Der Kampf gegen die gestiegene Kinderarmut in Schwerte

Projektarbeiter berichten

Kinderarmut bleibt für Schwerte ein Thema. Obwohl sich Projektarbeiter und Schulen seit Jahren stark dagegen machen: Die Armut nimmt sogar zu. Wir haben mit beiden Seiten über die Erfahrungen aus dem Unterricht gesprochen – mit teils erschreckenden Einblicken.

Schwerte

, 08.12.2017, 18:20 Uhr / Lesedauer: 3 min
Der Kampf gegen die gestiegene Kinderarmut in Schwerte

Das Schwerter Projekt gegen Kinderarmut kann bedürftige Kinder zwar mit Geld unterstützen, nicht jedoch die Ursachen ihrer Armut bekämpfen. © DPA

Kinderarmut gibt es – auch in Schwerte. Das ist die Kernaussage, die sowohl von Schulen als auch den Initiatoren des Projekts gegen Kinderarmut ausgeht. Immer noch. „Ich habe eher den Eindruck, es ist mehr geworden“, erzählt Manuela Eisenbach. Sie ist Sozialpädagogin an der Lenningskampschule, eine der Einrichtungen, die das Projekt gegen Kinderarmut vom Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) finanziell unterstützt – insgesamt in diesem Jahr mit rund 49.000 Euro, alles Spendengelder.

Die Zahlen steigen


Die negative Entwicklung kann auch Heidi Wenniges bestätigen, die das Projekt mit Norbert Westphal initiiert hat: Die Zahl der geförderten Kinder sei im Vergleich zum Vorjahr erheblich angestiegen. Das hinge auch damit zusammen, dass die Theodor-Fleitmann-Gesamtschule neu hinzugekommen ist – denn neben Grundschülern werden vor allem Gesamtschüler vom Projekt unterstützt. Immer wieder bekämen die Projektarbeiter von den Lehrern mit, wie relevant ihre Arbeit noch sei: „Die Kinder haben nicht gefrühstückt, sind nicht wettergemäß gekleidet“, beschreibt Heidi Wenniges die übermittelten Eindrücke. „Wir wissen von Lehrern, dass die Schüler im Winter im T-Shirt zur Schule kommen. Die kennen von Zuhause keine gesunde Ernährung – da darf die Lehrerin dann ihr Butterbrot teilen. Das haben wir alles schon gehört.“

Oft fehle den Kinder aber einfach die Zuwendung, das „Ummuttertwerden“. Auch das falle unter Kinderarmut. „Das tut einem ja auch weh, ich mache auch viel. Aber ich kann nicht selbst noch Geld zur Arbeit mitbringen“, erklärt Eisenbach ihr Dilemma. Das Geld fehle manchmal sogar bei Familien, in denen beide Eltern arbeiteten. Denn oft seien es diejenigen, deren Einkommen nur knapp über der Grenze für Sozialhilfezuschüsse liege.

Bei Alleinerziehenden komme das Problem der Betreuung hinzu. Laut einer aktuellen Bertelsmannstudie ist das Risiko für Kinderarmut bei Alleinerziehenden besonders hoch. Das bestätigt auch Norbert Westphal: Scheidungen seien ein Riesen-Problem, plötzlich zwei Haushalte zu organisieren. Auch Arbeitslosigkeit oder Krankheit zählt er zu häufigen Ursachen.

Kaum Erfahrungsaustausch mit Betroffenen

Diese Einblicke sind jedoch rar. „Wir wollen niemanden vorführen“, so Wenniges. Deshalb sei die Projektarbeit so anonym wie möglich gehalten. Lehrer und Schulsozialarbeiter stellen Anträge für eine bestimmte Zahl bedürftiger Schüler. Das Projekt gegen Kinderarmut liefert ausschließlich das Geld. Aktuell unterstützt es damit 18 Einrichtungen mit jährlich 150 Euro pro Antrags-Kind. Das Geld geht dann gesammelt an die Schulen (bewusst nicht an die Eltern), über die Verwendung dürfen die Schulen frei entscheiden – möglichst unbürokratisch.

Doch die Dunkelziffer für Kinderarmut sei nach wie vor hoch. „Das hängt immer auch damit zusammen, wie aufmerksam die Lehrer sind“, so Wenniges. In den Grundschulen ist dies leichter, hier fänden noch Erzählkreise statt, so Eisenbach.

Eine genaue Zahl der von Armut betroffenen Kinder kann auch der Kreis Unna auf Anfrage nicht ermitteln. Die Arbeit des Projekts gegen Kinderarmut basiert allein auf den Ergebnissen einer aufwendigen Umfrage von SkF und Caritas Unna aus dem Jahr 2005. „Das war eine kleine Sozialraumanalyse, die unter anderem ergab, dass es in Schwerte versteckte Kinderarmut gibt“, so Ralf Plogmann (Caritas). Seitdem gibt es keine weiteren Studien. Rückmeldung und Zuspruch für die Arbeit erhält das Projekt fast nur über die Kontakte zu den Schulen. Dass sich keine Betroffenen auf den Facebook-Aufruf unserer Zeitung gemeldet haben, erklärt Heidi Wenniges wie folgt: „Die Leute, die wirklich arm sind, möchten das nicht. Die verstecken sich.“ Oft gebe es in der Öffentlichkeit ein falsches Bild von Bedürftigen.

Wie lassen sich die Probleme lösen


Dass das Thema sie so lange beschäftigen würde, hätten Wenniges und Westphal nie gedacht. „Die Lösung haben wir auch nicht“, gesteht Wenniges. Vieles lasse sich aber über die finanzielle Hilfe relativieren. Statt einer Erhöhung des Kindergeldes wünscht sich Wenniges jedoch lieber kostenfreie Betreuungsangebote. Manuela Eisenbach betont jedoch, dass ein gewisser Eigenbetrag bleiben sollte, um das Angebot wertzuschätzen.

Der Berliner Verein Väteraufbruch für Kinder stellt die Forderung, Alleinerziehende durch die politische Förderung der gemeinsamen Elternschaft zu unterstützen. Da sei laut Eisenbach aber viel passiert. Wer Kinderarmut politisch bekämpfen will, solle lieber auf den Arbeitsmarkt zielen. Denn: „Haben die Eltern keine qualifizierten Jobs, sind die Kinder arm.“ Bis dahin bleibt es bei den Finanzhilfen.

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