Nach zwei Bandscheibenvorfällen ist Günter Pieper 800 Kilometer auf dem Jakobsweg gepilgert. Ein spezielles Accessoire hat ihm geholfen. Und auch ein Mönch aus Sri Lanka hatte damit zu tun.

Schwerte

, 15.02.2020, 17:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Wann genau sich der Wunsch in seinem Kopf festgestzt hatte, das weiß Günter Pieper nicht mehr. Aber den Jakobsweg zu gehen, von seiner eigenen Haustür bis zum Grab des Apostels Jakobus in der spanischen Stadt Santiago de Compostela: Das schien dem 67-Jährigen eine geeignete Aufgabe.

Doch den Plan, die ganze Strecke von knapp 2400 Kilometern zu pilgern, musste er aufgeben. Vier Jahre nach dem ursprünglichen Start nahm er dann den letzten Abschnitt, den Camino Francés, in Angriff.

Aber um diese Geschichte zu erzählen, muss man noch weiter zurückspulen.

Das erste Stück vom Jakobsweg lief er in der Nähe von Schwerte

Schon als junger Erwachsener ist Pieper gern gereist, war in seinen Zwanzigern zweimal als Backpacker in Sri Lanka unterwegs. Von Anfang an war er beeindruckt vom Land, von den Menschen, lernte außerdem den Buddhismus und seine Lebensphilosophie kennen.

Auf seiner Tour auf dem Jakobsweg hat Günter Pieper (l.) viele andere Pilger getroffen. „Manche sieht man am ersten Tag und trifft sie dann am letzten wieder“ - so wie Marc (rechts im Bild).

Auf seiner Tour auf dem Jakobsweg hat Günter Pieper (l.) viele andere Pilger getroffen. „Manche sieht man am ersten Tag und trifft sie dann am letzten wieder“ - so wie Marc (rechts im Bild). © Pieper

Und genau dieser Lebensabschnitt wird ihn knapp 30 Jahre später zur Entscheidung führen, den Jakobsweg zu gehen.

Als Günter Pieper im Frühjahr 2008 auf einer seiner üblichen Laufstrecken am Hengsteysee unterwegs war, sah er zum ersten Mal das berühmte Symbol: die gelbe Muschel auf blauem Grund – das Pilgerzeichen des Jakobswegs. „Zum ersten Mal hatte ich die Chance, ein Stück des Weges zu laufen.“

Ein Stück Jakobsweg bei Schwerte

Pilgern im Dortmunder Süden Eine der wichtigsten Nord-Süd-Verbindungen ist der Westfälische Jakobsweg von Osnabrück nach Köln. Von Syburg wandert man vorbei an der Burgruine, über den Ruhrsteilhang hinab zum Hengsteysee. Von dort aus geht es weiter nach Herdecke.

Was ihm dann passierte, nach oben auf dem Weg zur Hohensyburg, kann er nur als „Erscheinung“ beschreiben: In einem safrangelben, langen Mönchsgewand, mit Pilgerstock und Flip-Flops - ein buddhistischer Wandermönch kam auf mich zu und schenkte mir ein breites Lächeln.“

Zu schnell sei alles gegangen, die Begegnung zu absurd gewesen. Als er sich nach wenigen Metern umdrehte, war der Mönch schon weg. Doch in diesem Moment kam der Entschluss: „Günter, du läufst den Jakobsweg!“

Die Gesamtstrecke will er dritteln. Die erste Etappe geht von Schwerte ins französische Vézelay, ein Jahr später soll es von dort weitergehen bis Saint-Jean-Pied-de-Port kurz vor der spanischen Grenze. Im dritten Jahr sollte ihn dann der Camino Francés – das berühmte Endstück im Norden Spaniens – auf 807 Kilometern zum Ziel nach Santiago de Compostela führen.

Erster Bandscheibenvorfall durchkreuzt den Zeitplan

Fünf Jahre später: Günter Pieper hatte sich vorbereitet, Schuhe und Rucksack gekauft, mehrfach geübt. Doch dann die erste Hürde: Im Februar 2014 kommt der erste Bandscheibenvorfall. Schnell rappelt er sich wieder hoch, im frühen Sommer bricht er auf.

So wandert Günter Pieper auf dem Jakobsweg: mit seiner Wanderkarre, die ihn später noch bekannt machen wird.

