Bewegender Bericht aus dem Vernichtungslager Bergen-Belsen machte Gymnasiasten betroffen

dzBericht einer Zeitzeugin

Eine bewegende Unterrichtseinheit, die mehr als 200 Schüler sprachlos machte: Dr. Yvonne Koch, als Kind dem Vernichtungslager Bergen-Belsen entkommen, war im Bährens-Gymnasium zu Gast.

Schwerte

, 03.03.2019, 05:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Wenn mehr als 200 Schüler in einer Aula zusammenkommen, geht es selten ruhig zu. Als Dr. Yvonne Koch den Oberstufenschülern des Friedrich-Bährens-Gymnasiums von ihrer Kindheit erzählte, war es am Donnerstag ausnahmsweise mucksmäuschenstill. Die bewegende Geschichte eines Kindes, deportiert und ganz auf sich selbst gestellt im Konzentrationslager Bergen-Belsen, fesselte die Schülerinnen und Schüler ganz und gar.

Geschichtslehrer Dr. Lars Reinking hatte den Besuch der Zeitzeugin gemeinsam mit einem Geschichtskurs organisiert. Er kennt Yvonne Koch seit einigen Jahren und ist immer wieder aufs Neue bewegt von ihren Schilderungen. Der kleinen Frau mit der modernen Brille und dem silbergrauen Kurzhaarschnitt fiel es spürbar schwer, ihre Deportation und den Aufenthalt im Lager in Worte zu kleiden. „Ich bin keine Rednerin“, sagte sie mehrfach, „ich beschreibe es einfach, wie es war.“

Die kleine Yvonne wusste gar nicht, was ein Jude ist

Und es war schrecklich. Unfassbar. Ihr Vater konfessionslos, ihre Mutter katholisch, die Großeltern jüdisch. Die kleine Yvonne besuchte in der Slowakei eine katholische Klosterschule. Ihr Vater verlor aufgrund der Rassengesetze die Arztpraxis. Er behandelte zwei Flüchtlinge illegal, wurde gewarnt, versteckte sich - und verlor die Tochter, die von einem SS-Mann aus der Schule gezerrt wurde.

In einen Viehwagen gepfercht ging es von der Slowakei in die Nähe von Celle.

„In einer Dusch-Baracke in Bergen-Belsen mussten die Neuankömmlinge sich nackt ausziehen. ,Jetzt sterben wir’, schrien die älteren Frauen. Und wie erleichtert waren sie, als aus den Duschen Wasser kam statt Gas“, erinnert sich Yvonne Koch mit stockender Stimme.

Kosteten die Handschuhe die fremde KZ-Insassin das Leben?

Hunger, Kälte, Angst - niemand kümmerte sich im KZ um das elternlose Mädchen. Eine Frau in Häftlingskleidung schenkte ihr irgendwann ein paar selbstgestrickte Handschuhe. Sie erinnern in einer Vitrine in der Gedenkstätte Bergen-Belsen noch heute an das Schicksal des slowakischen Kindes, das die Befreiung durch britische Truppen im April 1945 verpasste, weil es wegen der Mangelernährung längst ins Koma gefallen war. Yvonne Koch: „Das war der einzige Moment, in dem ich ein wenig Wärme und Zuwendung empfunden habe. Ich habe diese Frau nie wieder gesehen.“ Die Handschuhe hätten ihr nicht nur die Hände und das Herz gewärmt, berichtete Yvonne Koch, sie hätten ihr auch als Puppenersatz und Kuscheltier gedient.

DRK-Suchdienst führte die Familie wieder zusammen

Yvonne kam ins Lazarett, wurde dort aufgepäppelt und fand mithilfe des DRK-Suchdienstes im Frühjahr 1946 ihre Eltern wieder, die sich auch schon auf die suche nach der Tochter gemacht hatten. Sie hatten in einem Versteck überlebt. Es dauerte 60 Jahre, bis Yvonne Koch über diese Zeit ihres Lebens sprechen konnte und wollte. Da hatte sie längst Mikrobiologie studiert und promoviert - und sich in einen deutschen Mann verliebt. Nach einem langjährigen Forschungsaufenthalt in den USA kehrten die Eheleute nach der Wende nach Deutschland zurück und siedelten sich im Westen an.

Zeutzeugin: „Die Wahrheit muss gesagt werden“

Wie es für sie sei, mit einem Deutschen verheiratet zu sein, wollten die RTG-Schüler unter anderem von der alten Dame wissen. Sie habe sich in diesen speziellen Menschen verliebt, gab sie zur Antwort, nicht in einen Deutschen. Und die seien ja eh nicht per se schlecht. Ehemann Herbert ist stes an ihrer Seite, wenn sie etwa vier Mal im Jahr zu Zeitzeugengesprächen aufbricht, die seine Frau für einige Tage stets sehr aufwühlen. Hass, den empfinde sie nicht, sagte sie den Schülern. „Aber die Wahrheit muss gesagt werden.“

Lesen Sie jetzt