Reporter Daniel Claeßen kommentiert als "Fretful Father" das Familienleben. © Foto Kristina Schröder Photography / Montage Klose
The Fretful Father

Familien im Lockdown: Lasst die Wut raus, aber das Büffelfell im Schrank

Von den fünf Wünschen unseres Autors aus der vergangenen Woche ist keiner in Erfüllung gegangen. Im Gegenteil. Was nun folgt, ist für den Familienvater nur noch schwer in Worte zu fassen.

Schulen zu, Restaurants zu, kein organisierter Sport, keine priorisierte Impfung für Familien, keine zusätzlichen Hilfen: Bis jetzt ist nichts von dem, was ich mir als Familienvater vergangene Woche gewünscht hatte, in Erfüllung gegangen. Stattdessen ist alles noch schlimmer geworden: Der Lockdown dauert länger, die Kontakte werden noch weniger, und die Schulen sind komplett zu. Na toll.

Wenn ich an die kommenden Wochen denke, beziehungsweise an die Situation in vielen Familien nach diesem Zeitraum, wirkt ein erwachsener Mann mit einem Büffelfell auf dem Kopf plötzlich relativ normal. Man muss es wohl positiv sehen: Ich hatte tatsächlich die Hoffnung, dass 2021 schon nicht so abgedreht würde wie 2020 – und somit immerhin sechs schöne Tage in diesem Jahr.

Die Gefahr lauert in jeder Ecke

Leider wird sich der Wahnsinn wieder nicht nur auf die USA beschränken, sondern uns ziemlich schnell in den eigenen vier Wänden einholen. Im Grunde ist es schon so weit: Neulich hätte ich fast den Postboten vermöbelt, weil ich ihn für ein Mitglied der Gruppe von Halbstarken hielt, die seit Wochen regelmäßig unsere Auffahrt als Startrampe für Crossbike-Touren nutzt. Und das alles nur, weil ich mittlerweile im Haus jede meiner Aktionen im Vorfeld darauf prüfen muss, ob sie nicht doch das Potenzial für einen Aufstand des Nachwuchses birgt. Die falsche Farbe des Frühstückstellers, die falsche Kartoffel aus dem Topf, das falsche Handtuch im Bad – die Gefahr lauert in jeder Ecke.

Und ich kann die Kinder sogar verstehen. Die Perspektive, bis Ende Januar faktisch von den Freunden abgeschnitten zu sein und stattdessen sämtliche Freizeit nur mit Mama und Papa zu verbringen, würde mich wahrscheinlich auch durchdrehen lassen. Und an wem sollen sie ihre Wut rauslassen, wenn sie keinen sehen dürfen?

Eine Frage, die übrigens auch gerne Eltern stellen dürfen. Ich denke, jeder vernünftige Mensch hat Verständnis für die aktuelle Situation und die Maßnahmen, die ergriffen werden. Das bedeutet aber nicht, dass man das alles auch regungslos hinnimmt. Mein Problem ist nur, dass ich gar nicht weiß, auf wen ich meine Wut projizieren soll. Auf die Schulen und Verwaltungen, die es immer noch nicht hinbekommen haben, digitalen Unterricht selbstverständlich zu machen? Die Politiker in Düsseldorf und Berlin, die Familien beschränken, Freizeitmöglichkeiten sperren, aber Auto- und Reiseunternehmen bereitwillig unter die Arme greifen? Die Typen auf dem Fischmarkt in Wuhan, wo alles seinen Anfang nahm? Oder doch die Covidioten, die entweder am Wochenende lustig in den Schnee fahren oder die ganze Pandemie ohnehin für eine geplante Verschwörung halten – und uns so oder so die Verlängerung des Lockdowns eingebrockt haben? Ich gebe zu, ich habe einen Favoriten – aber am Grundproblem ändert das auch nichts.

Liebe Familien: „Ihr macht das schon.“

Diese aktuelle Situation ist etwas, das wohl niemand von uns in dieser Form bisher erlebt hat. Wenn man so will, ist das wie mit einer Geburt, oder mit dem Kinder haben generell: Man kann sich alles schön ausmalen, im Zweifel fragt man Leute, die schon einmal dabei waren – doch vorbereitet ist man nie. Nur, dass jetzt auch noch neue Regeln von Bund und Land gekommen sind. Wie hat es meine Kollegin und Freie Journalistin Leonie Schulte auf Facebook treffend beschrieben: „Das Signal aus Berlin an die Familien: Ihr macht das schon.“

Ja, die Familien machen das auch. Vermutlich jedoch mit einer gehörigen Portion Wut im Bauch, von der sie nicht wissen, an wem sie sie auslassen können. Das Büffelfell werden wir aber wohl trotzdem lieber im Schrank lassen. Wir sind ja schließlich nicht in Amerika.

Über den Autor
Redaktion Lünen
Journalist, Vater, Ehemann. Möglicherweise sogar in dieser Reihenfolge. Eigentlich Chefreporter für Lünen, Selm, Olfen und Nordkirchen. Trotzdem behält er auch gerne das Geschehen hinter den jeweiligen Ortsausgangsschildern im Blick - falls der Wahnsinn doch mal um sich greifen sollte.
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Daniel Claeßen

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