So wandert Günter Pieper auf dem Jakobsweg: mit seiner Wanderkarre, die ihn später noch bekannt machen wird. © Pieper

Doch der Rücken und sein Kreislauf machen Probleme. Nach fünf Tagen entschließt er sich, den Versuch abzubrechen. Auch ein zweiter Versuch 2015 scheitert. Seinen anfangs gefassten Entschluss, von zuhause aus den Jakobsweg bis nach Santiago zu wandern, gibt er auf. Stattdessen will er nur den Camino Francés gehen, also die dritte Etappe seiner Pilgerreise.

An diesem Abend weiß er noch nicht, dass er sein Vorhaben erst in drei Jahren umsetzen kann.

2016: Zweiter Bandscheibenvorfall und Knöchelbruch

Im Februar 2016 kommt der zweite Bandscheibenvorfall, wenige Monate später bricht er sich noch den Knöchel bei einem Sturz vom Fahrrad. „Mir war alles egal, ich wollte das unbedingt durchziehen.“ In einem Buch stößt Pieper auf eine Pilgerkarre, die er auf dem Weg hinter sich her ziehen kann – gedacht für Pilgerer mit Rückenproblemen.

„Ich habe morgens nie gewusst, wo ich abends schlafe. Aber mir ging es gut.“
Günter Pieper

Im Herbst 2017 macht er „Nägel mit Köpfen“, bucht seinen Rückflug von Santiago de Compostela nach Düsseldorf für den 24. Mai 2018. Zum Startpunkt Saint-Jean-Pied-de-Port soll es von Dortmund aus mit dem Zug gehen.

Ab da läuft alles nach Plan. Zwischen 20 und 30 Kilometern schafft der damals 66-Jährige pro Tag. „Ich habe morgens nie gewusst, wo ich abends schlafe. Aber mir ging es gut.“

Mit jedem gelaufenen Kilometer wird er ehrgeiziger, trifft immer wieder auf interessante Gleichgesinnte. „Man pilgert ja eigentlich alleine. Aber man trifft trotzdem immer wieder Menschen wieder. Manche am nächsten Tag, andere aber auch erst nach Wochen. Der Jakobsweg lebt von den Menschen!“

„Menschen aus allen Kontinenten haben Fotos von mir“

Und er lebt auch von Günter Pieper. Mit seiner Karre ist er nach kurzer Zeit bekannt in Nordspanien, wird immer wieder von fremden Leuten angesprochen und wiedererkannt. „Ich war der Star des Caminos. Menschen aus allen Kontinenten haben Fotos von mir.“

Nach 35 Tagen erreicht Pieper sein Ziel, die Kathedrale mitten in Santiago de Compostela. Für ihn war es – so sagt er selbst – „das größte Gefühl meines Lebens“.

Nach 35 Tagen erreicht Günter Pieper die Kathedrale in Santiago de Compostela.

Nach 35 Tagen erreicht Günter Pieper die Kathedrale in Santiago de Compostela. © Pieper

Kreis schließt sich auf Pilgerweg in Sri Lanka

Zumindest bis zum Herbst 2019. Der 67-Jährige will endlich den Kreis schließen, der sich um die vergangenen 10 Jahre – von seiner „Begegnung“ mit dem buddhistischen Mönch, seinem Entschluss den Jakobsweg zu laufen, bis zum Moment in Santiago de Compostela – zog.

Im November reist er erneut nach Sri Lanka, besteigt dort den Berg Adam‘s Peak, eine Pilgerstätte für Hindus, Muslime, Christen und auch Buddhisten weltweit. „Ist mein Pilgerweg, der mit der Erscheinung auf der Hohensyburg vor einigen Jahren begann da endgültig beendet? Dieser Gedanke formte sich in meinem Kopf und ich konnte die Tränen nicht zurückhalten“, so Pieper.

Eigenes Buch geschrieben: „Ich schaffe das!“ auf Amazon

Alle Erlebnisse, Begegnungen und Emotionen hat der Schwerter auf rund 200 Seiten festgehalten. „Eigentlich ist das Buch aus meinen Tagebucheinträgen entstanden. Und ich möchte damit auch nicht das große Geld verdienen. Es war eher für Freunde, Bekannte und Familie.“

„Ich schaffe das!“ ist im Dezember 2019 im Eigenverlag erschienen. Es ist für 9,90 Euro unter anderem auf Amazon erhältlich.

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