Wenn am Montag die Autobahnzufahrt in Richtung Köln gesperrt wird, beginnt der Ausbau der B236 in Schwerte. Geplant wurde er seit 81 Jahren. Rückschau auf eine fast unendliche Geschichte.

Schwerte

, 01.05.2020, 17:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Am Montag wird die Autobahnzufahrt in Richtung Köln gesperrt. Damit beginnt der Ausbau der B236 vom Tunnel in Berghofen bis zur Autobahn. Bis Oktober bleibt die Autobahnzufahrt gesperrt. Doch die Pläne für den Ausbau der Bundestraße waren schon unter den Nazis ein Thema.

1939 - 1955: Die ersten Pläne für den Ausbau

„Die Belastung der B236 durch den modernen Automobilverkehr ist zu hoch. Deshalb muss eine neue Trasse für den Verkehr geschaffen werden.“ Diese Vorgabe beschäftigte den Rat erstmals im Jahr 1939, wie ein Blick ins Archiv verrät.

Die sogenannte NS X war eine Umgehungsstraße, die geradlinig zwischen Ruhrbrücke und Freischütz verlief.

"Zur schönen Aussicht" nannte Wirt Heinrich Sprave sein Ausflugslokal an der Hörder Straße. Heute würde man aus den Fenstern direkt auf die Autobahnauffahrt Schwerte schauen.

"Zur schönen Aussicht" nannte Wirt Heinrich Sprave sein Ausflugslokal an der Hörder Straße. Heute würde man aus den Fenstern direkt auf die Autobahnauffahrt Schwerte schauen. © Foto: Stadtarchiv

Ein Entwicklungsplan war bereits fertig, doch dann kam der Krieg, und nach Kriegsende hatte man andere Sorgen.

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1955 - 1958: Der erste Anlauf für einen vierspurigen Ausbau

Auch 1955 scheiterte der Plan, die Ortsdurchfahrt zu verbessern. Damals hatte der Siedlungsverband, der Vorgänger des Regionalverbandes Ruhr, einen vierspurigen Ausbau der B236 auf dem Papier erarbeitet. Schnell wurde aber klar, dass die Erweiterung der beiden Eisenbahnbrücken ein kostspieliges Unterfangen werden würde.

Kein einziges Auto machte der Straßenbahn die Hörder Straße streitig, als Friedhelm Stratmann im Juni 1954 vor seinem Haus deren letzte Fahrt nach Hörde fotografierte.

Kein einziges Auto machte der Straßenbahn die Hörder Straße streitig, als Friedhelm Stratmann im Juni 1954 vor seinem Haus deren letzte Fahrt nach Hörde fotografierte. © Repro: Reinhard Schmitz

1959 bis 1967: Die östliche Trasse

Von 1959 bis 1963 entwickelte man den Plan, eine östliche Umgehungsstraße zu bauen. 1963 wurde die sogar ins Verbandsverzeichnis der zu bauenden Straßen des Siedlungsverbandes aufgenommen.

Eine Handvoll Zapfsäulen reichten in den 60er Jahren noch aus an der Aral-Tankstelle an der Hörder Straße, die damals von Josef Falke betrieben wurde.

Eine Handvoll Zapfsäulen reichten in den 60er Jahren noch aus an der Aral-Tankstelle an der Hörder Straße, die damals von Josef Falke betrieben wurde. © Repro: Reinhard Schmitz

Drei Jahre später sprach sich der Rat der Stadt Schwerte gegen die Trassenplanung aus, die westlich des Freischütz verlaufen sollte. Wie die neue Trasse denn aussehen sollte, konnte der Rat in den folgenden Monaten nicht klären. Auch ein neuer Generalverkehrsplan brachte keine eindeutige Einigung. Per Beschluss stellte man aber 1967 zumindest fest, dass man dagegen sei, die B236 nur bis zur Stadtgrenze auszubauen und dann in die Bundesstraße einfädeln zu lassen.

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Die 80-er Jahre: Die Lindwurmtrasse

Die mögliche Trasse einer Umgehungsstraße, „Lindwurmtrasse“ genannt, wurde 1985 vom Rat aus dem Flächennutzungsplan genommen. Die SPD-Mehrheit setzte damals auf die Idee, den Robert-Koch-Platz zu untertunneln, die CDU wollte hier einen Kreisverkehr. Aus heutiger Sicht, findet der städtische Verkehrsplaner Dirk Hoppe, müsse man sagen: Damals fehlte schlicht der Mut zur großen Lösung.

1986 bis 1991: Stadt gibt Pläne für Umgehungsstraße auf

Das Straßen-Neubauamt Gelsenkirchen gab schließlich Anfang der 90-er Jahre die letzten Grundstücke, die man für den Bau der Umgehungsstraße gekauft hatte, der Stadt zurück. Die ließ dort Technopark und Feuerwache errichten, obwohl man wusste, dass die B236 kommen würde.

