Dieser Einkaufswagen für Getränkekisten stand am Dienstag (16.2.) an der Runde-Ecke-Kreuzung an der Hörder Straße. © Reinhard Schmitz
Einkaufen in Schwerte

Entführte Einkaufswagen: Wie Straßenränder in Schwerte verkommen

Man sieht sie überall an den Straßen in Schwerte: Einkaufswagen, die einfach mitgenommen werden. Marktbetreiber können zivilrechtlich vorgehen. Den „Friedhof der Einkaufswagen“ gibt es im Kreis Unna.

Ach nee, schon wieder einer. Den ohnehin schmalen Gehweg an der Eintrachtstraße blockierte tagelang ein Einkaufswagen, den irgendjemand vor einem Wohnhaus stehengelassen hatte. Ein anderer wanderte wochenlang kreuz und quer über den Robert-Koch-Platz. Selbst auf der ruhigen Schwerterheide wartet ein weiterer in der Nähe eines Spielplatzes auf bessere Zeiten.

Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Aus Supermärkten und Discountern entführte Einkaufswagen werden überall im Stadtgebiet zum Ärgernis.

Jeder Einkaufswagen ist mindestens 100 bis 150 Euro wert

Manchmal sieht man sogar Zeitgenossen, wie sie die vollbepackten Körbe auf Rädern entlang der Hörder Straße oder der Beckestraße über den Gehweg schieben. Ist es überhaupt erlaubt, sich mit ihnen vom Gelände des Einkaufsmarktes zu entfernen?

„Grundsätzlich darf man sie nicht vom Platz nehmen“, sagt der Schwerter Rechtsanwalt Ulrich Wittling auf Anfrage. Er kennt das Problem. Nach seinen Recherchen verschwinden deutschlandweit auf diese Weise etwa 70.000 bis 80.000 Einkaufswagen – das Stück mindestens 100 bis 150 Euro teuer.

Wenn man die Wagen behalte, handele es sich um Diebstahl, erklärt Ulrich Wittling. Aber: „Es ist kein Diebstahl, wenn er sagt, er bringt ihn wieder hin.“ Dann handele es sich nur um eine sogenannte Gebrauchsanmaßung, die nicht strafbar sei. An dieser leichten Möglichkeit, sich herauszureden, scheitern die meisten Prozesse.

Den ohnehin schmalen Gehweg an der Eintrachtstraße blockierte tagelang ein Einkaufswagen, den irgendjemand einfach vor einem Wohnhaus stehengelassen hatte.
Den ohnehin schmalen Gehweg an der Eintrachtstraße blockierte tagelang ein Einkaufswagen, den irgendjemand einfach vor einem Wohnhaus stehengelassen hatte. © Reinhard Schmitz © Reinhard Schmitz

„Das sind klassische Fälle, die bei Gericht eingestellt werden gegen Zahlung einer Buße“, weiß der Rechtsanwalt. Allerdings könne der Marktbetreiber zivilrechtlich vorgehen, beispielsweise mit einer Unterlassungserklärung für notorische Mitnehmer. Denen droht dann beim nächsten Mal eine Strafzahlung.

Polizei empfiehlt: Am besten direkt an den Markt wenden

Die Polizei muss eine Anzeige schreiben, wenn sie von der Entführung eines Einkaufswagens erfährt. „Das ist ein Offizialdelikt“, sagt Polizei-Pressesprecher Bernd Pentrop (Unna). Und das muss aktenkundig gemacht werden, damit Staatsanwaltschaft und Richter entscheiden, ob eine Straftat vorliegt. Pentrop empfiehlt Findern aber: „Am besten ist es, sich an den Markt zu wenden.“

Tätig wird die Polizei vor allem im Rahmen der Gefahrenabwehr, wie Pressesprecher Christian Stein ergänzt: „Wenn ein Einkaufswagen durch den Wind auf die Straße gerollt ist oder auf der Straße steht, dann rücken wir aus.“ Für das Einsammeln sei die Polizei aber nicht zuständig. Das übernimmt in Schwerte der städtische Bauhof.

„Wenn ein Bürger das meldet, kommt der Bauhof und sammelt die Wagen ein“, sagt Stadtsprecher Ingo Rous. Man bringe die Fundstücke aber nicht zum Supermarkt zurück, sondern sichere sie auf dem eigenen Betriebsgelände. Wenn sie nicht zuzuordnen seien und keiner Interesse zeige, würden sie irgendwann verschrottet.

Pilotprojekt in Bergkamen: In einer Woche 220 Stück eingesammelt

Einen anderen Weg beschreitet die Stadt Bergkamen, deren Problemviertel schon als „Friedhof der Einkaufswagen“ verschrien waren. Nach massiven Bürgerbeschwerden hat der kommunale Entsorgungsbetrieb ein Pilotprojekt gestartet.

„Wir führen Einkaufswagen zurück“, sagt Disponent Michael Heinemann. Allein in der letzten Januarwoche seien rund 220 Stück auf den Betriebshof gefahren worden. Ein Einzelhändler habe seine schon gegen ein Sicherstellungs-Entgelt abgeholt, zwei Discounter hätten ebenfalls Interesse. Gegen Gebühr würden sie auch zurückgebracht.

Discounter testet eine elektronische Wegfahrsperre

Weil die Aktion von Wohnungsgesellschaften bezahlt wird, deren Gebiete unter der Vermüllung durch Einkaufswagen litten, setzt man auf soziale Kontrolle: Die Kosten werden schließlich auf alle Mieter umgelegt. Irgendwann erledigt sich das Problem vielleicht von alleine.

Ein Discounter in Bergkamen habe schon eine Wegfahrsperre eingebaut, weiß Michael Heimann. Induktionsschleifen rund um den Parkplatz lassen die Räder blockieren, sobald sie überfahren werden.

Über den Autor
Redaktion Schwerte
Reinhard Schmitz, in Schwerte geboren, schrieb und fotografierte schon während des Studiums für die Ruhr Nachrichten. Seit 1991 ist er als Redakteur in seiner Heimatstadt im Einsatz und begeistert, dass es dort immer noch Neues zu entdecken gibt.
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Reinhard Schmitz

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