Wölfin bekommt vom Landrat den Namen Gloria von Wesel

Wolf in Schermbeck

Gloria von Wesel: Diesen Namen schlägt Landrat Ansgar Müller für die Schermbecker Wölfin vor - statt „GW954f“. Der Landrat sagt aber auch: „Wir müssen uns mit den Folgen auseinandersetzen.“

Schermbeck

, 05.10.2018, 16:04 Uhr / Lesedauer: 3 min
Wölfin bekommt vom Landrat den Namen Gloria von Wesel

An der Wiese am Elsenweg von Jonas und Christiane Rittmann, auf der im August fünf Schafe von einer Wölfin gerissen und zwei verletzt wurden, informierten sich Landrat Dr. Ansgar Müller und der LANUV-Fachbereichsleiter für Artenschutz, Dr. Matthias Kaiser (v.l.), aus erster Hand über die Probleme mit der Wölfin. © Berthold Fehmer

An der Wiese von Christiane Rittmann am Gahlener Elsenweg, wo Ende August fünf Schafe von der Wölfin gerissen und zwei verletzt wurden, wollte sich Müller selbst ein Bild machen und erfahren, „wo der Schuh drückt“. Rittmann schilderte die Situation, wie sie die Schafe morgens tot auf der Wiese liegen sah. Einem Schaf sei der Vorderlauf mit Schulter herausgerissen worden. „Das war kein schöner Anblick“.

Grundsätzlich sei positiv, dass der Wolf nach 180 Jahren wieder zurückkehre, sagte Müller. Die Abwicklung von Schadensersatz und der Förderung von Präventionsmaßnahmen seien beim Landesamt für Natur-, Umwelt und Verbraucherschutz (LANUV) und der Bezirksregierung Münster gut aufgehoben.

Landrat fordert Aufklärung

Müller fordert Aufklärung: „Wir sind nicht gewohnt, mit dem Wolf zu leben.“ Deshalb wolle er die Ausstellung „Die Rückkehr des Wolfs nach NRW“ Anfang 2019 ins Kreishaus und anschließend nach Schermbeck holen. Außerdem müsse Aufklärungsarbeit in Kindergärten und Schulen geleistet werden. Wer das denn tue, fragte Christiane Rittmanns Sohn Jonas (19) nach.

Dr. Matthias Kaiser, Fachbereichsleiter für Artenschutz beim LANUV, sagte, personell sei das LANUV derzeit ausgelastet, aber im Ministerium sei eine neue Stelle geschaffen worden, die das koordiniere. Auf Nachfrage, ob die Wolfsberater in die Schulen gehen könnten, verneinte dies Kaiser: Es seien Ehrenamtler, denen man nicht noch mehr Arbeit aufbürden wolle.

Im Umweltausschuss des Kreises werde der Wolf Ende November ebenfalls Thema sein, so Müller. Zudem habe er sich bei Staatssekretär Dr. Heinrich Bottermann vom Umweltministerium für eine Überarbeitung der Förderrichtlinien und schnelle, unbürokratische Hilfen für Schafzüchter eingesetzt. Rittmann, die vor der Einstufung als Wolfsgebiet ihre Zäune verstärkt hatte, wird dies Stand jetzt nicht ersetzt bekommen. Da sie viele Wiesen habe, sei eine Umzäunung aller mit Stromzäunen zu aufwendig, sagt sie und plant feste Zäune. Sie hoffe auf mehr Flexibilität bei den Behörden.

