Festnahme auf Facebook, verlängerter Mord-Prozess – die Chronologie des Falls Michael S.

72-Jährige getötet

Eine tote Frau in Ergste. Eine Festnahme, auf Facebook übertragen. Dann ein langer Prozess gegen den vorbestraften Sexualmörder Michael S. – Hier die Chronologie des Falles und das Urteil.

Ergste

, 06.11.2019, 05:05 Uhr / Lesedauer: 6 min
Festnahme auf Facebook, verlängerter Mord-Prozess – die Chronologie des Falls Michael S.

Kurz vor dem Urteil: Unter großem Medieninteresse schaut Michael S. zu Boden. © Björn Althoff

Totschlag, kein Mord: Michael S. ist verurteilt worden zu 14 Jahren Haft plus Sicherungsverwahrung. Das Landgericht urteilte, S. habe im Januar eine 72-Jährige in Ergste umbracht. Mit sexuellem Hintergrund.

Es ist ein Fall, der nicht nur in Schwerte und Ergste 2019 für Aufsehen sorgte, sondern weit darüber hinaus.

Was passierte überhaupt wann? Welche Details kamen wann ans Licht? Wann gab es Wendungen in diesem Fall?

Hier die Chronologie unserer Berichte aus rund elf Monaten:

10. Januar 2019: Nur ein kleiner Feuerwehr-Einsatz? Nur ein Rauchmelder-Warnton? Nein, Feuerwehr und Polizisten machen eine schreckliche Entdeckung: In einem Haus an der Gillstraße in Ergste finden sie eine tote Frau. Und erste Hinweise darauf, dass dem Tod eine Gewalttat vorausgegangen sein muss.

11. Januar: Wie und wann wurde das Opfer entdeckt? Wer war das Opfer? Wie laufen die Ermittlungen? An Tag zwei nach der Tat wurden weitere Details bekannt.

14. Januar: Ein Sondereinsatzkommando der Polizei nimmt einen 49-Jährigen fest. Er soll bereits jahrzehntelang wegen eines Tötungsdeliktes im Gefängnis gewesen sein. Besonders kurios: Der Mann übertrug seine eigene Festnahme live auf Facebook.

15. Januar: Wer ist der Mann, der eine Frau in Ergste getötet haben soll? Schon jetzt ist Vieles bekannt: Er arbeitete als Gärtner, malte im Knast und verfasste Gedichte. Und er aß Brötchen mit Frischkäse.

16. Januar: Ein Gutachten aus dem Jahr 2018 wird bekannt. Darin kam man zum Ergebnis: Von dem Mann, der 1990 eine Frau umgebracht hatte, geht keine Gefahr mehr aus. Und man ließ ihn aus der JVA in Ergste frei.

21. Januar: Das Video von der Festnahme steht immer noch bei Facebook. Hat die Polizei eigentlich nichts dagegen?

24. Januar:
Was darf das Sondereinsatzkommando der Polizei eigentlich, wenn es einen Verdächtigen festnimmt? Muss es vier Mal klingeln, wie auf dem Facebook-Video zu hören ist? Die Polizei beantwortet einige Fragen dazu.

2. Februar: Nach dem Mord geht in Ergste die Angst um. Die Nachbarn des Mordopfers sind in Sorge: Wie sicher ist die JVA Schwerte?

7. Februar: Michael S. (mittlerweile 50 Jahre alt) sitzt weiter in Untersuchungshaft und schweigt zu den Vorwürfen der Staatsanwaltschaft. Ein Blick ins Archiv zeigt: Nach dem Mord 1990 sagte er deutlich schneller aus.

25. Februar: Ist es eigentlich üblich, dass ein entlassener Häftling in der Stadt bleibt, in der die JVA liegt? Eher nicht, sagen Statistiken und Fachleute. Der Fall Michael S. sei auch in diesem Punkt die absolute Ausnahme.

27. März: Wie war Michael S. in seiner Zeit in der JVA Schwerte? Ein ehemaliger Mithäftling unterstreicht: S. habe dort eine Sonderrolle gehabt und sich als Künstler gesehen. Er berichtet auch von einem Freigang aus dem Frühling 2018, bei dem sich S. einiges habe zu schulden kommen lassen. Dennoch sei es zur Entlassung im Herbst gekommen.

24. April: Die Staatsanwaltschaft Hagen hat die Anklageschrift gegen Michael S. fertig – und zum Landgericht weitergeleitet. Das Gericht erklärt bereits, dass der Prozess idealerweise bis Mitte Juli starten müsse. Denn ein Angeklagter dürfe normalerweise nur sechs Monate in U-Haft sitzen. Andernfalls müsste man eine Verlängerung beim Oberlandesgericht beantragen oder ihn freilassen.

