Von Porto nach Santiago de Compostela. Mehr als 240 Kilometer Fußweg auf dem berühmten Jakobsweg. Haben sie aus Johanna Bender aus Schwerte einen anderen Menschen gemacht?

Schwerte

, 09.07.2019, 17:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Ich bin tatsächlich angekommen.“ Johanna Bender ist auf dem Jakobsweg gewandert. Sie hat die portugiesische Variante gewählt und ist von Porto nach Santiago des Compostela gepilgert. Dort ist sie nach 13 Tagen Fußmarsch angekommen. Aber auch bei sich selbst.

Als ihr Mann sie vor rund einem Jahr nach 26 Jahren Beziehung verließ, sah die 55-Jährige keinen Sinn mehr im Leben. „Ich war immer ein eher ängstlicher und unsicherer Typ“, berichtet Johanna Bender. „Ich hatte mich sehr an meinen Mann geklammert und fühlte mich nach der Trennung völlig wertlos. Gäbe es meinen Sohn nicht, ich weiß nicht, was ich womöglich getan hätte.“ Johanna Bender nahm psychologische Hilfe in Anspruch und fand langsam wieder zurück ins Leben. Die Idee einer Freundin, sich doch mal auf eine Pilgerreise zu begeben, nahm nach und nach Gestalt an.

13 Pilgertage und nur eine einzige Blase am Fuß

Am 11. Juni stieg Johanna Bender dann in Bahn und Flugzeug und machte sich mit dem nagelneuen Rucksack und den bereits eingelaufenen Wanderschuhen auf den Weg nach Porto. „Ganz allein und ohne Sprachkenntnisse musste ich dort ein Metroticket kaufen und das gebuchte Hostel finden“, erinnert sie sich, als lägen die ersten Schritte in ihr neues Leben nicht drei Wochen, sondern drei Monate hinter ihr.

Die erste Nacht in einem tristen, kargen Hostel endete um 5 Uhr in der Frühe: „Ich bin aufgestanden, habe meinen Rucksack gepackt und bin zum Jakobsweg gegangen, der dort an der Küste beginnt.“ Der Sonnenaufgang in den tollsten Farben und der Blick auf die Küste haben Johanna Bender schon nach kurzer Zeit jegliche Beklommenheit und Zweifel an ihrer Pilgerentscheidung genommen. Schon kurz vor 14 Uhr erreichte sie die öffentliche Herberge, in der sie ihre erste Nacht als Pilgerin verbringen wollte. Es gibt öffentliche Herbergen auf dem Weg, in denen die Pilger selbst entscheiden, wie viel sie für die Übernachtung bezahlen. Außerdem gibt es private Herbergen, in denen die Übernachtung rund um 14 Euro kostet.

Große Schlafsäle in den Herbergen warten auf die Pilger

Johanna Bender: „Die Herbergen öffnen um 14 Uhr, dann sollte man möglichst auch schon da sein, um sein Bett im Schlafsaal zu sichern.“ Unter den 20 Pilgern, mit denen die Schwerterin in der ersten Nacht den Schlafsaal teilte, war auch Ena, eine gleichaltrige Pilgerin aus Mexiko. Die Frauen waren sich auf Anhieb sympathisch, Sprachprobleme wurden mit Händen und Füßen, dem Schulenglisch und dem Übersetzungsprogramm im Handy gelöst. Das war allerdings nur im W-Lan internettauglich. „Aber als Fotoapparat hat es mir gute Dienste geleistet“, berichtet Johanna Bender schmunzelnd. „Auch hier musste ich loslassen lernen.“

Mit Ena zog sie am nächsten Morgen weiter, später schlossen sich der kleinen Pilgergruppe noch eine Schweizerin und ein Deutscher an.

