In den oberen Etagen befinden sich Maisonettewohnungen, alle 40 Wohnungen haben verschiebbare Wände. Das war einmal luxuriöses Wohnen und würde auch heute noch dafür durchgehen. © Guido Bludau
Beinahe-Meisterwerk

Habiflex: Sensationelles Bauprojekt, das baden ging

Habiflex in Dorsten: Es steht für modellhaftes, modernes Wohnen. Mieter wussten Wohnungen mit verschiebbaren Wänden zu schätzen. Bis Feuchtigkeit das glückselige Wohngefühl fortschwemmte.

Das Habiflex im Dorstener Stadtteil Wulfen-Barkenberg zählt zu den architektonischen Meisterwerken: „Das ist keine Schrottimmobilie. Habiflex ist ein Unikat“, sagt Rüdiger Kühn. Kühn muss es wissen. Denn er war einer der ersten Mieter, die im Habiflex-Gebäude an der Jägerstraße eine Mietwohnung ergattern konnten und auf die futuristische Bauweise schworen. Dass das Habiflex-Gebäude heute als abrissreife „Schrottimmobilie“ gehandelt wird, empört Kühn. „Ich kann das nicht gut hören. Eigentlich ist dieses Haus ein einzigartiges Bauwerk, leider aber mit einigen Baumängeln.“

Plakataktion
Plakataktion „Schlüsselmomente“: Der Wulfen-Barkenberger Heinz-Rüdiger Kühn erzählt übers Habiflex als eine der ersten Bewohner des Hauses. © Claudia Engel (A) © Claudia Engel (A)

Wer immer das Habiflex-Gebäude 46 Jahre nach seiner Eröffnung besucht, sieht einen Gebäudekomplex aus Beton und Glas, der stark heruntergekommen ist. 2008 zogen die letzten Bewohner aus. Habiflex war zu dem Zeitpunkt wegen seiner mangelhaften Bauphysik unbewohnbar geworden. „Tropfsteinhöhle“ höhnten die Dorstener und hofften, dass das schimmel- und feuchtigkeitsbefallene Habiflex alsbald dem Erdboden gleich gemacht werde.

Doch es steht bis heute an Ort und Stelle – überwuchert von Pflanzen, die Eingänge und Fenster zugemauert, damit abenteuerlustige Jugendliche sich in der Bauruine nicht ins Verderben stürzen können. Unüberschaubare Eigentumsverhältnisse verhindern den Abriss und neue Planungen an Ort und Stelle.

Über Denkmalschutz wurde 2004 in Dorsten beraten

„Verschiedene Interessen Dritter werden berührt. Es ist darum derzeit nicht möglich, weitergehende Überlegungen anzustellen. Eine Unterschutzstellung wurde im März 2004 im Umwelt- und Planungsausschuss beraten und abgelehnt. Das Verfahren ruht seitdem“, sagt Stadtsprecher Ludger Böhne.

Familie Kühn im Wohnzimmer ihrer Wohnung im Habiflex - Kieselbetonwand war Standard - Tapete gab es nicht, war auch nicht nötig.
Familie Kühn im Wohnzimmer ihrer Wohnung im Habiflex – Kieselbetonwand war Standard – Tapete gab es nicht, war auch nicht nötig. © privat © privat

Dass Habiflex derart herunterkommen würde, das konnten sich die Dorstener Eheleute Rüdiger und Gudrun Kühn als erste Bewohner des Hauses 1975 nicht ausmalen. Rüdiger Kühn spricht vom „Luxuswohnen“. „Uns erwartete eine 112 Quadratmeter große Wohnung mit Kuschelecke, bodentiefen Fenstern, einer Dusche mit smaragdgrünen Mosaiksteinen, eine offene Küchenzeile, die sich direkt ans Bad anschloss. Die Wände aus Kieselbeton mussten nicht tapeziert werden, die Fußböden waren mit Teppichböden ausgelegt.“ Wohnkomfort, der weit über die Standards der 1970er-Jahre hinausging, zumal es sich seinerzeit um sozial gebundenen Wohnraum handelte. Habiflex wurde mit Bundesmitteln gefördert, die beiden Erbauer steuerten erheblich Kapital aus eigenen Mitteln bei.