14. Mai: Der Prozess ist terminiert: Er soll am 4. Juli beginnen. Auch zur Aussage von Michael S. gibt es mittlerweile eine genauere Auskunft: Er habe mit der Staatsanwaltschaft darüber geredet, wie er den 9. und 10. Januar verbracht habe. Nur, so der Landgerichtssprecher: „Die Tat kam in dieser Darstellung nicht vor.“

14. Juni: 7 Prozesstage, 6 unterschiedliche Gutachter, 24 Zeugen – das Landgericht hat mittlerweile alles durchgeplant. Das Ziel: Am 29. August soll das Urteil verkündet werden. Das wird sich im Laufe des Prozesses noch mehrfach ändern – ebenso wie die Liste der Zeugen.

4. Juli: Großer Medienrummel zum Prozess-Auftakt: Fernsehteams und Fotografen scharen sich vor allem um die Gruppe von Freunden der getöteten 72-Jährigen. Sie tragen weiße T-Shirts mit dem Konterfei der Frau – „um auch dem Opfer ein Gesicht zu geben“. Nachbarn, Feuerwehrleute und Polizisten schildern den Tag, an dem die Frau gefunden wurde. Zwei Sachverständige berichten über den Brand und mögliche Ursachen sowie über die Drogen, die im Körper von Michael S. nachweisbar waren.

19. Juli: An Tag 2 des Prozesses geht es vor allem um die Zeit, die Michael S. nach seiner Entlassung aus der JVA Schwerte in Freiheit verbracht hat. Zu Wort kommen unter anderem sein Arbeitgeber, eine Bewährungshelferin, einige Frauen, die S. in Schwertes Kneipen kennenlernte. Und auch eine grauhaarige Frau, die beschreibt, wie Michael S. sie sexuell habe nötigen wollen – und das nur wenige Tage vor der Tat von Ergste.

25. Juli: Viele belastetende Details und Indizien kommen an Prozess-Tag 3 ans Licht: An vielen Stellen im Haus wurden DNA-Spuren von Michael S. gefunden, unter anderem an der Unterhose der Toten. Nach der vermuteten Tatzeit wurde vom Rechner der Frau erstmals nach „Porno Oma“ gegoogelt. Zwischen Mord und Festnahme versuchte Michael S. offenbar, mit Schmirgelpapier Flecken aus seiner Kleidung zu bekommen.

31. Juli: Ob das Opfer als Folge von Schlägen, Stichen, Würgen oder doch des Brandes starb, ist unklar. Das erklärt ein Sachverständiger an Prozess-Tag 4. Eine ehrenamtlich Engagierte, die Michael S. seit 2005 begleitete, stellt klar: Der Vorwurf eines Uhren-Diebstahls aus der Anklageschrift sei nicht haltbar. Die Uhr, die man bei Michael S. gefunden habe, gehöre ihm. Zur kurzen Zeit, die S. in Freiheit verbracht hatte, sagt sie: Er sei immer schlechter zurechtgekommen.

3. August: Das Gericht hat mittlerweile die Liste von Zeugen erweitert. Aussagen sollen auch Mitarbeiter aus der oder aus dem Umfeld der JVA.

7. August: Vieles scheint klar. Andere Fragen sind noch offen: Was es nun Mord? Oder Totschlag? Ist Michael S. der Täter? Was würde für eine Sicherheitsverwahrung sprechen, was nicht? Eine Zwischenbilanz.

13. August: Prozess-Tag 5. Die Psychologin der JVA Schwerte sah Risiken bei der Haftentlassung. Sie habe aber an Drogen gedacht, nicht dass etwas Schlimmeres passieren würde. Der Schwerter Psychologe, der Michael S. nach der Haftentlassung nur einmal sah, formuliert: „Ich wusste, dass er in Freiheit Schiffbruch erleiden würde.“ Zudem geht es um einen Rückblick auf die ersten Lebens-Jahrzehnte von Michael S.

14. August: An diesem Tag sollte der Prozess weitergehen. Der Zeitplan wurde allerdings geändert, weil der psychologische Gutachter länger brauchte. Er solle am 29. August zu Wort kommen, hieß es – also an dem Tag, an dem eigentlich das Urteil hätte verkündet werden sollen. Plädoyers und Urteil sind auf 30. August verschoben.

29. August: An Prozess-Tag 6 allein passiert mehr als sonst in ganzen Gerichtsprozessen: Zum einen spricht der psychologische Gutachter zwei Stunden lang über all das, was er in den Akten über Michael S. gefunden hat, und über all das, was er in mehreren langen Terminen mit ihm gehört hat. Er gibt schwere Vorwürfe des Angeklagten gegen die JVA Schwerte weiter: Man habe dem Inhaftierten Sozialtherapie verweigert und ihn stattdessen nur intern an Kulturangeboten wie dem Theater teilnehmen lassen.

Zudem der Auftritt von Michael S.‘ Schwester: Sie rastet im Gerichtssaal aus und will den Bruder attackieren. Sie berichtet zudem über gemeinsamen Drogenkonsum an Weihnachten – und dass er Fotos mit ihren Kindern auf Datingportale gestellt habe und dort behauptet, es wären seine.

