Ein Kita-Betreiber kündigt, ohne dass es die eigenen Mitarbeiter wissen. Und der Stadt Schwerte kommt das ganz gelegen. Was steckt dahinter? Eine Spurensuche bei allen Beteiligten.

Schwerte

, 15.02.2019, 17:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Am Anfang steht die Kündigung. Datiert vom 26. Juli 2018. Sinngemäß steht drin:

Liebe Stadt Schwerte,

wir haben ja schon öfter über Punkt XY gestritten, zuletzt im Mai. Uns reicht‘s jetzt. Wir kündigen zum Sommer 2019.

Liebe Grüße, Dein Rotes Kreuz (DRK).

PS: Wollen wir nicht nochmal verhandeln? Wir würden die Kita Gänsewinkel nämlich eigentlich ganz gerne weiterbetreiben.

Finanzen war schon längere Zeit ein Streitpunkt

Zu „Punkt XY“ könnte man auch „Finanzen“ sagen. Denn Stadt und DRK hatten ein „eigentümergleichgestelltes Mietverhältnis“. Das Wort verrät auch Nicht-Juristen: Wer so einen Mietvertrag unterschreibt, hat mehr finanzielle Pflichten als ein normaler Mieter.

Das war der Knackpunkt. Unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten sei der Kita-Betrieb für das Deutsche Rote Kreuz nicht mehr zu leisten, hieß es im Schreiben, das unterschrieben ist vom Geschäftsführer des DRK Kreis Unna.

Immer wieder mal habe es in den Jahren ab der Eröffnung im Jahr 2010 geknirscht zwischen Stadt und DRK, heißt es in der Kita. Mal sei es um die Holzdielen auf der Terasse gegangen, die nach kurzer Zeit gesplittert seien, mal um andere Dinge.

Stadt versuchte nur den DRK-Geschäftsführer zu erreichen - niemanden sonst

Interessant und umstritten ist, was passierte, nachdem das Schreiben im Rathaus landete. Die Stadt behauptet: Man habe versucht, das DRK zu erreichen, aber vergeblich und natürlich nur den Geschäftsführer. Allein der sei ja der Ansprechpartner gewesen. Das stellt Hans-Georg Winkler, Erster Beigeordneter und somit Nummer zwei im Rathaus hinter dem Bürgermeister, klar.

„Wir hatten keinen Ansprechpartner mehr“, unterstreicht Winkler. „Und wenn ein Geschäftsführer nicht reagiert, dann müssen wir auch die Reißleine ziehen.“

Warum der Geschäftsführer nicht reagierte? Beim DRK spricht man von längerer Krankheit, aber auch davon, dass hier ein „verdienter Mitarbeiter über das Ziel hinausgeschossen“ sei und vergeblich versucht habe, gegenüber der Stadt „den Druck auf dem Kessel zu erhöhen“. „Das war sein Abschiedsgeschenk“, sagen manche hinter vorgehaltener Hand über den Geschäftsführer, der ohnehin kurz vor der Rente stand.

DRK-Vorstand erfuhr erst spät von der Kündigung

„Wir haben uns von ihm getrennt“, sagt Norbert Hahn, der zweite Vorsitzende des DRK im Kreis Unna. Hahn war bis zur Pensionierung Jugenddezernent des Kreises Unna. DRK-Vorsitzender ist Michael Makiolla, der Landrat. Hahn sagt: „Ich kenne Winkler natürlich und auch mit dem Jugendamtsleiter Andreas Pap habe ich schon zusammengearbeitet.“

Thema in der Politik

Jugendhilfeausschuss am 18. Februar

Die Kita-Situation in Schwerte ist Thema einer außerordentlichen Sitzung des Jugendhilfeausschusses am Montag, 18. Februar 2019, ab 16 Uhr im Bürgersaal im Rathaus. Dann geht es um den Neubau der Diakonie-Kita am Schützenhof, der 2020 fertig sein soll. Doch auch über die Kita Gänsewinkel wird gesprochen. Die Vertreter der Stadt hatten die verärgerten Eltern sogar darauf hingewiesen, dass sie sich zu Wort melden können.

Daraus lässt sich schlussfolgern: Hätte die Stadt Schwerte wirklich wissen wollen, warum sich der Geschäftsführer nicht meldet - sie hätte auch einfach mal die alten Bekannten anrufen können. Können wohlgemerkt - nicht müssen.

Die DRK-Vorsitzenden erfuhren von der Kündigung erst im November. Und kamen zu spät.

Da waren bei der Stadt Verwaltungsspitze und Politiker schon zusammengekommen und hatten nicht-öffentlich entschieden: Wir fragen die üblichen Kita-Betreiber, wer den Gänsewinkel 2019 übernehmen will. „Interessensbekundung“, heißt das im Verwaltungsdeutsch.

Für das Lebenszentrum Königsborn ist das eine gute Lösung

Nur einer reagierte: das Lebenszentrum Königsborn, engagiert für Menschen mit Behinderungen, Betreiber einer Klinik, einer Schule, mehrerer Kitas und anderer Einrichtungen. In Schwerte steckt das Lebenszentrum aktuell mit unter dem Dach der städtischen Kita Wandhofen.

Und auch da wird‘s wieder interessant: zwei Kita-Betreiber unter einem Dach - das sieht das Landesjugendamt nicht gerne. Vor allem dann nicht, wenn es auf der einen Seite normale Kindergartengruppen gibt und einige Räume weiterer Gruppen mit besonderem Förderbedarf, also Gruppen für Kinder mit Behinderungen.

