Bei Kindern und Jugendlichen sind die Corona-Inzidenzwerte höher als bei der Gesamtbevölkerung. Manche Eltern fordern deshalb einen eigenen Inzidenzwert für Schüler. © picture alliance/dpa
Coronavirus

Eltern schlagen Alarm – und fordern eigenen Inzidenzwert für Schüler

Die Notbremse der Bundesregierung mit der 165er-Inzidenz als Instrument für Schulschließungen greift vielen Eltern nicht weit genug. Die Zahlen zeigen: Bei Kindern sind die Werte viel höher.

Schulschließungen – oder vielmehr Distanzunterricht – ab einer Inzidenz von 165: Das ist die Notbremse, die die Bundesregierung beschlossen hat. Viele Eltern fragen sich, ob dieser Wert ausreicht, um ihre Kinder zu schützen.

Franz-Josef Kahlen von der Landeselternschaft der Gymnasien in Nordrhein-Westfalen glaubt, dass dieser Wert ein völlig falscher Orientierungspunkt sei – und willkürlich sei er außerdem. „Warum haben wir eigentlich keine Inzidenz von 163 oder 164?“, fragt er ironisch.

Da die Inzidenzen der Älteren durch erfolgtes Impfen signifikant gesunken seien, erläutert der 55-Jährige, bedeute der gleiche Inzidenz-Maßstab, dass die Zahl in den anderen Altersgruppen gestiegen sei.

RKI-Zahlen belegen die Sorge der Eltern

Die nach Altersgruppen aufgeschlüsselten Zahlen des Robert-Koch-Instituts (RKI) belegen diesen Trend. So lagen die Inzidenzwerte zum Beispiel im Kreis Unna in der vergangenen Woche (Stand 26.4.) für alle bei 244,95. In der Altersgruppe 0-4 Jahren lag der Inzidenzwert allerdings bei 309,2, und in der Altersgruppe von 5-14 Jahren lag er sogar bei 351,87. Das kann man auf einer interaktiven Karte, die mehrmals am Tag aktualisiert wird, erkennen.

Auch wenn man die neuen Fälle von Corona-Infizierten der verschiedenen Altersklassen vergleicht, fällt auf, dass Kinder und Jugendliche einen großen Anteil ausmachen. Bei insgesamt 967 Fällen gab es „nur“ 25 neue Fälle bei den über Achtzigjährigen. Bei Kindern bis 4 Jahren gab es hingegen 56 Fälle, bei Kindern bis 14 Jahren 123 Neuinfektionen. Und in der Altersklasse von 15-34 Jahren infizierten sich 319 Personen.

Franz-Josef Kahlen von der Landeselternschaft der Gymnasien fordert, Schüler besser zu schützen.
Franz-Josef Kahlen von der Landeselternschaft der Gymnasien fordert, Schüler besser zu schützen. © Tabea Hahn © Tabea Hahn

Besonders die hohen Ansteckungszahlen durch die britische Mutante B.1.1.7 machen den Eltern Sorgen. Franz-Josef Kahlen ist selbst vierfacher Vater. Er fordert: „Schülerinnen und Schüler müssen jetzt besonders geschützt werden, weil für die unter 16-Jährigen momentan noch kein Impfstoff zur Verfügung steht.“ An keinem Ort säßen in der Pandemie Menschen in geschlossen Räumen enger und länger zusammen als in den Klassenräumen – auch im Wechselmodell.

Impfung für Kinder ab zwölf Jahren im Sommer?

Die steigenden Infektionszahlen bei Jüngeren hat auch RKI-Präsident Lothar Wieler am Donnerstag (29.4.) bestätigt. „Kinder tragen auf jeden Fall zum Infektionsgeschehen bei“, sagte er. Ebenfalls am Donnerstag (29.4.) hatten der deutsche Impfstoffhersteller Biontech und sein US-Partner Pfizer verkündet, in Kürze auch die Zulassung ihres Vakzins für Kinder ab zwölf Jahren in der EU zu beantragen. Laut Gesundheitsminister Jens Spahn könnten Kinder damit eine erste Immunisierung in den Sommerferien bekommen.