Kurze Zeit später bricht es auch aus Michael S. heraus. Zum ersten Mal und zur Überraschung seines Verteidigers wehrt er sich verbal: Er habe immer seine Wünsche erwähnt in der Zeit in der JVA. Was man ihm gewährt habe, „hatte aber alles nichts mit der Realität zu tun.“

30. August: Urteil, Plädoyers? Nein, alles verschoben. Dieser Prozess-Tag entfällt. Stattdessen lädt das Gericht nachträglich den Gefängnispfarrer und Theatergruppen-Leiter als Zeugen. Neuer Zeitplan: Das soll am 6. September geschehen. Plädoyers und weitere Nachfragen an den Psychologen sind für 30. September geplant, die Urteilsverkündung für 10. Oktober.

6. September: Die JVA Schwerte habe große Bedenken bei der Freilassung von Michael S. gehabt. Man habe angegeben, der langjährige Inhaftierte brauche in Freiheit ein ganz enges Korsett. Das stellt der Gefängnispfarrer an Prozess-Tag 7 im Zeugenstand klar. Einem Gefangenen Therapien zu verweigern – das könne er gar nicht. Mehr noch: Er habe sich um Therapie-Möglichkeiten gekümmert, allerdings vergeblich.

27. September: Kurz bevor Plädoyers und Urteil nun aber wirklich anstehen sollen, blickt unsere Redaktion ausführlich auf den Fall. Was passierte wann? Was ist über das Leben den Angeklagten, über die Taten und über die Zeit in und nach der JVA Schwerte am Ende des Prozesses bekannt? Eine Einordnung.

30. September: Die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft werden abgewandelt.Es geht nicht mehr zwingend um Mord, sondern um ein wie auch immer geartetes Tötungsdelikt, für das Michael S. verantwortlich sein soll. Kleinere Vorwürfe wie der Diebstahl sind allerdings raus. Das ist Erkenntnis Nummer 1 an Prozess-Tag 8.

Michael S. hat sich entschlossen, doch etwas zu sagen – welche schlimmen Dinge ihm im Laufe des Lebens passiert seien. Richter Marcus Teich will wissen, ob er auch etwas rund um die Tatvorwürfe sagen möchte. Nach längerer Beratungspause sagt er: Ja, aber nicht öffentlich, sondern nur direkt dem Psychologen, der es dann in der Verhandlung wiedergeben soll.

Das wiederum wirft den Zeitplan erneut über den Haufen. Neuer Zeitpunkt für die Urteilsverkündung: 6. November.

10. Oktober: Prozess-Tag Nummer 9 ist kurz und wird vor allem beibehalten, weil nicht zu viele Wochen zwischen einzelnen Tagen liegen dürfen. Sonst ist der ganze Prozess anfechtbar. Einziges neues Detail: Richter, Staatsanwalt und Verteidiger werfen einen Blick auf einige Kleidungsstücke, die die Tote trug. Dabei wichtig: Sind sie zerrissen? Nein.

30. Oktober: Michael S. hat doch nichts mehr gesagt – auch nicht gegenüber dem Psychologen alleine. Deshalb geht es nun doch ganz schnell zu den Plädoyers. Staatsanwalt Michael Burggräf fordert eine lebenslange Haftstrafe plus Sicherheitsverwahrung. Es sei von einem sexuell motivierten Mord auszugehen. Der Angeklagte habe zielgerichtet gehandelt und sei eine Gefährdung für die Allgemeinheit.

Verteidiger Martin Düerkop stellt keinen eigenen Antrag. Auch er gehe davon aus, dass Michael S. die Frau getötet habe. Der Angeklagte selbst sagt: „Ich bitte um Vergebung.“

6. November: Prozess-Tag Nummer 11. Tag der Urteilsverkündung. Die Kammer um den Vorsitzenden Richter Marcus Teich verkündet: 14 Jahre Haft plus anschließende Sicherungsverwahrung. Es lasse sich ein Totschlag nachweisen, nicht aber ein Mord. Dennoch bewegen sich die Richter ziemlich nah an der oberen Grenze dessen, was sie bei Totschlag in einem nicht minder schweren Fall in Deutschland als Strafe festsetzen dürfen.
Damit verkündete das Gericht um den Vorsitzenden Marcus Teich ein milderes Urteil, als das von der Staatsanwaltschaft beantragte Lebenslänglich wegen Mordes. Doch in der Sache heißt das auch: ein wasserfestes Urteil, das sicherstellen soll, dass Michael S. (50) aller Voraussicht nach nie wieder auf freien Fuß kommt.
Warum kein Mord? Es lasse sich zweifelsfrei beweisen, dass Michael S. die Frau umgebracht habe. Doch ob es nun Totschlag oder Mord war – das sei eben nicht klar. Dann, so Teich, „müsste man sagen können: So war‘s und nicht anders.“
Doch gerade die Persönlichkeit des Angeklagten lasse das nicht zu. Eine vielschichtige Störung lasse nicht zu, nachzuvollziehen, was in Michael S.‘ Kopf vor sich gehe: „Wir wissen nicht, warum der Angeklagte in dieser Situation konkret getötet hat.“

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