Im Schermbecker Dämmerwald entsteht eine neue Wildnis. Auf dem Rundweg können Kinder und Erwachsene das beobachten und sich per App oder von einem Förster führen lassen. Wer macht‘s besser?

Schermbeck

, 08.08.2018, 04:55 Uhr / Lesedauer: 7 min

Die Gegner: Christoph Erkens (28), ausgebildeter Förster vom Landesbetrieb „Wald und Holz“, tritt gegen die Smartphone-App „Wildnisgebiete NRW“ an. Letztere gibt es kostenfrei für Android- und Apple-Geräte in den jeweiligen Stores zum Download. Für Führungen, die das Regionalforstamt Niederrhein bis Ende September immer donnerstagnachmittags um 15 Uhr anbietet (Anmeldung unter Tel. 0281-339320 oder per E-Mail) zahlen Erwachsene 5 Euro, Kinder nichts. Keine festen Termine, keine Kosten? Der Punkt geht an die App: 0:1

„Als würde es uns Menschen gar nicht geben“

Was bedeutet überhaupt „Neue Wildnis Dämmerwald“? Echte Wildnis, also Gebiete, die vom Menschen völlig unberührt sind, gibt es in ganz Nordrhein-Westfalen nicht mehr. Doch seit 2009 wurden 100 Wildnisentwicklungsgebiete in NRW ausgewiesen, in die der Mensch nicht mehr eingreifen wird. Im Dämmerwald sind es 128 Hektar Waldfläche (von insgesamt 1450 Hektar, so groß wie 2000 Fußballfelder). Dort kann sich Natur ungestört entwickeln. „Wir tun hier so, als würde es uns Menschen gar nicht geben“, sagt Christoph Erkens bei der Führung, an der vier Erwachsene und vier Kinder zwischen drei und elf Jahren teilnehmen. Fällt im Wildnisentwicklungsgebiet ein Baum um, bleibt er liegen, wird von den Waldbewohnern zersetzt und bietet die Grundlage für neues Leben.

Die dreijährige Isabella lässt sich von Christoph Erkens zeigen, welche Käfer und Pilze sich unter der Rinde des umgestürzten Baums angesiedelt haben.

Die dreijährige Isabella lässt sich von Christoph Erkens zeigen, welche Käfer und Pilze sich unter der Rinde des umgestürzten Baums angesiedelt haben. © Berthold Fehmer

Im Dämmerwald wurde ein alter 2,6 Kilometer langer Naturlehrpfad, der eigentlich schon aufgeben war, wieder reaktiviert. Fast 400.000 Euro hat das gekostet. Auch deshalb, weil dieser Weg ein Pilotprojekt für andere Wildnisentwicklungsgebiete sein soll. Wer die App runterlädt, findet unter der Schaltfläche „Wildnisgebiete“ nur den Dämmerwald - in Höxter und Hochstift wird bereits an Nachfolgern gearbeitet. In der App (bei iOs: 121,5 Megabyte) kann man sich nach dem Runterladen schon zu Hause über den Dämmerwald informieren. Es gibt dort Texte, ein 360-Grad-Panorama aus dem Dämmerwald, wo sich hinter kleinen Schaltflächen kurze Videos von Tieren verstecken oder auch die Karte mit dem Rundweg. Und auch der Punkt geht an die App: 0:2

Mit der App hat man die Karte des Rundwegs immer dabei.

Mit der App hat man die Karte des Rundwegs immer dabei. © Berthold Fehmer

Ratsam ist übrigens, die Karte und die Informationen wie von der App empfohlen, vor dem Besuch des Dämmerwalds herunterzuladen. Denn wenn man erst mal am Wildnistor auf dem Wanderparkplatz (fürs Navi: Malberger Straße 105, 46514 Schermbeck) steht, zeigt einem etwa das Handynetz der Telekom nur noch „E“ an. „E“ wie „Edge“, was man salopp auch mit „extrem langsam“ übersetzen kann. Und noch ein Tipp: Der Akku des Smartphones sollte einigermaßen gefüllt sein, denn GPS oder die „Augmented Reality“-Funktionen (Erweitere Realität) saugen schon ganz gut Saft.

„Mit ganz vielen Brennnesseln“

Am Wildnistor fragt Christoph Erkens, was die Teilnehmer der Führung sich unter Wildnis vorstellen. Die elfjährige Hannah sagt: „Auf jeden Fall mit ganz vielen Brennnesseln.“ Das Wildnistor, ein Informations-Punkt mit vielen Tafeln, zeigt bereits, was den Projektentwicklern wichtig war: Der Rundweg soll so barrierearm wie möglich sein. Eine Karte des Wegs ist etwa als Relief gestaltet, was der sechsjährige Immanuel dazu nutzt, mit seinem Finger den Weg entlang zu fahren. Sehbehinderte, Rollstuhlfahrer, Kinder: An sie wurde offensichtlich gedacht.

