Einer der größten Momente in ihrem Leben, obwohl sie sportlich gar nicht beteilgt ist: Erline Nolte (li.) herzt die neue Olympiasiegerin im Zweierbob, die gleichzeitig eine ihrer engsten Freundinnen ist. © picture alliance / Tobias Hase/d
Bobsport

Emotionen pur: Diese Momente bringen Erline Nolte heute noch zum Weinen

Von der Anfängerin zur Olympionikin: Erline Noltes acht Jahre als Bob-Anschieberin verliefen unglaublich. Sie erlebte Momente fürs Leben. Dabei fand sie ihren ersten Bobfahrten schrecklich.

Es waren die aufregendsten acht Jahre ihres Lebens. Von der emeritierten Leichtathletin, die drei Jahre lang keinen Sport mehr machte, hat es Erline Nolte als Bob-Anschieberin bis zur Olympionikin geschafft. „An mich haben nicht viele geglaubt“, sagt Nolte, die nun ihre Karriere beendet hat. Während unseres Karriere-Rückblicks mit ihr schießen der 31-jährigen Westhofenerin immer wieder die Tränen in die Augen. Der Anfang„Ich verdanke meinem Cousin Pablo, dass ich diesen Sport überhaupt für mich entdeckt habe. Der Anfang war jedoch super schwer. Ich war 2012 seit drei Jahren nahezu untrainiert. Dann habe ich einfach mal spontan bei einem Anschubtest mitgemacht. Der lief überraschenderweise relativ gut und ich bin dann recht schnell im Europacup gestartet.

Pablo Nolte bringt seine Cousine Erline zum Bobfahren. Er selbst hatte ein Jahr vor ihr bereits mit dem Wintersport angefangen. © Bernd Paulitschke © Bernd Paulitschke

Es war total aufregend für mich. Ich kannte mich überhaupt nicht aus und hatte die Muskelkater meines Lebens. Ich war ein kleiner Mensch in einer Riesen-Welt, der nicht wusste, wo er hinlaufen muss.“

Die ersten Fahrten„Die ersten beiden Fahrten fand ich schrecklich. Da war ich mir gar nicht sicher, ob das was für mich ist, weil man im Bob dann doch ganz ordentlich verprügelt wird. Bei meinem dritten Lauf bin ich dann gleich auch schwer gestürzt, hatte also direkt das volle Programm und wusste, worauf ich mich einlasse.

Mit Pilotin Stefanie Szczurek erlebt Erline Nolte ihre ersten Fahrten im Europacup. © Privat © Privat

Mein Ehrgeiz aber war geweckt, die Fahrten lösten nach und nach unglaubliches Adrenalin bei mir aus. Doch der erste Winter war sehr, sehr hart: Kufen schleifen, Bob tragen, dann die Fahrten. Das war alles neu – aber es hat einfach nur Spaß gemacht.“

Kaum zu glauben: Erline Nolte holt mit Stefanie Szczurek den vierten Platz bei der Weltmeisterschaft in Winterberg, ihrer Bob-Heimat. © Sebastian Reith © Sebastian Reith

Vierter Platz bei der Heim-WM 2015„Es war der erste Winter, in dem meine Pilotin Stefanie Szczurek und ich uns für den Weltcup qualifiziert haben. Allein das war ein Riesending für uns. Auf einmal fuhren wir in Lake Placid in den USA einen Weltcup. Dann wurden wir zunächst Dritte bei der Europameisterschaft. Und dann kam die große Heim-Weltmeisterschaft in Winterberg.

Ich erinnere mich an tolle Zuschauer, eine Riesen-Stimmung und eine unglaublich tolle Veranstaltung. Niemand hätte erwartet, dass wir Vierte werden könnten. Das kam völlig unerwartet. Wir haben uns so sehr gefreut, da kommen mir noch heute die Tränen. Es war mein persönlich größter Erfolg.“

Erline Nolte sitzt mit vielen verschiedenen Pilotinnen im Bob, eine Zeit lang auch mit der Olympiasiegerin Anja Schneiderheinze (re.). © Leon Weiß © Leon Weiß

Die Pilotinnen„Ich hatte in meinen acht Jahren echt viele, viele Pilotinnen. Zwei davon sind Freundinnen fürs Leben geworden, die ich wohl auch noch in 60 Jahren haben werde. Da ist zum einen Stefanie Szczurek, mit der ich mich als Vize bei einer Junioren-WM bis zum 4. Platz der Weltmeisterschaft gekämpft habe. Und zum anderen Mariama Jamanka. Sie hat mir in meinem ersten Winter alles beigebracht und war super geduldig mit mir.