Das waren die Architekten Richard Gottlob und Horst Klement. Sie begrüßten den Auftrag freudig, ihr Habiflex weiteren Versuchsbauten wie Metastadt und Rote Finnstadt auf der grünen Wiese in Dorsten-Wulfen hinzuzufügen. Die beiden planten großzügig und freizügig – ungewöhnlich für die immer noch spießig angehauchten 1970er-Jahre in Deutschland, wo Gelsenkirchener Barock, dicke und schwere Fenstervorhänge und Eiche rustikal als Gipfel des deutschen Wohnglücks galten.

Anders dagegen das Habiflex: Von allen Seiten waren die Wohnungen einsehbar, die Gemeinschaft der 40 Mietparteien sollte so gefördert werden. Viele fanden das gut, einige andere Mieter aber überaus störend, dass sie quasi transparent für alle waren.

Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ schreibt aus Bewohnersicht: „Mir missfällt, wenn ich morgens runtergehe und alle Leute im Nachthemd durch die Wohnung geistern sehe. Schön finde ich’s nicht.“ Andere Mieter wiederum schworen auf die verschiebbaren Wände und den Gelsenkirchener Balkon, der im Winter zu einem weiteren Wohnraum umgemodelt werden konnte: „Wir haben jetzt geändert zugunsten eines offeneren Wohnens und mehr Helligkeit im Wohnzimmer. Deshalb haben wir die Wand zum Schlafzimmer mit der Tür rausgenommen“, gibt der Spiegel die individuellen Bauexperimente eines Bewohners wieder.

Verschiebbare Wände, mangelhafte Isolierung

Die verschiebbaren Wände und die mangelnde Isolierung des zu vier Achsen symmetrischen Bauwerkes mit offenen zentralen Treppenhäusern wurden dem Habiflex und seinen Bewohnern zum Verhängnis. „Überall bildete sich Schwitzwasser, manche Wohnungen glichen Tropfsteinhöhlen“, so das Online-Lexikon für den Stadtteil Wulfen, Wulfen Wiki.

Manche Bewohner hätten gerade wegen der verschiebbaren Wände besonders zu leiden gehabt. Viele Bewohner suchten deshalb das Weite und nach neuen Wohnungen. Nach Zwangsversteigerungen veräußerte der letzte Erwerber des Gebäudes einige Wohnungen als Kapitalanlage; das macht die Suche und das Aufspüren der letzten Wohnungsinhaber heute so schwierig und verhindert den Abriss des Gebäudes und die Vermarktung des großen Grundstückes an der Jägerstraße.

Rettung des Gebäudes erscheint unwahrscheinlich

Für den Architekten Jan Kampshoff, er hat das Habiflex 2015 unter die Lupe genommen, ist klar, dass eine Rettung des Experimentalhauses wohl nicht mehr möglich ist. Kampshoff, Vorstandsmitglied des westfälischen Kunstvereins und Mitbetreiber von Modularbeat, einer Architektengemeinschaft, die bekannt ist für ihre temporären, experimentellen Bauten, bescheinigt dem Habiflex trotz seiner bestehenden Mängel ein „tolles Konzept und eine Architektur, deren Reize heute wieder erkannt werden. Aber bauphysikalisch ist leider alles schief gegangen, was schief gehen konnte“.

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Redaktion Dorsten
Seit 20 Jahren als Lokalredakteurin in Dorsten tätig. Immer ein offenes Ohr für die Menschen in dieser Stadt, die nicht meine Geburtsstadt ist. Das ist Essen. Ehefrau, dreifache Mutter, zweifache Oma. Konfliktfähig und meinungsfreudig. Wichtige Kriterien für meine Arbeit als Lokalreporterin. Das kommt nicht immer gut an. Muss es auch nicht. Die Leser und ihre Anliegen sind mir wichtig.
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Claudia Engel

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