Schwerterin Johanna Bender pilgerte auf dem Jakobsweg - und auf der Suche nach sich selbst

16 Betten in einem Schlafsaal. Völlig normal für Pilgerherbergen. © Foto Bender

Abschied von liebgewonnenen Pilgerfreunden tat weh

Aber auch hier hieß es bald schon wieder: loslassen. Denn die anderen hatten sich für andere Routen entschieden. „Im Moment des Abschieds hatte ich eigentlich gar keine Lust mehr, meinen Weg weiter zu gehen“, erzählt Johanna Bender, „aber dann führte mich mein Weg durch ein beeindruckendes Waldstück und ließ mich treiben und konnte diese Freiheit und das Alleinsein sogar richtig genießen.“ Beflügelnd sei diese Erfahrung gewesen, fasst sie zusammen. „Hier wurde so richtig deutlich, wie sehr der Weg das Ziel sein kann.“

Hilfsbereite Menschen hätten ebenso häufig ihren Weg gekreuzt wie Federn, die ihr alle naselang vor die Füße gefallen seien, erzählt die 55-Jährige. Die Spuren der Vögel habe sie als Symbol für jene Leichtigkeit genommen, die sich während des Pilgerns in ihr immer breiter gemacht habe. Zu den Begegnungen mit fremden Menschen. an die sie sich noch lange dankbar zurückerinnern wird, gehört auch die mit Eduardo und Carmen, in deren Privathaus sie die Nacht vor der letzten Pilger-Etappe verbringen durfte. „Ich war in Padron auf der Suche nach einer Herberge, sie sprachen mich an und luden mich in ihr Haus ein.“

Schwerterin Johanna Bender pilgerte auf dem Jakobsweg - und auf der Suche nach sich selbst

Frisches Wasser erfrischt die Pilger bei Petras do Corgo. © Foto Bender

Nach der Ankunft wurde die Pilgerin von ihren Gefühlen überwältigt

Trotz der liebevollen Gastfreundschaft des Paares: Bei Sonnenaufgang startete Johanna Bender in Richtung Santiago des Compostela. Sie erinnert sich gut an diese letzte Etappe: „Die Strecke ist nicht besonders schön, man will nur noch ankommen. Und wie ein schneller Film lief die ganze Pilgertour mit all ihren Begegnungen noch einmal an meinem inneren Auge vorbei. Ich habe die halbe Strecke lang geheult.“

Nach einem ersten Besuch des Platzes vor der Kathedrale ging es ins vorgebuchte Hotel, ein Haus mit dem Luxus eines bequemen Bettes, einer warmen Dusche und eines Haarföhns. „Danach stellte ich mich in die Schlange all derer, die mit ihren Stempeln von unterwegs und ihren Papieren ihre Pilgerreise dokumentieren lassen wollten“, erzählt Johanna Bender. „Als ich nach einer Stunde endlich dran war und meine Pilgerurkunde bekam, habe ich vor lauter Glücksgefühl wackelige Knie bekommen. Eine solche Emotion habe ich zuvor nur bei der Geburt meines Sohnes gespürt.“ Bei der bei fast allen Pilgern üblichen Umarmung der eiskalten Jakobs-Statue habe sie allerdings außer Kühle nichts gefühlt.

Nach dem Nullpunkt hat für Johanna Bender ein neuer Abschnitt begonnen

Nach zwei Nächten in Santiago hat Johanna Bender noch einen Abstecher an den Küstenort Finisterra gemacht, dem sogenannten Nullpunkt und offiziellen Ende des Jakobsweges. Sie traf dort noch einmal zufällig auf Ena, sie verabredeten sich in Santiago und fuhren von dort aus gemeinsam mit dem Flixbus nach Porto.

Seit Montag ist Johanna Bender wieder zurück. Mit einem guten Gefühl habe sie ihre neue Wohnung aufgeschlossen: „Bei mir ist es klein und gemütlich.“ Nach der sprituellen Erfahrung des Pilgerns fühlt sich Johanna Bender jetzt stark genug für etwas Handfestes: Englisch lernen und Arbeit suchen.

Viele Wege führen nach Santiago de Compostela

Der Jakobsweg

  • Als Jakobsweg (spanisch Camino de Santiago) wird eine Anzahl von Pilgerwegen durch ganz Europa bezeichnet, die alle das angebliche Grab des Apostels Jakobus in Santiago de Compostela in Galicien zum Ziel haben.
  • Das Pilgerabzeichen ist die Jakobsmuschel, die ursprünglich auch als Nachweis diente. Seit dem 13. Jahrhundert wird dies durch ein Beglaubigungsschreiben beurkundet, die heutige La Compostela.
  • Der Caminho Portugues ist etwa 240 Kilometer lang und in zwei Wochen gut machbar, während der 800 Kilometer lange Camino Francés rund fünf Pilgerwochen beansprucht. Diese Route hat Hape Kerkeling 2001 genommen.
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