In diesem Bungalow an einem steilen Teilstück der Straße Am Derkmannsstück in Ergste soll sich die Tat ereignet haben. © Reinhard Schmitz
Kriminalität in Ergste

„Folterhaus“-Prozess beginnt: Misshandlungen wegen 382 Euro?

Übelst zugerichtet wurde ein 36-Jähriger aus Polen im Juli von drei Landsleuten in Ergste. Die sind jetzt nicht mehr der Erpressung angeklagt. Denn die Tat hatte offenbar eine Vorgeschichte.

Das Martyrium dauerte zwei Tage. Der Mann wurde mit Kabeln und einem Aschenbecher geschlagen. Mit Zigaretten wurden ihm Brandverletzungen zugefügt, die Asche wurde in sein Ohr geschnipst. Schließlich wurde er auch noch in einen Sack eingepackt und verschnürt.

So steht es in der Anklageschrift für den Prozess, der die Geschehnisse in der Unterkunft aufklären soll, die im Sommer 2020 als „Folterhaus von Ergste“ Schlagzeilen machte. Die Hauptverhandlung beginnt am 19. Januar (Dienstag) um 13 Uhr vor der 9. großen Strafkammer des Landgerichts Hagen, wie Gerichts-Pressesprecher Bernhard Kuchler mitteilt.

Das Opfer lag anschließend im Krankenhaus

Drei Männer (23, 26, 29 Jahre) aus Polen werden beschuldigt, einen 36-jährigen Landsmann in dem Bungalow so sehr misshandelt zu haben, dass er anschließend mit Hämatomen am ganzen Körper im Krankenhaus behandelt werden musste. Laut Anklageschrift ereignete sich die Tat vom 18. bis 21. Juli an der Straße Am Derkmannsstück, wo das Opfer damals wohnte.

Als der 36-Jährige nach Hause kam, habe er Fußtritte bekommen und sei in den Toilettenraum befördert worden. Bis zum nächsten Morgen soll er von den Angeklagten wechselseitig getreten und geschlagen worden sein. Geld, Handy, Schuhe und EC-Karte sollen ihm abgenommen worden sein. Damit hätten sich die Täter schließlich 382 Euro überwiesen – mithilfe der PIN-Nummer, die sie selbst aus den Unterlagen herausgesucht hätten.

Vorwurf der Erpressung wurde fallengelassen

Die Staatsanwaltschaft hatte die Tat zunächst als erpresserischen Menschenraub, besonders schwere räuberische Erpressung und gefährliche Körperverletzung gewertet. Das Gericht hat die Sache allerdings tiefer gehängt und die Anklage in abgewandelter Form „nur“ noch als Körperverletzung mit Nötigung zugelassen. Der Grund für den Wegfall des Erpressungsvorwurfs: „Es gibt keine Beweise für eine unberechtigte Forderung“, sagt Bernhard Kuchler.

Offenbar habe ein unbekannter Informant gegenüber den polnischen Behörden angegeben, dass den Angeklagten das Geld im Zusammenhang mit Drogengeschäften von ihrem Opfer gestohlen worden sei. Damit liege keine rechtswidrige Bereicherungsabsicht vor – auch wenn unlautere Mittel zur Durchsetzung eines rechtmäßigen Anspruchs eingesetzt werden.

Wenn sich im Laufe des Prozesses, für den sechs Verhandlungstage angesetzt sind, etwas anderes herausstellen sollte, könnte die Anklage laut Presserichter aber auch wieder heraufgesetzt werden. Während der 26-Jährige nur der Beihilfe beschuldigt wird, wird dem 23-Jährigen und dem 29-Jährigen gefährliche Körperverletzung mit Nötigung vorgeworfen. Für diese beiden Männer bleibt der Haftbefehl aufrechterhalten. Das Urteil soll am 23. Februar fallen.

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Redaktion Schwerte
Reinhard Schmitz, in Schwerte geboren, schrieb und fotografierte schon während des Studiums für die Ruhr Nachrichten. Seit 1991 ist er als Redakteur in seiner Heimatstadt im Einsatz und begeistert, dass es dort immer noch Neues zu entdecken gibt.
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