Auch Anna Köhler hat mich geprägt. Mit ihr habe ich mich bis zu Olympia gekämpft, woran viele nicht geglaubt haben. Die drei haben mich am meisten geprägt, weil wir so viel zusammen erlebt und gekämpft haben. Ich habe mich in meiner Rolle als Anschieberin übrigens immer wohlgefühlt. Ich mochte es, die Arbeit im Hintergrund zu machen und habe Riesenrespekt für die Aufgabe der Pilotinnen.“

Bangen um Olympia: Im Winter vor dem Highlight-Sportereignis erleidet Nolte einen schweren Bandscheibenvorfall. © Privat © Privat

Schwere Verletzung vor Olympia„Im Winter vor Olympia hatte ich einen schweren Bandscheibenvorfall, der mich auf die Couch gezwungen hat. Ich wusste nicht mehr, ob ich es zu Olympia schaffe. Dann war ich erst eine Woche in stationärer Behandlung und danach fünf Wochen in der Reha am Tegernsee.

Die haben mich innerhalb von wenigen Wochen so fit gekriegt, dass ich in vielen Bereichen nach meinem Aufenthalt so fit wie noch nie zuvor war. Es war eine Achterbahnfahrt der Gefühle, aber letztlich Glück im Unglück. Nur wegen der guten Reha konnte ich im Sommer so durchstarten und anschließend nach Südkorea fliegen.“

Quälen für Olympia: Mit Rookie Anna Köhler bereitet sich Erline Nolte auf ihren großen Lebenstraum vor. © Stephan Schuetze © Stephan Schuetze

Vorbereitung auf Olympia„Es war schon ein großes Risiko, in ein Team mit Anna Köhler zu gehen. Sie war ein absoluter Rookie und vor der Olympia-Saison noch nie im Weltcup. Aber ich habe an sie geglaubt. Im Sommer 2017 haben wir alles gemacht, um uns Olympia, unseren großen Traum, zu erfüllen. Wir haben zusammen fünfstündige Krafteinheiten durchgestanden. Wir haben uns gequält, bis wir auf dem Boden lagen und nicht mehr konnten.

Das war definitiv das härteste Training, das ich jemals hatte. Wir waren so erschöpft, dass wir die Treppen zu unseren Zimmern in Winterberg nicht mehr hochkamen. Ich habe in dieser Zeit mein Leben in Schwerter sehr vernachlässigt, auch meine komplette Freizeit auf Olympia ausgerichtet. Es war ein krankes Jahr. Aber es hat sich ausgezahlt. Ich war so stark wie noch nie.“

„Es war schweinekalt, aber das war mir egal“: Erline Nolte bei der Eröffnungsfeier zu den Olympischen Winterspielen in Südkorea. © Privat © Privat

Eröffnungsfeier Pyeongchang„Ich habe in meinem Leben immer von nichts mehr geträumt, als einmal Olympionikin zu sein. Schon als Kind habe ich das als größten Wunsch immer in Freundesbücher geschrieben. Die Emotionen, die ich dann dort erlebt habe, sind kaum in Worte zu fassen. Ich erinnere mich daran, dass es bei der Eröffnungsfeier schweinekalt war.

Aber das war mir völlig egal. Ich wollte alles mitnehmen, alles aufsaugen. Während der Feier habe ich meine Familie via Facetime angerufen, damit sie das so nah wie möglich mitbekommen. Das war mir sehr wichtig, weil meine Familie mir so viel ermöglicht und unglaublich mitgefiebert hat.“

Ein Moment der Ekstase: Erline Noltes enge Freundin Mariama Jamanka, mit der sie selbst auch im Bob saß, gewinnt in Pyeongchang die Goldmedaille. © picture alliance / Tobias Hase/d © picture alliance / Tobias Hase/d

Das Erlebnis Olympia„Das war das Krasseste, was ich je erlebt habe. Wir waren vier Wochen in Südkorea und ich bin der glücklichste Mensch, dass ich diese Reise erleben durfte. Ganz ehrlich: Der 13. Platz ist nicht das, was wir wollten. Aber je mehr Abstand ich von Olympia bekomme, desto egaler ist mir das.

Dieses Sportereignis war das tollste Erlebnis meines Lebens. Und ich durfte miterleben, wie eine meiner besten Freundinnen Olympiasiegerin wurde. Als Mariama ins Ziel kam und das feststand – nichts hätte in diesem Moment schöner sein können. Und ich weiß nicht mal, ob ich mich so gefreut hätte, wenn ich selbst gewonnen hätte.“

Ihr letzter Winter wird nochmal zu einem der erfolgreichsten. In der Saison 2019/20 landet Nolte mit verschiedenen Pilotinnen im Weltcup gleich dreimal auf dem zweiten Platz. © picture alliance/dpa © picture alliance/dpa

Erfolge im letzten Winter„Eigentlich hatte ich mit dem Weltcup abgeschlossen, weil ich an einem Muskelfaserriss litt. Ich bin dann aber entgegen des medizinischen Rates meinen eigenen Weg gegangen und wollte unbedingt nochmal diesen einen, letzten Winter erleben. Und so war es genau richtig.

Zwar konnte ich keine WM fahren, was mein großes Ziel war. Dafür hatte ich aber den erfolgreichsten Weltcup-Winter meiner Karriere mit drei zweiten Plätzen. Was ein unglaublich versöhnlicher Abschluss.“

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