Den Song „Hier in Schwerte" schrieben die Deutsch-Punkrocker Tim Grünebaum (l.) und Henning Bergmann als „Die Schwerte Boys". © Henning Bergmann
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Klebende Pappkaplane schlagen als Schwerte Boys auch kritische Töne an

Es werden immer mehr. Die Corona-Zeit nutzen weitere Musiker, um einen Song auf ihre Heimatstadt zu schreiben. Die Schwerte Boys, eigentlich klebende Pappkaplane, verbinden Rock und Satire.

Wo setzt man auf Beständigkeit und ist die Ruhr schon ziemlich breit? Wo gibt es niemand unter 30? Und wo fährt nach 19 Uhr kein Bus? Das erfährt man, wenn man „Die Schwerte Boys“ im Musikkanal Youtube aufruft. „Hier in Schwerte“ donnert der Refrain ihres klassisch-rockigen Stadt-Songs gleich Dutzende Male in die Ohren.

Ganz bewusst ein Gegenpol zu den anderen Schwerte-Hymnen

Ganz bewusst wollen Tim Grünebaum (35) und Henning Bergmann (35) mit ihrer Veröffentlichung einen kleinen Gegenpol zu den bisher erschienenen Hymnen setzen. „Da war uns alles ein bisschen zu viel Heimatliebe, ein bisschen übertrieben“, sagt Tim Grünebaum. Dabei mag er die Stadt, in der er geboren wurde, eigentlich auch. Nur darf diese Liebe nicht mit zuviel Schmalz bekannt werden: „Es ist realistischer, ehrlicher, wenn man auch negative Seiten zeigt, die man verbessern kann.“ Deshalb sei die Idee entstanden, mit einem satirisch gemeinten Song zur Diskussion anzuregen.

Am Ruhrufer drehte Sänger Tim Grünebaum eine Videoszene für den Song  „Hier in Schwerte
Am Ruhrufer drehte Sänger Tim Grünebaum eine Videoszene für den Song „Hier in Schwerte”. © Henning Bergmann © Henning Bergmann

Gleichzeitig sollte das Lied zeigen, dass Schwerte lustig sein kann. Bierernst gemeint sind die Zeilen der beiden Deutsch-Punker also absolut nicht. Schon gar nicht, wenn sie im Video von „schlechtes Essen für wenig Geld“ singen und dabei im Hintergrund die markante rote Backstein-Fassade eines bekannten Restaurants vorbeizieht. „Der Brunch dort ist ausgezeichnet“, betont Tim Grünebaum. Doch was mag er sich wohl denken, wenn er neben der Brunnenskulptur auf dem Postplatz hinausschreit: „Hier in Schwerte – gibt man Geld für Schwachsinn aus“?

Musiker möchten auch ein bisschen den Finger in die Wunde legen

„Nicht jeder nimmt das als Witz auf“, weiß Tim Grünebaum über seinen Song: „Aber ein bisschen den Finger in die Wunde legen kann man.“ Ein großer Kritikpunkt sei, dass in Schwerte einfach nichts los sei für junge Leute. Anders als in eben Dortmund, wo der Sohn von Musikinstrumenten-Händler Peter Grünebaum nach seinem Volkswirtschafts-Studium lebt. Auch sein musikalischer Partner Hennig Bergmann, in Villigst aufgewachsen, wohnt seit zehn Jahren wieder in seiner Geburtsstadt Dortmund, wo er als Musiklehrer Schlagzeugunterunterricht gibt.

Die erste Videoszene des Songs „Hier in Schwerte
Die erste Videoszene des Songs „Hier in Schwerte” sang Tim Grünebaum vor dem Eingangsportal des Bahnhofs Schwerte. © Henning Bergmann © Henning Bergmann

In seinem Proberaum auf der nördlichen Seite des Schwerter Waldes machten sich die beiden Musiker, die seit der gemeinsamen Zeit am Friedrich-Bährens-Gymnasium in verschiedenen Band-Projekten miteinander unterwegs waren, ans Werk. „Musikalisch war es in fünf Minuten fertig“, berichtet Tim Grünebaum. Er habe die erste schlagerartige Idee genommen, die ihm in den Kopf kam: „Wir haben absichtlich den Aufwand minimiert. Es sollte dilettantisch aussehen.“

Normalerweise spielen sie bei „Die klebenden Pappkaplane“

Beim Text fragte man sich: „Was reimt sich auf dieses oder jenes?“ Dabei hatte man gleich das Video im Kopf, suchte Orte, die zu der Stadt passen. Die Vororte wurden bewusst ausgespart, damit Anfang Dezember der ganze Clip an einem einzigen Nachmittag gedreht werden konnte – auf einer Runde von der Rohrmeisterei über den Markt zu McDonalds und wieder zurück zu den Ruhrwiesen am Bootshaus, wo die beiden 2016 mit ihrer Band Paper Trip beim Ruhrflair-Festival aufgetreten waren.

Das Projekt „Die Schwerte Boys“ ist für die Musiker, die normalerweise mit der ihrer Punkrock-Formation „Die klebenden Pappkaplane“ unterwegs sind, bislang eine einmalige Sache. „Wahrscheinlich bleibt es auch dabei“, sagt Tim Grünebaum. Derzeit werde vielmehr an einem neuen Album der „Pappkaplane“ gearbeitet, deren Name sich von dem berühmten Zungenbrecher-Schnellsprechsatz ableitet. Die bislang einzige Veröffentlichung hat die Band im Jahr 2019 herausgebracht. Jetzt wird die Corona-Zeit zum Komponieren genutzt: „Man kann ja nicht auftreten.“ Aber irgendwann geht es bestimmt wieder ins Rattenloch, zu dessen regelmäßigen Besuchern die „Schwerte Boys“ zählen. Das ist auch eine Form von praktizierter Heimatliebe.

Über den Autor
Redaktion Schwerte
Reinhard Schmitz, in Schwerte geboren, schrieb und fotografierte schon während des Studiums für die Ruhr Nachrichten. Seit 1991 ist er als Redakteur in seiner Heimatstadt im Einsatz und begeistert, dass es dort immer noch Neues zu entdecken gibt.
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Reinhard Schmitz

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