor Ort zu Hoesch. Bei der Massenentlassung am Dienstag nicht. Die Behörde ist immer noch im Coronamodus - auch in ihren Büros.

Schwerte

, 01.07.2020, 18:14 Uhr / Lesedauer: 2 min

330 Kündigungen auf einen Schlag. Für Massenandrang bei der Arbeitsagentur wird die Schließung von Hoesch Schwerter Profile sorgen. Alle Betroffenen müssen sich dort melden. Die Frage ist nur: wie? Bei der ersten Entlassungswelle in dem Stahlunternehmen im Frühjahr hatte die Behörde noch Mitarbeiter vor Ort geschickt, um beim Ausfüllen der Anträge zu helfen. „In Coronazeiten kommt das Arbeitsamt aber nicht raus“, sagt der stellvertretende Betriebsrats-Vorsitzende Ralf Behler: „Das geht nur telefonisch oder online - du kommst nicht rein ins Arbeitsamt.“

Betriebsrat hat kein Verständnis für die Arbeitsagentur

Eine schier unüberwindliche Hürde, vor allem für Kollegen, die 40 oder 50 Jahre bei Hoesch beschäftigt waren, sorgt sich Ralf Behler: „Wie sollen die online ihren Antrag stellen?“ Sie haben keine Erfahrung damit, sind zum ersten Mal in ihrem Leben arbeitslos geworden. Und dann noch in dem Spezialfall aus der Insolvenz heraus, der weitere Fragen aufwirft. Für das Vorgehen der Arbeitsagentur hat der Betriebsrat deshalb kein Verständnis: „Die verlieren keine Kunden - und wenn, dann sich sei froh darum.“

Verwirrende Plakate an der Eingangstür der Büros am Cavaplatz

Während beispielsweise das Rathaus nach dem Abflauen der Coronakrise längst

wieder in Richtung Normalbetrieb steuert, den Bürgerservice vormittags ohne Termin und die übrigen Ämter nach Terminabsprache zugänglich macht, schottet sich die Arbeitsagentur immer noch vor ihren Kunden ab. „Zum gesundheitlichen Schutz aller verzichten wir derzeit auf persönliche Gespräche in unseren Geschäftsstellen“, verkündet ein Plakat hinter der Eingangstür zu den Büros am Cavaplatz. Im Widerspruch dazu steht auf einem weiteren Aushang: „Persönliche Vorsprachen nur nach Terminvereinbarung“.

Ein Plakat in der Eingangstür der Arbeitsagentur Schwerte am Cavaplatz weist darauf hin, dass nach der Coronakrise immer noch keine persönlichen Besuche möglich seien. Stattdessen wird auf Telefon, Post und Internet zur Kontaktaufnahme verwiesen.

Ein Plakat in der Eingangstür der Arbeitsagentur Schwerte am Cavaplatz weist darauf hin, dass nach der Coronakrise immer noch keine persönlichen Besuche möglich seien. Stattdessen wird auf Telefon, Post und Internet zur Kontaktaufnahme verwiesen. © Reinhard Schmitz

„Das Wenigste ist in persönlicher Form erforderlich“, sagt Ulrich Brauer, Pressesprecher der Arbeitsagentur, nach den Erfahrungen aus der Coronazeit. Besuche seien nur noch auf Terminierung möglich, nicht auf spontane Vorsprache. Doch wie sollten auf diese Weise 330 Kunden zeitnah unter Einhaltung der derzeitigen Abstandsregeln durchgeschleust werden? Nach der Anfrage der Redaktion hatte die Behörde bis Mittwochabend doch noch eine Lösung gefunden. „Wir haben vorgeschlagen, eine spezielle Hotline zu speziell eingewiesenen Mitarbeitern einzurichten, die nur die Betroffenen erfahren“, erklärte Ulrich Brauer. Auf diesem besonderen Zugangsweg könnten die Hoeschianer auf individuelle Art und Weise beraten werden.

Alle haben wegen der Insolvenz maximal drei Monate Kündigungsfrist

Vom Hoesch-Betriebsrat war unterdessen die konkrete Zahl der Kollegen zu erfahren, die nicht auf eine Beschäftigung bis zum Ende der sogenannten Ausproduktion im Mai 2021 hoffen dürfen. 107 Mitarbeiter mussten sofort gehen und seien teilweise schon freigestellt, sagt Ralf Behler. Querbeet durch alle Abteilungen. Aber besonders betroffen seien Verwaltungsbereiche wie die Personalabteilung und das Rechnungswesen, deren Aufgaben der Insolvenzverwalter zum großen Teil mit eigenem Personal übernehmen könne. Für alle gelte, egal wie lange sie dem Unternehmen treu waren, wegen des Insolvenzverfahren eine maximale Kündigungsfrist von drei Monaten. Auch mit einer größeren Abfindung könnten die Betroffenen nicht rechnen: „Maximal zweieinhalb Monatsgehälter brutto - wenn noch was da ist in der Insolvenzmasse.“

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Auf die Arbeitslosenzahlen der Ruhrstadt werde sich das Hoesch-Ende nur teilweise auswirken, erklärt Arbeitsagentur-Sprecher Ulrich Brauer. Einerseits würden die Betroffenen nach dem Wohnortprinzip erfasst und deshalb nicht komplett in der Schwerter Statistik auftauchen. Andererseits würden sie wohl „häppchenweisen entlassen“, so dass die Werte nicht auf einen Schlag in die Höhe schnellen. Für den Juni 2020 vermeldete die Arbeitsagentur für die Ruhrstadt insgesamt 1.666 Arbeitslose, was einer Erwerbslosenquote von 6,7 Prozent entspricht.

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