Sollte man in Hausarztpraxen impfen? Der Kinderarzt Dr. Reiner Klick sagt nein (Symbolbild). © dpa
Covid-19

Kinderarzt fordert: Lasst die Hausärzte vorerst nicht impfen

Während viele Hausärzte fordern, besser heute als morgen in ihren Praxen impfen zu dürfen, hat ein Mediziner aus Hennen große Bedenken. Er fordert: Lasst den Impfzentren Vorrang.

Ob bei Maybritt Illner am Donnerstagabend oder in Pressekonferenzen der Vertreter der Hausärzte: Allenthalben wird dafür geworben und argumentiert, die Hausärzte möglichst schnell ins Impfkonzept einzubinden. Und bereits vor einer Woche hatten der Verband der niedergelassenen Ärzte Kritik daran geäußert, dass sie erst frühestens Mitte April in die Impfstrategie eingebunden werden sollen.

Ihre Argumente: Die Hausärzte impfen schon immer, haben Erfahrung, kennen ihre Patienten und können deshalb viel schneller und sicherer die Menschen in Deutschland impfen. Ein Arzt, der in Hennen wohnt, sieht das komplett anders und hat sich mit einem Brief an die Redaktion gewandt. Wir haben ihn gefragt, was dahinter steckt.

Impfen mit Impfstoff, der nicht sicher geliefert wird

Der Kinderarzt und Anästhesist Dr. Reiner Klick hält davon nichts. Er glaubt, dass es seinen Kollegen nicht nur um die Beschleunigung der Impfungen geht. Und begründet das wie folgt: „Die Hausärzte fordern impfen zu dürfen mit Impfstoff, der nicht sicher geliefert werden kann. Sie fordern, die Priorisierung selber vorzunehmen. Sollen denn nun die gebuchten Impftermine zugunsten der Hausarztpraxen abgesagt werden?“, fragt Klick.

Außerdem hätten die Vertreter der Ärzteschaft schon im Vorfeld, die Bürokratie gerügt. An der führt aber laut Klick kein Weg vorbei. Denn noch werden in Nordrhein-Westfalen nur Termine an über 80-Jährige in den Impfzentren vergeben.

Natürlich wäre es für die Patienten einfacher, zum Hausarzt zu gehen. „Das aber würde erfordern, dass man den zur Zeit Impfberechtigten eine Bescheinigung vom Einwohnermeldeamt zuschickt, mit der sie sich beim Hausarzt melden könnten und dort einen Termin vereinbaren“, glaubt der Arzt, der in Hennen wohnt, aber an einer Klinik arbeitet.

Der Hausarzt müsste seiner Auffassung nach dann diese Meldung an die Impfdosen verteilende Stelle zusammen mit der Bestätigung des zu Impfenden weiter geben, und die würde dann die Impfdosen an die Ärzte zu dem gebuchten Termin schicken.

Renommee und Futterneid?

„Aber das wäre ja Bürokratie, selbst die Unterschrift des Arztes unter der Impfeinwilligung ist ja den Hausärzten zu viel Bürokratie“, so Klick. Er glaubt eher, dass es hier auch um die Finanzen geht. „Bei einem Bruttostundenlohn von circa 150 Euro für Ärzte im Impfzentrum kann man natürlich auch an den Futterneid der niedergelassenen Ärzte denken“, sagt er. Natürlich spiele für manchen Mediziner auch das Renommee, an der großen Impfaktion teilgenommen zu haben, eine Rolle.

Die andere Variante wäre, den Ärzten von vornherein die Priorisierung zu überlassen. Auch das wurde von Ärztevertretern gefordert. „Wenn nun auch die Priorisierung allein den Ärzten überlassen werden soll, sollte man an die Priorisierung der Facharzttermine denken, bevor die Terminvergabestellen per Gesetz eingeführt wurden“, so Klick.

In dem Brief an die Redaktion schreibt er: „Warum sollte man den Unternehmer mit Verantwortung für viele Arbeitskräfte nicht früher impfen als die Verkäuferin im Supermarkt, die acht Stunden im Supermarkt mit vielen Kundenkontakten arbeitet, die aber schnell zu ersetzen ist? Nicht alle, aber zumindest einige Ärzte werden so denken, und auch gerne an die höhere Vergütung bei der Behandlung von Privatpatienten denken.“

Kommentar von Heiko Mühlbauer

Mögliche Fehler mit in Kauf nehmen

Impfstoffe gegen das Coronavirus sind derzeit Gold wert. Kein Wunder, dass darum euch ein Kampf entbrennt und viele Menschen versuchen, möglichst schnell geimpft zu werden. Dass es Impfvordrängler auch in Krankenhäusern gegeben hat, ist unbestritten. Und vermutlich wird es sie auch geben, wenn die knapp 50.000 Hausärzte in die Impfstrategie mit einsteigen. Ob das gegen die Strategie, in Praxen zu impfen, spricht? Ich glaube nein, zumindest dann, wenn Impfstoff da ist. Wegen einiger schwarzer Schafe sollte man nicht eine der wenigen Chancen auf schnelleres Impfen vertun. Und bei allen ethischen Vorbehalten: Auch wer zu unrecht früher geimpft wird, ist geimpft und hilft damit dem Impffortschritt. (Heiko Mühlbauer)

Über den Autor
Redaktion Schwerte
Ist mit Überzeugung Lokaljournalist. Denn wirklich wichtige Geschichten beginnen mit den Menschen vor Ort und enden auch dort. Seit 2007 leitet er die Redaktion in Schwerte.
Zur Autorenseite
Heiko Mühlbauer
Lesen Sie jetzt