Stolzer Papa: Den Ehrgeiz hat Amina (19) von ihm. Der Textilkaufmann Cemal Mohammad und seine Familie mussten 2015 aus Qamislo flüchten, als IS und syrische Kämpfer sich gegenseitig mit Raketen beschossen. Amina war da 14. © Martin Krehl
Geflüchtete

„Ich dachte, wir sterben alle“: Geflüchtete aus Syrien erzählt ihren Weg

Als Teenager in Syrien hatte sie oft Todesangst, als junge Frau hat sie jetzt ein deutsches Abitur in der Tasche: Amina Mohammad ist erst seit 2015 in Deutschland. Aber sie ist so ehrgeizig.

Wer wollte, der konnte. Dass in den Corona-Monaten an den Schulen nichts gelernt wurde, ist als These unhaltbar, zumindest wenn man Amina Mohammad kennt. Die junge Schwerterin hat gerade ein supergutes Abitur gemacht – sie ist aber erst seit 2015 in Deutschland.

Mit ihrem Notendurchschnitt von 2,7 auf dem Abi-Zeugnis ist Amina nicht ganz zufrieden:
Mit ihrem Notendurchschnitt von 2,7 auf dem Abi-Zeugnis ist Amina nicht ganz zufrieden: „Aber um das zu machen, was ich vorhabe, ist es gut genug“. © Martin Krehl © Martin Krehl

Mit 14 hat sie Todesangst ausgestanden, als der Schlepper die Familie im dunklen Wald in Bulgarien im Stich ließ: „Da dachte ich, jetzt sterben wir alle.“ Familie Mohammad hat den geradezu „klassischen“ Fluchtweg aus der kurdischen Heimat in Qamislo überstanden. Drei Brüder, Mama und Papa sind über Ahlen und Bielefeld dann in Schwerte an der Ruhr gelandet.

Mit hohem Fieber die Reise gestartet

„Wir sind jetzt hier Zuhause“, sagt Amina (19). Heimat ist für sie kein bestimmter Platz, sondern Erinnerungen, Freunde, Verwandte, Sicherheit. In der kriegszerstörten syrischem Großstadt Qamislo lebt noch eine Oma und ein paar Freunde, aber den Kontakt dorthin aufrecht zu erhalten ist sehr schwer.

Als die Terroristen vom IS die speziell die Kurden bedrohten, packte Cemal Mohammad Frau und Kinder und wenige Habseligkeiten und flüchtete in die Türkei. Amina bekommt hohes Fieber, ist eigentlich nicht reisefähig.

„Dann in der Türkei waren wir obdachlos, da waren wir verloren“, erzählt Amina. Ihr sonst so strahlendes Lachen ist aus dem Gesicht verschwunden. „Da hätte ich nichts lernen können“. Türkisch kann sie fließend.

„Ich weiß, dass ich das nie mehr los werde“

Cemal Mohammad testet die berüchtigte Balkanroute. Von Bulgarien aus lässt er die Familie nachkommen, auch zu Fuß. Aminas ältere Brüder sind Zwillinge, dann gibt es noch den sechs Jahre jüngeren Mo und die Mama natürlich.

Freud, Montessori, Erikson: Der Pädagogik-Leistungskurs hat die Weichen gestellt. Amina will Erziehungswissenschaften studieren und sich später für UNICEF um traumatisierte Flüchtlingskinder kümmern.
Freud, Montessori, Erikson: Der Pädagogik-Leistungskurs hat die Weichen gestellt. Amina will Erziehungswissenschaften studieren und sich später für UNICEF um traumatisierte Flüchtlingskinder kümmern. © Martin Krehl © Martin Krehl

Amina erzählt weiter keine Details, aber die Schreckenstage und Nächte in Qamislo sind ihr so ins Unterbewusstsein eingebrannt wie die Zeit in den Wäldern in Bulgarien und Rumänien. Im Pädagogik-Leistungskurs am Gymnasium hat sie sich, Jahre später, mit dem großen Wiener Psycho-Analytiker Siegmund Freud beschäftigt: „Ich weiß, dass ich das nie mehr los werde.“

Für Freunde blieb keine Zeit

In Schwerte wird sie über den Kreis Unna dem Friedrich-Bährens-Gymnasium zugewiesen. In Qamislo hatte sie etwas Englisch gelernt, aber Deutsch konnte sie gar nicht. Das deutsche Schulwesen, überhaupt alles hier war ihr total fremd.

Amina biss sich förmlich durch: „In der 7a habe ich angefangen, viele Lehrer haben mir geholfen. Und dann musste ich in der 8 neben Deutsch und Englisch eine dritte Fremdsprache lernen, Spanisch.“

Amina lernt täglich fünf, manchmal sechs, manchmal noch mehr Stunden. Für Freunde keine Zeit: „Alle, die so alt waren wie ich, mussten ja auch lernen, die hatten auch keine Zeit“.

Ein Studium als Wunsch und Ziel

Extrem schwer wurde es zum Ende der Oberstufe. In der Woche vor der Deutsch-Klausur im April brannte es im Keller ihres Wohnhauses, die Familie musste in eine Notunterkunft umziehen. Mitten im Distanzunterricht… „Ich war viel allein mit den Herausforderungen der Schule.“

Am Friedrich-Bährens-Gymnasium hat sich die junge Syrerin sehr wohl gefühlt:
Am Friedrich-Bährens-Gymnasium hat sich die junge Syrerin sehr wohl gefühlt: „Alle wollten mir immer nur helfen. Aber Lernen im Distanzunterricht musste ich alleine zuhause“. © Martin Krehl © Martin Krehl

Wichtig ist ihr zu erwähnen, dass in Schwerte viele Menschen geholfen haben: Die Vermieter sind zu echten Freunden geworden, zum Beispiel. Die Berater des AK Asyl lobt sie und immer wieder ihre Lehrer am FBG.

Die 19-Jährige ist sehr aufgeschlossen und neugierig. Sie wusste immer schon, was sie will, so auch jetzt: Irgendwann wird sie für die Welt-Kinderhilfsorganisation UNICEF arbeiten und traumatisierte geflüchtete Kinder behandeln. Dazu will sie erst Erziehungswissenschaften studieren und so etwas wie frühkindliche Psychotherapie: „Viele Eltern wissen nicht, was in ihren Kindern vorgeht, zum Beispiel in der Pubertät.“

Was Flucht, Vertreibung, Krieg in Kinderseelen anrichtet, weiß sie aus eigener Erfahrung. Kinder sollen nach traumatischen Erlebnissen unbedingt fachgerecht behandelt werden, meint Amina, und zwar alle Kinder auf der ganzen Welt. Wenn sie ihren Weg so zielstrebig fortsetzt wie bisher, dann wird man von Amina Mohammad aus Schwerte noch hören. Nur Gutes.

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