„Keine Angst schüren“

Auf Nachfrage, ob es sich bei Gloria um einen Hybriden handeln könne, verneinte Dr. Matthias Kaiser, Fachbereichsleiter für Artenschutz beim LANUV, dies eindeutig. Das Senckenberg Institut eindeutig festgestellt, dass es sich um eine Wölfin handele. Hybriden würden schnellstmöglich der Natur entnommen, wie es im Wolfsmanagement-Plan vorgesehen sei. Das Wichtigste jetzt sei: „Keine Angst schüren.“

Gerade Kindern solle man „keine Angst vorm bösen Wolf“ machen, so Kaiser. Ihm habe im Urlaub in Kroatien mal ein Bürgermeister gesagt, jedes Kind in seinem Ort wisse, wie man mit einem Wolf umzugehen habe. Man könne ruhig ein bisschen laut werden im Wald, sagt Kaiser, der auch den Tipp, Kinder im Waldkindergarten mit Trillerpfeifen auszustatten, aus einem anderen Grund richtig findet: „Wenn ein Kind mal verloren geht, kann es sich so bemerkbar machen.“

Lieber unter dem Zaun als darüber

Auf die Frage, ob die empfohlenen 1,20 Meter Zaunhöhe zur wolfssicheren Einzäunung von Schafen ausreiche, sagte Kaiser, dass man davon ausgehe, dass auch 90 Zentimeter als Grundschutz ausreichten. Wölfe versuchten es zunächst unter dem Zaun und könnten zwar springen, würden dies aber lieber vermeiden. „Wenn ein Wolf nachts im Dunkeln springt, weiß er nicht, wie und wo er aufkommt.“ Und wenn sich ein Wolf am Bein verletze, „war’s das für ihn“. Es habe aber, gibt Kaiser zu, auch Fälle gegeben, in denen Wölfe über Zäune gesprungen seien.

Deckelung auf 15.000 Euro

Maximal 15.000 Euro pro Antragsteller sind aufgrund europäischer Vorgabe für Präventionsmaßnahmen auszahlbar - 80 Prozent werden übernommen. Bislang habe es aber keinen Fall gegeben, in denen diese Grenze zu niedrig gewesen sei, sagte Kaiser. Womöglich werde diese Regelung auch in den nächsten Jahren überarbeitet.

Etwa 430 Schafzüchter gibt es im Kreis Wesel, zwei Drittel davon auf der rechtsrheinischen Seite. Dass sich Gloria nur noch von Schafen ernähre, kann Kaiser ausschließen. Bislang war nur eine Hirschkuh gefunden worden, die der Wolf „komplett verwertet“ habe. Man gehe davon aus, dass ein Wolf pro Tag etwa rund drei Kilo Fleisch brauche. Allerdings fresse der Wolf unregelmäßig und könne bei einer Mahlzeit acht bis neun Kilogramm vertilgen. „Dann liegt er aber auch eine Woche rum“, so Kaiser.

Rinder oder Pferde gefährdet?

Was passiert, wenn alle Schafhalter wolfssichere Zäune haben? Wendet sich der Wolf dann vielleicht Rindern oder Pferden zu? Es gebe genügend Wildtiere in der Region, sagt Kaiser. Herden seien wehrhaft, wenn es Übergriffe gegeben habe, seien es meist auf junge Kälber gewesen, die auf der Wiese geboren wurden.

Was manche Landwirte auch fürchten: Wer haftet, wenn eine Herde aufgrund eines Wolfs durch oder über die Zäune geht, und es etwa auf naheliegenden Straßen zu Unfällen komme. „Das hat es in 20 Jahren mit dem Wolf in Deutschland noch nicht gegeben“, sagt Kaiser, aber Unfälle mit Tieren gebe es häufiger: Kürzlich Wildschweine auf Eisenbahnschienen oder zwei Pferde auf der A 45. „Das wird aufgrund des Wolfs nicht signifikant zunehmen“, glaubt Kaiser.

Mehr Informationen durch Fotofallen

Das LANUV habe bislang noch keine Kameras in Schermbeck aufgehängt, da es noch in der Abstimmung mit Grundstücksbesitzern sei und überprüfe, wo schon Wildkameras aufgehängt sind. „Unsere fünf Fotofallen sind ein Klacks“, sagt Kaiser, im Vergleich zu den schon aufgehängten Kameras. Von den Kameras erhoffe man sich aber Informationen darüber, ob es sich um einen oder zwei Wölfe handele, oder ob es vielleicht schon Jungtiere gebe.

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