Kannte der mutmaßliche Mörder von Ergste sein Opfer? Wieso kam er nach 27 Jahren Gefängnis frei? Was könnte ein Motiv sein? Ein ehemaliger Mithäftling erhebt schwere Vorwürfe.

Ergste

, 27.03.2019, 17:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Was ist das für ein Mensch, der für Vergewaltigung, Mord und Diebstahl ins Gefängnis muss, der nach 27 Jahren im Alter von knapp 50 Jahren freikommt und dann offenbar nach wenigen Wochen den nächsten Mord begeht? Peter R.* kennt ihn aus der gemeinsamen Zeit in der Justizvollzugsanstalt (JVA) in Schwerte-Ergste. Was er sagt, lässt tief blicken. In das Leben des mutmaßlichen Mörders. Aber auch in das Leben hinter den hohen Mauern in Ergste im Allgemeinen.

So gibt es Antworten auf Fragen, die letzten Endes auch Polizei und Staatsanwaltschaft stellen. Auf die es aber vom mutmaßlichen Mörder weiterhin keine Antworten gibt. Dem Vernehmen nach schweigt er nach der Tat.

? Kannte der mutmaßliche Mörder das Opfer (72)?

Eine hundertprozentige Antwort kann Peter R. nicht geben. Aber er schätzt: Alles deutet darauf hin, dass sich der heute 50-Jährige und die 72-Jährige begegnet sind. Der mutmaßliche Mörder arbeitete im Gartenkommando der JVA. Und er sei ein Typ gewesen, der immer auf Menschen zugegangen ist. „Da fragte er auch mal über die Hecke: Na, soll ich Ihnen was im Garten schneiden?“ Das deckt sich mit Erinnerungen anderer Nachbarn an den Tatverdächtigen.

Das Haus der 72-Jährigen liegt wenige Meter neben der JVA an der Gillstraße. Dorthin durfte das Gartenkommando der Inhaftierten nur bis zum Sommer. Die forsche Art des 50-Jährigen habe wohl mit dazu beigetragen, dass die JVA-Leitung das geändert habe, vermutet Peter R., der wegen Internetbetrugs zu mehreren Jahren Haft verurteilt wurde: „Hinterher durfte er nur noch den Parkplatz fegen.“

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? Was ist ein mögliches Motiv?

Peter R. sagt: Der mutmaßliche Mörder fühle sich zu Frauen hingezogen, die älter sind als er. Das könne man nicht nur an den Taten von 1990 sehen, als der Täter Anfang 20 war und die Opfer zwischen 50 und 60 waren. Das habe sich auch später in der JVA in Schwerte gezeigt. Groß sei die Verwunderung gewesen, als „man ihm einmal ausgerechnet ein Praktikum im Altenheim besorgt hat“.

? Sex als Motiv für den Mord?

Peter R. sagt: Sehr gut denkbar, denn es sei ja nicht das ganze Haus angezündet worden, sondern die Leiche. Vielleicht um Spuren zu verwischen, wenn man dort eigene DNA hinterlassen haben. „Und, naja, aus seiner Sicht: Vor 27 Jahren gab es noch keine Rauchmelder in allen Räumen. Woher sollte er das also wissen?“ Nach dem Alarm des Rauchmelders kam erst die Feuerwehr ins Haus, dann die Polizei.

Das alles sei zumindest die logischste Überlegung, findet Peter R. Denn natürlich gebe es auch Fälle, in denen Menschen nach 27 Jahren drinnen nicht mehr mit dem Leben draußen zurechtkämen und deswegen schnell wieder hinter Gittern wollen. „Aber er war ja auf Bewährung draußen - da hätte ja schon ein Diebstahl im Edeka gereicht. Dazu muss man niemanden umbringen.“

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? Wie war der mutmaßliche Mörder in der JVA?

„Er sieht sich als Künstler“, erinnert sich Peter R. - und das habe sicherlich auch etwas mit dem Innenleben der JVA in Schwerte zu tun. „Die haben ihn als Vorzeigeobjekt gehabt.“ Durch Theater und Kunst, durch Meditation und Gottesdienste sei da ein Mörder geläutert worden - diese Geschichte hätte man sicher gerne erzählt.

„Aber es ist natürlich nicht gut, wenn man einem ohnehin schon labilen Menschen auch noch weismacht, er wäre ein Künstler oder enorm guter Schauspieler.“

Der mutmaßliche Mörder von Ergste hatte vor einigen Jahren eine Ausstellung im Schwerter Amtsgericht. Er wirkte viele Jahre mit im Theater der Inhaftierten - doch dann sei auch dort etwas passiert, erläutert Peter R.: Eine Praktikantin sei belästigt worden. „Danach ist er aus der Theatergruppe geflogen. Seine Sonderstellung hatte er allerdings weiterhin.“

Das deckt sich mit Berichten anderer Zeugen, die allerdings nicht genannt werden wollen.

Interessant sei ein anderes Detail, unterstreicht Peter R.: „Man muss sich das mal vorstellen: Er hatte 10 Jahre keinen Fernseher mehr, weil man ihm gesagt hatte, er brauche das nicht.“ Dieses kleine Fenster zur Welt da draußen sei also auch weggefallen.

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? Wieso kam der Mann überhaupt nach so langer Zeit frei?

Alle paar Jahre wird das geprüft. Zudem können die Inhaftierten eine solche Prüfung beantragen. Dann gibt es ein neues Gutachten. „Und nach 27 Jahren weiß man auch, welche Geschichte man wem wie erzählen muss“, sagt Peter R.

? Hat sich der mutmaßliche Mörder denn da gut geführt?

Laut Peter R. nicht durchgehend - und daraufhin habe auch die Anstaltsleitung Konsequenzen gezogen. Etwa ab März 2018 habe der damals noch 49-Jährige auf den Gutachter gewartet, „im April oder Mai“ habe er dann immer mal wieder Freigänge gehabt, „sich dann aber etwas geleistet, dass ihm die Lockerung wieder entzogen wurde“.

Eine äußerst alkoholhaltige Party mit mehreren Frauen sei das gewesen. „Das fand die Leitung der JVA dann nicht mehr so toll.“

? Aber frei kam er trotzdem. Wieso?

Das Gutachten war geschrieben. Und dass jemand sofort zum Mörder würde, könne man ja auch nicht annehmen, unterstreicht Peter R.: „Was soll die Anstaltsleiterin denn auch Anderes machen, als ihn freizulassen?“

Erst im Nachhinein, so Peter R., hätten sich auch für ihn die Puzzleteile zusammengefügt.

*: Name von der Redaktion geändert. Weitere Details über Peter R. nennen wir an dieser Stelle nicht, um ihn und seine Privatsphäre zu schützen.

laufendes verfahren


JVA darf keine Auskunft geben

Hat es sich so zugetragen, wie Peter R. beschreibt und wie es Zeugen bestätigen? Gab es eine Belästigung hinter Gittern und einen Verstoß gegen Auflagen wenige Monate vor der Entlassung? Von der Leitung der JVA gibt es dazu nur die Antwort: Über laufende Verfahren dürfe man grundsätzlich nicht sprechen. Zudem heißt es in den Dienst- und Sicherheitsvorschriften für den Strafvollzug: „Die Bediensteten haben über die ihnen bei ihrer amtlichen Tätigkeit bekannt gewordenen Angelegenheiten, auch soweit sie persönliche Verhältnisse der Gefangenen betreffen, Verschwiegenheit zu bewahren.“
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