Bis es soweit ist, sitzen ungeimpfte Kinder weiter in Klassenräumen zusammen. Schulleiter Heiko Klanke vom Schwerter Friedrich-Bährens-Gymnasium kann die Sorge der Eltern nachvollziehen. „Das Risiko für Jüngere und deren Eltern ist in der Tat höher geworden.“ Er könne nicht beurteilen, an welchem Inzidenzwert man in den Distanzunterricht gehen müsse, um größtmögliche Sicherheit zu garantieren. In einem Punkt ist er sich mit Kahlen einig: „Die Werte, die gerade festgelegt worden sind, kann niemand wirklich nachvollziehen.“

Schulleiter Heiko Klanke: „Das Risiko für Jüngere ist höher geworden.“
Schulleiter Heiko Klanke: „Das Risiko für Jüngere ist höher geworden.“ © Heiko Mühlbauer (A) © Heiko Mühlbauer (A)

Die Landeselternschaft fordert außerdem schnelleren Impfschutz für Lehrer an weiterführenden Schulen sowie Luftfilter in den Klassenräumen. Auch hier hat Kahlen den Schulleiter hinter sich. Heiko Klanke: „Es wäre schön, wenn die Lehrkräfte, die sich jeden Tag mit 20 Personen in einem Raum aufhalten, schnell eine Perspektive bekämen.“

Virologin: „Inzidenzwerte sind wissenschaftlich entkoppelt“

Dr. Jana Schroeder ist Chefärztin des Instituts für Krankenhaushygiene und Mikrobiologie der Stiftung Mathias-Spital in Rheine. Die Virologin sagt, dass die aktuellen Inzidenzwerte politisch willkürlich gewählt seien. „Ich halte mich an Wissenschaft. Und die Vorgabe des RKI vom Oktober 2020 war, die Möglichkeit des individuellen Distanzunterrichts ab einer Inzidenz von 50 zu prüfen.“ Die aktuellen Inzidenzwerte seien „erfundene, menschengemachte Werte. Die sind wissenschaftlich entkoppelt.“

Die Virologin Dr. Jana Schroeder (40) sagt, dass die aktuellen Inzidenzwerte willkürlich und viel zu hoch seien.
Die Virologin Dr. Jana Schroeder (40) sagt, dass die aktuellen Inzidenzwerte willkürlich und viel zu hoch seien. “Die Werte sind wissenschaftlich entkoppelt.” © ZDF / C. Lehmann © ZDF / C. Lehmann

Die 40-Jährige hatte am Dienstag (27. April) in der ZDF-Talkshow „Markus Lanz“ der Politik vorgeworfen, das Infektionsgeschehen an Schulen zu unterschätzen. Auf Anfrage erzählt sie am Telefon: „Wenn es um das Thema Schulen ging, war immer alles ,plötzlich und unerwartet‘. Nach einem Jahr muss man doch in der Lage sein, Schulen so sicher wie möglich zu machen.“

Unterricht aus dem Schulgebäude heraus verlagern

Dazu gehörten ihrer Meinung nach Luftfilter ebenso wie Impfungen bei den Lehrkräften – aber eben auch andere, kreative und flexible Konzepte. „Studenten könnten Praxissemester in Schulen machen, um dort Lehrkräfte zu unterstützen“, sagt sie zum Beispiel. Und solange Gastronomien und Museen leer ständen, könne man den Unterricht auch aus dem Schulgebäude heraus verlagern. „Unterricht draußen muss ja nicht heißen, die Kinder im Regen stehen zu lassen.“

Dr. Jana Schroeder bestätigt die Aussage von Franz-Josef Kahlen, dass die Inzidenzwerte bei Kindern und Jugendlichen insgesamt höher seien als bei der Gesamtbevölkerung. „Das ist grundsätzlich richtig.“

Doch das Ziel sei kein eigener Inzidenzwert für Kinder und Jugendliche, sondern eine niedrige Gesamtinzidenz. Bis die erreicht ist, sei Solidarität mit den Kindern gefragt: „Ziel ist nicht Homeschooling, sondern ,Gesund-durch-die-Pandemie-Coming‘.“

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Martina Niehaus

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