150 Jahre Marienkrankenhaus - das Jubiläum wird 2019 gefeiert. Dass Schwerte überhaupt ein Krankenhaus bekam, lag an der Cholera und an den Franziskanerinnen. Ein Blick in die Geschichte.

Schwerte

, 27.04.2019 / Lesedauer: 5 min

Das Jahr 1869: Die Vielstaaterei war noch nicht überwunden, von einer zentralen Regierungsgewalt war weit und breit noch nichts zu sehen. Politisch schwang sich Preußen zur treibenden Kraft in Mitteleuropa empor, wirtschaftlich nahmen die Deutschen Länder durch die Industrialisierung Fahrt auf. Immer mehr Menschen zog es vom Land in die immer größer werdenden Städte. Dorthin, wo durch die Ansiedlung neuer Fabriken entlang der gebauten Eisenbahnlinien Arbeitsplätze entstanden.

In Schwerte war das nicht anders. Die Bergisch-Märkische Eisenbahngesellschaft baute 1864 eine Eisenbahnlinie von Hagen über Schwerte nach Unna. 1868 entstand die Wilhelmshütte, die Eisenindustrie wurde heimisch (später „Schwerter Profile“), 1869 ließ sich das Nickelwerk nieder. Parallel verdoppelte sich die Einwohnerzahl der Ruhrstadt zwischen 1867 und 1880 von 3000 auf 6000. Um die Jahrhundertwende lebten in Schwerte bereits 12.000 Personen. Diese Entwicklung bescherte der Stadt aber nicht nur einen wirtschaftlichen Aufschwung, sondern auch Probleme.

Sanitätsrat Tütel wollte die Stadt zur Klinikgründung bewegen

Denn die Infrastruktur wuchs nicht mit. Wohnungsnot, hohe Sterberate, schlechte hygienische Bedingungen: Die Not war groß. Mitten in der Krise entstanden erste Initiativen, um eine strukturierte Hilfe zu organisieren, die am Ende zwei Kliniken entstehen ließen.

Konkreter Auslöser für den gesundheitspolitischen Fortschritt war eine Cholera-Epidemie, die ab 1866 als Nachklang des Deutschen Krieges zwischen Österreich und Preußen im Ruhrgebiet grassierte und Tausende das Leben kostete. 1867 reichte Sanitätsrat Dr. Friedrich Tütel der Schwerter Stadtverordnetenversammlung das Gesuch ein, ein städtisches Krankenhaus zu errichten.

150 Jahre Marienkrankenhaus: Nach der Cholera-Epidemie 1869 halfen die Franziskanerinnen

Sanitätsrat Dr. Friedrich Leopold Tütel © Marienkrankenhaus

Der Vorstoß wurde abgelehnt mit dem Hinweis, dies berühre keine kommunalen Aufgaben und müsse „aus dem kirchlichen Umfeld“ erwachsen. Die beiden christlichen Gemeinden Schwertes reagierten und stellten aufgrund der fehlenden staatlichen Unterstützung die Finanzierung auf die Beine und beschlossen, Hospitäler aufzubauen. Diese Einrichtungen wurden von Franziskanerinnen, Diakonissinnen und Ehrenamtlichen geführt.

Ein evangelischer Eisenbahner war 1869 der erste Patient an der Hagener Straße 11

Zunächst wurden Räume angemietet – für sogenannte Krankenanstalten. So begann die Geschichte des Marienkrankenhauses 1869 im Haus Hagener Straße 11. Franziskanerinnen verfügten in einer Wohnung über drei Zimmer, um sich ambulant um ihre Patienten zu kümmern. Ein Anfang. Mehr aber auch nicht. Erster Patient war am 9. April Julius Becker. Ein Eisenbahner evangelischer Konfession, der an Wechselfieber (Malaria) litt. Er ließ sich die Behandlung zwei Taler und 20 Silbergroschen kosten.

150 Jahre Marienkrankenhaus: Nach der Cholera-Epidemie 1869 halfen die Franziskanerinnen

In diesem Haus an der Hagener Straße betreuten Franziskanerinnen Patienten in drei Zimmern einer Wohnung. © Marienkrankenhaus

1869 beschloss auch die Evangelische Gemeinde, gleichzuziehen und ebenfalls ein „Spital“ zu eröffnen. Auf dem jetzigen Grundstück an der Schützenstraße folgte der erste Spatenstich zum Bau des noch heute stehenden Gebäudes. Hilfe durch die Stadtverordnetenversammlung gab es nur am Rande. Im April 1869 wurde den Kirchengemeinden erlaubt, die zur Eindämmung der Cholera-Epidemie angeschafften „Utensilien“ untereinander aufzuteilen.

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1882 wurde der Neubau des Marien-Hospitals an der Goethestraße eröffnet

Währenddessen erwies sich die Wohnung der Franziskanerinnen in der Hagener Straße für eine Krankenpflege-Einrichtung als ungeeignet. Weitere Häuser wurden bezogen an der Schützenstraße 5 und am Nordwall 14. Dort waren die Zustände alles andere als hinnehmbar. Ein Neubau wurde beschlossen, am 18. Juni 1882 folgte die Einweihung des „Marien-Hospital“ genannten Gebäudes an der Goethestraße. Die Einrichtung entwickelte sich prächtig. 1902 wurden 300 Patienten betreut, die Zahl der Franziskanerinnen stieg von vier bis Kriegsende 1918 auf 25. Eigene Ärzte gab es noch nicht. Die Patienten wurden ausschließlich von niedergelassenen Schwerter Medizinern behandelt.

