Auch an der Wannebachstraße betrieb der Landesbetrie Straßen.NRW Gehölzpflege. © Heiko Mühlbauer (A)
Jahresrückblick 2020

Das Jahr 2020 in Schwerte: Kahlschlag statt Gehölzpflege

Normalerweise blickt die Familie Kruse aus dem Schlafzimmerfenster im ersten Stock ihres Reihenhauses auf eine Baumreihe. Seit einem Morgen im November plötzlich nicht mehr.

So wie Kruses ging es vermutlich einigen Anwohnern des sogenannten Müsli-Viertels in Wandhofen. Der Landesbetrieb Straßen NRW hatte eine über 200 Meter lange Baumreihe an der Hagener Straßegefällt.

Leser Burkhard Ecklesbach schrieb an die Redaktion: „Früher wurden die Bäume noch in Form geschnitten. Heute werden die Bäume gefällt.“ Er räumt ein, dass der Grünstreifen stark bewachsen war, aber Ausdünnen bedeute nicht Kahlschlag.

Auch auf Facebook schlug das Thema Wellen. Von „das sieht sehr traurig aus“ bis „katastrophal“ reichten die Kommentare. Vor allem: Der Grund für den radikalen Kahlschlag blieb im Dunkeln. Beim Landesbetrieb Straßen NRW sprach man derweil von Gehölzpflege.

Gehölzpflege war angekündigt

Die hatte man Mitte November auch angekündigt. Auf einer Länge von 300 Metern, so hieß es, würde man die Böschung freischneiden, weil der Baumbestand dort, der überwiegend aus Eschen bestünde, von einer Pilzkrankheit befallen sei. Von 25 Bäumen war bei der ersten Meldung die Rede.

Städtische Mitarbeiter vor Ort zählten die gefällten Bäume nach und kamen auf andere Zahlen. Außerdem handele es sich nicht nur um Eschen, so ein Fachmann vor Ort. Und ob die Bäume tatsächlich alle krank waren und zum Fällen anstanden, bezweifelt man auch. „Das ist überwiegend gutes Holz“, stellte einer der Mitarbeiter fest. Und es handele sich auch nicht um Bäume, die aus ihren Stümpfen wieder ausschlagen könnten.

Stadt reagiert entsetzt

„Die Stadt Schwerte ist entsetzt und erschrocken über das Vorgehen des Landesbetriebs auf städtischem Grund und Boden. Die angebliche Gehölzpflege war nicht mit den zuständigen Stellen der Stadt abgesprochen. Eine erste Bestandsaufnahme hat ergeben, dass die abgeholzten Bäume und Sträucher nahezu zu 100 Prozent gesund waren.

Der angerichtete Schaden ist aus ökologischer Sicht immens. Die Stadt Schwerte wird schon am Freitag mit dem Landesbetrieb die Lage vor Ort erörtern und nach dieser Bestandsaufnahme über das weitere Vorgehen entscheiden“, erklärte Stadtsprecher Ingo Rous auf Anfrage. Die Bäume lagen zunächst in großen Stapeln am Straßenrand. Wie dicht der Baumbestand einst war, kann man einige Meter weiter sehen.

Externe Firma übernahm Fällarbeiten

Ob die Fällaktion so beabsichtigt war und warum, wollte man auch beim Landesbetrieb bei einem Ortstermin ermitteln. Denn die Fällarbeiten habe eine externe Firma vorgenommen, so Frank Hoffmann von der Regionalniederlassung Ruhr.

Den Kruses und ihren Nachbarn hilft das indes wenig. Denn selbst wenn der Landesbetrieb wieder aufforstet, wird es Jahre dauern, bis die Gehölze wieder so hoch und dicht sind wie ihre Vorgänger.

Am Tag nach dem Baumgemetzel erreichte die Nachricht die Stadtverwaltung und die Politik. 60 bis 80 städtische Bäume hat der Landesbetrieb Straßen NRW an der Hagener Straße fällen lassen. Dass dies nicht erlaubt war, wurde schnell klar. Doch auch an anderen Stellen wurde geprüft, ob die Rodungen des Landesbetriebs tatsächlich erlaubt waren.

Gutachter eingesetzt

Das Grundstück dort gehört zwar dem Land. „Aber wir haben noch nicht geprüft, ob die Bäume da wegdurften“, so Stadtplaner Christian Vöcks. Denn die Stadt Schwerte hat eine Baumschutzsatzung, an die sei auch der Landesbetrieb gebunden. Man könne nicht ohne Absprache so einfach Bäume für die Verkehrssicherheit fällen.

Die Pflegeaktion sei ein echter Kahlschlag gewesen, so Stadtplaner Vöcks: 60 bis 80 städtischen Bäume wurden abgesägt. „Die waren unser Eigentum und geschützt durch die Baumschutzsatzung“, so Vöcks. Deshalb hat die Stadt auch keinen Zweifel an der Schuldfrage.

Ein Gutachter wurde auf Kosten des Landesbetriebs eingesetzt. Er habe den ökologischen und ökonomischen Schaden zu ermitteln.

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Freier Mitarbeiter
Holger Bergmann ist seit 1994 als freier Mitarbeiter für die Ruhr Nachrichten im Dortmunder Westen unterweg und wird immer wieder aufs neue davon überrascht, wieviele spannende Geschichten direkt in der Nachbarschaft schlummern.
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