Gericht bewertet: Hätte man den Mörder Michael S. überhaupt wieder freilassen dürfen?

dz72-Jährige umgebracht

Ein Mörder kommt nach 28 Jahren frei – und bringt nach drei Monaten wieder eine Frau um. Hätte man das kommen sehen müssen in der JVA Schwerte? Der Richter fasste auch das zusammen.

Schwerte

, 08.11.2019, 15:22 Uhr / Lesedauer: 2 min

Es ist die Frage, um die es vor Gericht eigentlich gar nicht ging. Aber die doch für alle Beteiligten riesengroß über dem Fall Michael S. steht.

Diese Frage stellen sich die Mitarbeiter der JVA in Schwerte, die Ehrenamtlichen, die Psychologen, die Nachbarn rund um die Anstalt an der Gillstraße und auch viele, die Michael S. in seiner kurzen Zeit in Freiheit getroffen haben: Hätte man das vorausahnen können? Hätte man genügend Anhaltspunkte gehabt, um klar sagen zu können, dass dieser Mann nach 28 Jahren in Haft rückfällig wird und die nächste Frau umbringt? Hätte man den Tod einer 72-Jährigen im Januar in Ergste verhindern können?

„Das hat es denjenigen, die ihn beurteilen mussten, nicht einfach gemacht“

Vor dem Landgericht Hagen ging es bis zur Urteilsverkündung am Mittwoch natürlich nur darum zu bewerten, ob Michael S. (50) der Täter war, ob es Mord oder Totschlag war und welches Strafmaß zu verhängen ist. Und doch antwortete der Vorsitzende der Kammer, Marcus Teich, auch auf die andere Frage.

Vorwürfe gegenüber der JVA in Schwerte? Im Gegenteil: Teich, der monatelang ruhig und aufmerksam vielen Zeugen und Sachverständigen zugehört hatte, führte viele Fäden zusammen.

Das grundlegende Problem, so Teich: Michael S. habe sich zwar von 2004 bis 2018 in der JVA Schwerte intellektuell enorm weiterentwickelt, „aber es hat keine signifikante Nachreifung der Persönlichkeit gegeben. Er erreichte seine Stabilisierung durch Anpassung. Und das hat es denjenigen, die ihn beurteilen mussten, nicht einfach gemacht.“

Michael S.‘ Verteidiger Martin Düerkop formulierte es nach Prozessende im TV-Interview „bewusst westfälisch“, wie er unterstrich. Als er zur Einschätzung seines Mandaten befragt wurde, sagte er: „Man guckt den Menschen nur vor den Kopp.“

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Was war eine Geschichte, was Realität?

Doch zurück zum Richter und der Urteilsbegründung: „Letztlich hat das Verfahren seinen Lauf genommen. Es hat über Jahre umfassende Entlassungsvorbereitungen gegeben. Es haben umfassende Begutachtungen stattgefunden. Und auch die Entlassung an sich war sehr gut vorbereitet.“

Was ist tatsächlich passiert? Was ist nur eine weitere Erzählung von Michael S.? „Die Abgrenzung, was ist eine Geschichte und was ehrlich, ist schwierig“, so Richter Teich, „vor allem bei einer Person, die es gewohnt ist, Geschichten zu erzählen.“

Hat Michael S. also bewusst alle belogen? Nicht einmal das, vermutete Richter Teich. Wahrscheinlicher sei doch, dass er viele Details einfach anders wahrnehme und bewerte als andere Menschen. Er lebte gewissermaßen in seiner eigenen Welt, weil ihm von frühester Kindheit an nie jemand gezeigt und erklärt habe, wie die Welt funktioniere.

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