150 Jahre Marienkrankenhaus: Nach der Cholera-Epidemie 1869 halfen die Franziskanerinnen

Um 1906 entstand der Westflügel des Marienkrankenhauses. © Marienkrankenhaus

Der Unterhalt der Einrichtungen musste durch Pflegegelder – die die Kranken zu zahlen hatten – und freiwillige Beiträge gewährleistet werden. 1876 beschloss der Schwerter Rat, der katholischen Klinik im Jahr 180 Mark zu überweisen, dem evangelischen Krankenhaus das Doppelte. Dort kümmerten sich 1878 in einem 25 Meter langen und 8,5 Meter breiten Gebäude zwei Diakonissinnen und ein männlicher Krankenpfleger in 23 Zimmern um maximal 26 Patienten. Im Sommer wurden im Durchschnitt 15 Männer und Frauen behandelt, im Winter mehr. Der Pflegesatz betrug 75 Pfennig am Tag – ohne Medikamente.

Kliniken erlangten großen Stellenwert für das Image der Kommune

Trotz Geldmangels stieg der Stellenwert, den sich Kliniken landesweit als Imagefaktor einer Kommune erwarben. Die Infrastruktur einer Stadt übernahm sinnstiftenden Charakter. Krankenhäuser bestimmten wie Bahnhöfe, Fabriken, Rathäuser und Kirchen architektonisch das Stadtbild. Die Kliniken expandierten in Größe und Ausstattungsqualität.

An der Schützenstraße wurde eine Isolierstation gebaut, elektrisches Licht ersetzte die Petroleumbeleuchtung, und im Keller ratterten Waschmaschinen. Die Bevölkerung identifizierte sich schnell mit den Institutionen. Statt „das“ Krankenhaus hieß es „mein“ Krankenhaus. Die einen gingen in „ihr“ Marien, die anderen in „ihr“ Evangelisches.

150 Jahre Marienkrankenhaus: Nach der Cholera-Epidemie 1869 halfen die Franziskanerinnen

Der Standort des Marienkrankenhauses an der Schützenstraße © Bernd Paulitschke

Der gewachsene Stellenwert hinterlässt bis heute deutliche Spuren. So erklärt sich die prägende Backsteinfassade des heutigen Krankenhauses am Standort Schützenstraße durch den Blick zum westlich angesiedelten Konkurrenten.

Nachdem das katholische Krankenhaus erweitert und mit einer repräsentativen Fassade ausgestattet wurde, erschien dem Vorstand des evangelischen Krankenhauses der 1904 erweiterte Klinikbau in der Schützenstraße zu schmucklos. Folge: Der Bau erhielt 1913 ein neues Backsteinkleid und ein drittes Vollgeschoss. Ein Jahr später entstand im ersten Stock des Altbaus eine Abteilung für Privatpatienten – die Zimmer wurden gestrichen, auf den Böden wurde Linoleum ausgelegt und eine Zentralheizung eingebaut.

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2014 wurde aus konkurrierenden Häusern eine Gemeinschaft

In der weiteren Entwicklung beider Einrichtungen lassen sich deutliche Parallelen erkennen. Erster Weltkrieg, Kapp-Putsch, französische Ruhrbesetzung, Inflation, Zweiter Weltkrieg - beide Kirchengemeinden mussten große Anstrengungen unternehmen, ihre Häuser durch unruhige Zeiten zu manövrieren.

Mit dem Ergebnis, dass die Kliniken den durch die Kriegszeit entstandenen Entwicklungsstau in den 50er- und 60er-Jahren aufzuholen hatten. Es wurde an- und ausgebaut, modernisiert, das Personal aufgestockt.

150 Jahre Marienkrankenhaus: Nach der Cholera-Epidemie 1869 halfen die Franziskanerinnen

Standort Goethestraße © Marienkrankenhaus

Gemeinsam entwickelten sich beide Krankenhäuser von den 60er-Jahren bis weit nach der Jahrtausendwende Seite an Seite, aber immer ein Stück weit in Konkurrenz, zu modernen Zentren der medizinischen Grund- und Regelversorgung.

Um sich wachsenden Aufgaben anpassen zu können und gestiegene Ansprüche zu erfüllen, fusionierten die beiden Kliniken 2014 unter dem Dach der Trägergesellschaft „Marienkrankenhaus Schwerte gem. GmbH“.

Bürger sind zum Jubiläum eingeladen

Tag der offenen Tür

  • Das 150. Jahr seines Bestehens feiert das Marienkrankenhaus am 11. und 12. Mai.
  • An beiden Standorten wird am 12. Mai von 11 bis 17 Uhr zum Tag der offenen Tür eingeladen.
  • Dafür wird am Samstag, 11. Mai, bis Sonntag, 12. Mai, die Schillerstraße zwischen Goethestraße und Freiherr-vom-Stein-Straße gesperrt. Sonntags verlängert sich die Sperrung von 8 bis 22 Uhr bis zum Parkdeck.
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