Zwiespältige Reaktionen auf das erste Wolfsgebiet in NRW

dzWölfin in Schermbeck

Das Land hat das erste Wolfsgebiet Nordrhein-Westfalens für die in Schermbeck heimisch gewordene Wölfin ausgewiesen. Was bedeutet das eigentlich und wie reagieren die Schafhalter?

Schermbeck

, 01.10.2018 / Lesedauer: 4 min

Ganze 958 Quadratkilometer fasst das Gebiet in Teilen der Kreise Kleve, Wesel, Borken und Recklinghausen sowie der Städte Bottrop und Oberhausen. Mehr Fläche, als von einem Wolf benötigt werde, sagte Landwirtschaftsministerin Ursula Heinen-Esser am Montag, und „bewusst großzügig dimensioniert“. Halter von Schafen und Ziegen können nun bei der Bezirksregierung Münster Fördergelder für Herdenschutz beantragen.

Umgang mit Problemwölfen

Der Brichter Schafzüchter Benedikt Hüttemann, bei dem im April sechs Schafe den Angriff eines Wolfs nicht überlebten, sieht die Ausweisung des Wolfsgebiets grundsätzlich positiv. „Die entscheidende Frage für mich ist aber, wie man mit Problemwölfen umgeht.“ Dass es sich bei der Wölfin aus Niedersachsen um einen solchen handeln könnte – dafür hat Hüttemann mehrere Hinweise: „Der Wolf ist eigentlich ein scheues Tier. Atypisch ist, wenn er sich Spaziergängern auf bis zu 30 Meter nähert, wenn er mehr Tiere erlegt, als er zum Fressen braucht, wenn er Schutzmaßnahmen überspringt.“

„Zäune bieten keinen hundertprozentigen Schutz.“

Die 1,20 Meter hohen Strom-Zäune, die empfohlen werden, böten keinen ausreichenden Schutz, glaubt Hüttemann. „Ein Wolf kann 1,80 Meter hoch springen.“ Deshalb seien in Wolfsgehegen Zäune drei Meter hoch. Die empfohlenen Strom-Zäune böten vielleicht einen 70- oder 80-prozentigen, aber eben keinen hundertprozentigen Schutz, sagt Hüttemann. Nachdem seine Herde angegriffen wurde, hat er einen Graben wolfssicher gemacht. Ein starkes Stromgerät besitze er bereits. „Die ganzen fünf Hektar wolfssicher einzuzäunen, wäre zu teuer, zu aufwendig“, sagt er.

Herdenschutzsets „waren vergriffen“.

Bei der Biologischen Station des Kreises Recklinghausen liegen in Lembeck eigentlich drei Herdenschutzsets (Elektrozaun, Weidezaungerät und Fotofalle) für betroffene Nutztierhalter bereit. Vergangene Woche hatte Hüttemann nachgefragt, ob er eines bekommen könnte. „Die waren vergriffen.“ Als Kritik will Hüttemann das aber nicht aufgefasst wissen: „Die können natürlich nicht für alle Schafhalter solche Sets bereithalten.“

Schalfhalterin investierte in Elektrozaun.

Christiane Rittmann, die fünf tote und zwei verletzte Schafe zu beklagen hatte, fährt jeden Morgen zum Stall und freut sich, wenn sie ihre Schafe sieht: „Gott sei Dank, sie leben noch alle.“ Dass ein Wolf am helllichten Tag in der Nähe von Häusern Schafe reißen würde, „hätte ich mir vorher nicht vorstellen können“.

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Nach den Vorfällen im April, Juni und August hat sie „aufgerüstet“. Rittmann lieh sich ein Schutzset, investierte aber auch selbst. „Ich hätte natürlich auf die Förderung warten können, aber vielleicht habe ich bis dahin keine Schafe mehr.“

Zusätzliche Stromlitze verlegt

Statt der empfohlenen 1,20 Meter hat sie auf 1,30 bis 1,40 Meter Höhe eine zusätzliche Stromlitze verlegt. Rittmann: „50 Meter Netzzaun mit 1,20 Meter Höhe kosten 110 Euro.“ Mit 50 Metern kommt man aber auf nicht weit: „Manchmal braucht man 500 Meter, manchmal 1000 Meter.“ Die Zäune ständig zu verschieben sei ihr aber zu aufwendig, weshalb sie die Einfassung der Weiden grundsätzlich verstärken wolle. Auch das wird jetzt gefördert.

„Wir müssen uns damit arrangieren.“

Rittmann sagt: „Der Wolf hat auch eine Berechtigung zu leben. Ob das in NRW, einem der dicht besiedeltsten Bundesländer, Sinn macht, wird sich herausstellen.“ Nun hätten die Schafhalter zwölf Monate Zeit, die empfohlenen Schutzmaßnahmen umzusetzen. Ansonsten werden Risse danach nicht entschädigt. „Wir müssen uns damit arrangieren“, sagt Rittmann. Unzufrieden sei sie darüber, dass Land und das Landesamt für Umwelt (LANUV) so spät reagiert hätten.

Bezirksregierung Münster ist zuständig.

Ansprechpartnerin bei der Bezirksregierung Münster für Entschädigungs- und Präventionsmaßnahmen ist Maike Fritz (E-Mail: maike.fritz@brms.nrw.de, Tel. 0251-4 11 15 52). Auf der Internetseite www.bzreg-muenster.de finden sich die Förderrichtlinien Wolf, wo geregelt ist, dass etwa gerissene Nutz- und Haustiere oder Tierarztkosten entschädigt werden (100 Prozent) oder welche Präventionsmaßnahmen mit 80 Prozent gefördert werden.

Herdenschutzhund wird erst ab 100 Tieren gefördert.

Die Bagatellgrenze liegt bei Präventionsanträgen bei 200 Euro. „Dass sollte aber kein Problem sein“, sagt Bezirksregierungssprecher Andreas Winnemöller. Damit ein Herdenschutzhund gefördert wird, müsse die Herde mindestens 100 Tiere groß sein – also eher nicht für Hobbyschäfer. Antragsformulare sind auf dieser Seite zu finden.

„Ich kann die Ängste der Menschen verstehen.“

Bürgermeister Mike Rexforth sagt, es stelle sich nicht die Frage, „ob der Wolf hier leben darf oder nicht“. Das sei eindeutig geregelt. „Ich kann die Ängste der Menschen aber auch verstehen.“ Man müsse nun umfassende Aufklärungsarbeit von Experten einfordern, wie man mit dem Wolf umzugehen habe.

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Vor Panikmache warne er, so Rexforth: Schließlich habe es in 20 Jahren, in denen der Wolf wieder in Deutschland sei, keinen registrierten Zwischenfall mit Menschen gegeben. „Ich bin mir sicher, dass in Schermbeck gefährlichere Hunde leben.“ In seinem Umfeld erlebe er aber kontroverse Diskussionen, sagt Rexforth. Er vermutet, dass es nur eine Frage der Zeit sein könne, bis sich zur Wölfin ein Zweiter dazugeselle.