Schwerter Diabetologe verschreibt schwangeren Frauen verbotene Lösung – zu ihrem Schutz

dzGlucose-Testlösung

Dr. Michael Herr hat, genauso wie gerade viele Diabetologen, Stress mit den Krankenkassen. Es geht um das Leben schwangerer Frauen, die Gesundheit ihrer ungeborenen Kinder und um 800 Euro.

Schwerte

, 08.02.2020, 17:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Es war eine schockierende Nachricht Mitte September 2019, als eine Frau und ihr ungeborenes Kind in Köln starben. Zuvor hatte die Frau eine in einer Apotheke gemischte Glucose-Lösung zu sich genommen.

Dieses Ereignis hat eine Diskussion neu angeheizt, die von der breiten Öffentlichkeit unbemerkt seit 2016 zwischen Diabetologen und den Krankenkassen geführt wird.

Es geht um Glucose-Testlösungen. Seit 2012 haben schwangere Frauen das Recht, sich zwischen der 24. und 27. Schwangerschaftswoche auf sogenannte Schwangerschaftsdiabetes (Gestationsdiabetes) untersuchen zu lassen. Dazu müssen sie eine Glucose-Lösung trinken.

4,52 Euro sind zu teuer

Bis 2016 konnten die Frauen ein Fertigpräparat nutzen. Das kostet 4,52 Euro pro Dosis. „Das war den Krankenkassen zu teuer“, sagt Dr. Michael Herr aus Schwerte. Wenn in der Apotheke gefertigte Testlösungen genommen werden, spart das drei Euro. Deshalb wurde das bis vor Kurzem zur Regel.

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Doch auch diese Regelung ist nicht mehr gültig. Mittlerweile sollen Diabetologen die Lösung in der Praxis selbst mischen. Und da sagt Dr. Michael Herr: „Ich weigere mich“.

Keine genaue Dosierung möglich

Rückendeckung erhält er dabei von anderen Diabetologen, zum Beispiel Dr. Martin Lederle aus Ahaus, dem Chefredakteur des Fachmagazins „Diabetes-Forum“: „Das Herstellen der Lösung in der Praxis birgt Risiken, die man mit der Fertiglösung vermeiden könnte.“

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Zum Beispiel komme das Pulver-Gemisch aus einem Tütchen. Falls Reste in der Tüte hängen bleiben, ist die Dosierung gestört und das könne das Testergebnis verfälschen. Es kann wie in Köln zu Verunreinigungen kommen.

Darüber hinaus sei das Pulver schwer in Wasser löslich, das Wasser müsse also erwärmt und später wieder abgekühlt werden. Ein immenser Aufwand für eine Praxis.

Vorschriftswidrige Verschreibung

Außerdem, so Dr. Martin Lederle, schmecke die so zubereitete Lösung dermaßen ekelhaft, dass sich viele Patientinnen bei der Einnahme übergeben müssen.

Deshalb verschreibt der Schwerter Diabetologe weiterhin vorschriftswidrig die fertige Lösung. Und er erwartet, dass er deswegen Probleme mit dem Krankenkassen bekommen wird.

Doch er bleibt gelassen. Sein Verhalten sorgt für Mehrkosten in Höhe von 800 Euro, pro Jahr. „Eine unbedeutende Summe“, meint auch Dr. Martin Lederle. Er rechnet vor: „Die Nutzung der Fertiglösung würde bundesweit zu Mehrkosten in Höhe von 2,3 Millionen Euro. Und die Medikamentenkosten pro Jahr liegen in Deutschland bei insgesamt 38,67 Milliarden Euro. Da muss man fragen, ob nicht am falschen Ende gespart ist, wenn es um die Sicherheit und Gesundheit von Patienten geht.“

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