Der Ausbau war nämlich bereits 1986 wieder auf die Tische der Planer zurückgekehrt. Der Bundestag hatte einen neuen Bedarfsplan für Fernstraßen beschlossen. Darin auch die direkte Verbindung von der A2 zur A1, aber eben nur diese. Die Durchfahrt durch Schwerte blieb ungeregelt.

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Mitte der 90-er Jahre: Langer Tunnel unter der Stadt

Dafür hegte man bis Mitte der 90er-Jahre den Plan, die B236 nicht nur durch Berghofen, sondern bis zur A1 als Tunnel zu führen. Ein Umweltverträglichkeitsgutachten sprach sich für die kostengünstigere oberirdische Lösung aus.

2000: Alles wieder auf Anfang

Um die Jahrtausendwende verfolgte die Stadt den Plan, die Straße eher zu beruhigen. Eine Verkehrssimulation bereitete dieser Idee ein Ende. Seitdem gibt es die Planung, zumindest teilweise die Straße zu verbreitern. Übrigens mit einem Umbau einer der beiden Eisenbahnbrücken.

2006: Das erste Planfeststellungsverfahren

Bereits im April 2006 hatte man erstmals die Ausbaupläne vorgestellt und stieß dabei auf massive Bürgerproteste und Einwände. Über sieben Meter hohe Lärmschutzwälle und mangelnde Fuß- und Radwege regten sich Anwohner und Verbände auf. Darüber hinaus hatte man einen versteckten Bachlauf bei der Planung übersehen. Das Ganze sollte zügig nachgebessert werden. Dann gab es aber neue Verkehrsprognosen, und die Planung musste komplett erneuert werden.

2008: Der Tunnel wird eröffnet und die Planfestellung verschoben

Am 14. Juli 2008 wird der Tunnel in Berghofen eröffnet. Damit rückt die Trasse weiter an die Stadtgrenze heran. Doch der angedachte direkte Weiterbau muss nicht nur vorerst verschoben werden. Die neuen Pläne werden immer weiter nach hinten gerückt. 2013 stellt der Vorsitzende des Planungsausschusses fest: Seit 2008 warten wir auf neue Pläne zur Trasse.

Wenn der Sand bei den wirklichen Bauarbeiten auch so gut fliegt, muss der Ausbau der B236 im Zeitplan gelingen. Den symbolischen ersten Spatenstich setzten am Freischütz (v.l.) Bodo Baumbach (Geschäftsführer Deges), Enak Ferlemann (Parlamentarischer Staatssekretär), NRW-Verkehrsminister Hendrik Wüst, Ulrich Reuter (FDP-Landtagsabgeordneter) und der erste stellvertretende Bürgermeister Jürgen Paul.

Wenn der Sand bei den wirklichen Bauarbeiten auch so gut fliegt, muss der Ausbau der B236 im Zeitplan gelingen. Den symbolischen ersten Spatenstich setzten am Freischütz (v.l.) Bodo Baumbach (Geschäftsführer Deges), Enak Ferlemann (Parlamentarischer Staatssekretär), NRW-Verkehrsminister Hendrik Wüst, Ulrich Reuter (FDP-Landtagsabgeordneter) und der erste stellvertretende Bürgermeister Jürgen Paul. © Reinhard Schmitz

2017 bis 2018: Pläne sind fertig

Die kommen dann 2016. Und 2017 ist das Planfeststellungsverfahren endgültig abgeschlossen. Der Landesbetrieb Straßen.NRW übergibt die Ausführung der Bauarbeiten an die Deges, die Deutsche Einheit Fernstraßenplanungs- und -bau GmbH.

Die verspricht einen Baubeginn im Sommer 2018. Ein erster Spatenstich wird auch gemacht. Mit Verkehrsminister und Amsträgern. Dann gibt es aber einen Rechtsstreit mit dem Brückenbauer, der die Fußgängerbrücke am Freischütz bauen will, und die Baustelle wird wieder stillgelegt.

Eine provisorische Zugangsrampe wurde noch einmal an die Fußgängerbrücke am Freischütz betoniert, die eigentlich wegen des Ausbaus der B236 abgerissen werden soll.

Eine provisorische Zugangsrampe wurde noch einmal an die Fußgängerbrücke am Freischütz betoniert, die eigentlich wegen des Ausbaus der B236 abgerissen werden soll. © Reinhard Schmitz

2020: Der obere Teil wird gebaut, beim unteren wird geplant

Am 12. März 2020 findet im Rathaus in Schwerte die Erörterung für den Ausbau der Trasse durch die Stadt statt. 26 private Einwendungen wurden erhoben. Von Lärmschutz für Nachbarn über ungünstige Radwege bis zu dem Verlust von Parkplätzen reichte die Kritik. Alles wurde erörtert und von den Planern bewertet. Dann kam Corona.

Zumindest auf dem ersten Teil der Trasse wird aber gebaut. 81 Jahre nach den ersten Planungen.

(Anmerkung des Autors: Teile dieses Berichts wurden bereits 2013 veröffentlicht.)

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