Was ist das Problem bei zwei Trägern in einer Kita?

„Generell sind wir Verfechter der Inklusion“, unterstreicht Markus Fischer, Pressereferent beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe in Münster. Der LWL soll die Kita-Landschaft für das Ministerium im Blick halten - und was das heißt, veranschaulicht Michael Radix, der Geschäftsführer des Lebenszentrums Königsborn: „Der LWL guckt im allgemeinen: Wie kriegen wir die heilpädagogischen Förderungen finanziert?“ Natürlich mit einem Ziel: Kosten zu senken.

Muss wirklich jeder Arztbesuch, jede medizinische Betreuung in der Kita sein? Kann das nicht auch anderweitig geschehen - privat etwa, sodass es nicht auf LWL- und Landeskosten geht, sondern zu Lasten der Krankenkassen? Das seien beispielsweise solche Fragen, sagt Radix.

Und in diesem Klima steckt die Lebenzentrum-Kita seit 2010 mit der städtischen zusammen in einem Bau in Schwerte-Wandhofen. Wo Land und LWL diese doppelte Trägerschaft nicht gerne sehen. Ganz gleich, ob Stadt und Lebenszentrum noch so oft unterstreichen, wie gut das klappe. Und ganz gleich, dass das Lebenszentrum auch in Lünen noch eine Kita in Doppel-Trägerschaft habe, dort übrigens pikanterweise mit dem DRK.

Und dann - plötzlich - kündigt das DRK und eine Kita in Schwerte wird frei.

Lebenszentrum-Chef: „Alles bleibt so, wie es ist“

„Das Team ist engagiert, die Eltern sind engagiert. Wir wären ja doof, wenn wir etwas ändern würden“, sagt Lebenszentrums-Chef Radix: „In der Kita Gänsewinkel bleibt alles so, wie es ist.“

Ja, sicher: ein Trägerwechsel schon. Aber man wolle das Personal am liebsten komplett übernehmen und nichts ändern - zumindest für ein Jahr, also bis zum Sommer 2020. Denn dann soll in der Nähe des Gänsewinkels die Diakonie-Kita Schützenhof fertig sein. Der Plan für danach: zwei statt drei normale Kindergarten-Gruppen am Gänsewinkel - und eine Gruppe für Kinder mit Förderungsbedarf.

Eltern wollen für den DRK-Betrieb und die Mitarbeiter kämpfen

„Schon jetzt würden am liebsten Hunderte Eltern ihre Kinder hier anmelden. Die Warteliste ist lang“, betonen die Eltern um den Gänsewinkel-Fördervereins-Vorsitzenden Arne Röttger, die sich um die Kita sorgen. Das bisherige Konzept sei doch so gut. Dafür und für die Zukunft von Kita und Mitarbeitern wolle man auch kämpfen.

Das bekamen auch die Vertreter von Stadt, DRK und Lebenzentrum zu spüren, die bei einer Info-Veranstaltung vor einer Woche jede Menge geschickt gestellte Fragen beantworten mussten. Das Gefühl der Eltern am Ende: Die Verantwortlichen hätten mehr als geplant verraten.

Ganz zentral seien eine Frage und eine Antwort gewesen: Was hätte die Stadt Schwerte denn gemacht, wenn das DRK nicht gekündigt hätte und es keinen Platz für einen Lebenszentrum-Auszug in Wandhofen gegeben hätte und wenn man so nicht die Wünsche des LWL erfüllt hätte? Dazu habe Jugendamts-Chef Pap gesagt: „Wir hatten keinen Plan B.“

DRK-Chef schickt einen Bittbrief an den Bürgermeister

Das DRK indes versucht es mit einem Plan B. B wie Bitte oder B wie Beziehungen. In dieser Woche bekam Bürgermeister Dimitrios Axourgos einen Brief vom Kreisvorstand. Ob man über die Kündigung nicht doch noch einmal reden könnte. Unterschrieben von Landrat Makiolla, als Privatperson beziehungsweise DRK-Chef natürlich.

Sollte es sich die Stadt anders überlegen: Einen Vertrag zwischen Stadt und Lebenszentrum gibt es bisher noch nicht, heißt es von beiden Seiten. Ein Zurückrudern aber würde Lebenszentrum und LWL vor den Kopf stoßen.

Verhandlungen laufen

Wie geht es weiter für die Mitarbeiter?

Die Erzieherinnen der Kita haben mehrere Möglichkeiten: Einerseits bietet das DRK an, sie weiter zu denselben Konditionen zu beschäftigen - allerdings dann eventuell nicht mehr in Schwerte. Das könne man leider nicht zusichern, so Christine Scholl, die seit Januar 2019 neue Geschäftsführerin ist. Möglichkeit zwei: eine Übernahme durch das Lebenszentrum. Das sei auch zu guten Konditionen möglich, unterstreicht dessen Geschäftsführer Michael Radix. Man zahle ja nach Tarif des öffentlichen Dienstes, also auch nicht schlecht. Da aber in solchen Fällen viel „Kleingedrucktes“ eine Rolle spielen kann - Anerkennung von Berufsjahren, laufende Vorsorge-Verträge, andere rechtliche Hintergründe - sprechen DRK und Lebenszentrum in diesen Punkten über Anwälte miteinander. Das sei aber kein Misstrauen, sondern die übliche Vorgehensweise, unterstreichen alle Beteiligten. „Es ist natürlich schade, dass all das nicht längerfristiger passieren kann“, sagt Christine Scholl, „aber wir machen lieber einmal einen ganz richtigen Übergang, als dass wir noch nachbessern müssen.“
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