Mit dem Finger fährt Immanuel (6) am Wildnistor den Weg an der Karte ab. Sehbehinderte, Kinder oder Rollstuhlfahrer profitieren davon, dass auf Barrierefreiheit Wert gelegt wurde.

Mit dem Finger fährt Immanuel (6) am Wildnistor den Weg an der Karte ab. Sehbehinderte, Kinder oder Rollstuhlfahrer profitieren davon, dass auf Barrierefreiheit Wert gelegt wurde. © Berthold Fehmer

Man muss sich nicht an der Karte der App orientieren. Denn es gibt ja auch noch den „POI Finder“ gestartet. POI steht für „Points of Interest“: Wildnistor, Wildnisstation, sechs „Wildnisfenster“ und acht weitere interessante Punkte im Wald werden im Kamera-Bild des Smartphones angezeigt, zu denen die Apps Details verrät. Wer vom Wildnistor in Richtung Rundweg läuft, bekommt im „POI Finder“ drei POIs angezeigt, alle liegen rechts vom Weg, was an der Gabelung dazu führt, dass man automatisch gegen den Uhrzeigersinn auf den Rundweg geführt wird.

Drei "Points of Interest" zeigt die App am Beginn des Wegs an.

Drei "Points of Interest" zeigt die App am Beginn des Wegs an. © Berthold Fehmer

POIs würden nur in einem gewissen Umkreis um die Position des App-Benutzers angezeigt, sagt Programmierer Dominik Kleinschmidt von der Firma „cognito“, „damit man nicht alle auf einmal sieht“. Bei etwa 450 Meter wird dieser Radius liegen, genau weiß Kleinschmidt das aus dem Gedächtnis nicht mehr. „Wir haben das damals vor Ort noch geändert.“

Damit man nicht ständig durch das Smartphone den Wald betrachtet, kann die App auch Nachrichten schicken, wenn man in der Nähe eines POIs ist. Das macht Sinn! Manchmal muss man dort aber auch zweimal hinschauen, was die App eigentlich gerade meint. Und an einer Stelle liegen zwei POIs (Alte Eiche und Hudebuche) so nah nebeneinander, in der Karte damit übereinander, dass man den hinteren auch mit gezieltem Fingertippen kaum erwischen kann. Die Karte mit zwei Fingern weiter auseinanderzuziehen, klappt nicht. „Guter Hinweis“, sagt Programmierer Kleinschmidt. Der Förster hat’s einfacher und zeigt einfach mit dem Finger auf die interessanten Stellen: 1:2

Man braucht keine Machete

Auch Christoph Erkens führt die Gruppe gegen den Uhrzeiger-Sinn auf den Rundweg. Warum der Dämmerwald eigentlich so heiße, wollen die Teilnehmer der Führung wissen. Das komme vom Namen der Gemarkung Damm, sagt Christoph Erkens. „Nicht, weil es im Wald so dunkel wäre.“ Den Weg durch die Wildnis sollte man sich übrigens nicht so vorstellen, als brauche man eine Machete. Er ist absolut Kinderwagen-, Rollator und Rollstuhl-tauglich. Dass man den Weg nicht verlassen sollte, habe zwei Gründe. Erstens, um die Natur nicht zu stören, aber auch weil die Waldbrandgefahr im August aufgrund der Trockenheit hoch sei, sagt Christoph Erkens.

Der Weg durch die "Neue Wildnis" ist gut ausgebaut und für Kinderwagen tauglich.

Der Weg durch die "Neue Wildnis" ist gut ausgebaut und für Kinderwagen tauglich. © Berthold Fehmer

An den Wildnisfenstern soll der Blick auf Details des Waldes gelenkt werden, die sonst oft unbeachtet bleiben. An jedem Wildnisfenster gibt es übrigens Bänke zum Ausruhen. Das erste Wildnisfenster „Stockwerke“ zeigt die verschiedenen Schichten des Waldes. Was kraucht am Boden, was passiert in der Krone der Bäume? Erkens und die Fachleute gehen davon aus, dass die Buchen demnächst die mächtigen Eichen bedrängen werden. Was natürlich noch Jahre, Jahrzehnte dauern wird. Das kann man auch in der App erfahren und sich etwa die Tafeln vom Smartphone auch vorlesen lassen. So klingt das etwa beim Fenster „Stockwerke“:

Man merkt: Das hat keine Frau, sondern eine Computerstimme vorgelesen. Ziemlich kühl, wenig motivierend. Für Sehbehinderte sicherlich ein gutes Angebot, aber ansonsten macht man diese Funktion anschließend eher aus. Lesen geht schneller. Christoph Erkens punktet mit seiner natürlichen Stimme, der man viel lieber zuhören möchte. Und schon steht es 2:2

„Pseudogley-Böden“

Viele Details kann die App anzeigen, erschlägt aber auch nicht mit Informationen. Erkens beweist viel Fachwissen und kommt auch bei Nachfragen nicht ins Schlingern. Während in der App im zweiten Satz zum Dämmerwald etwa von „Pseudogley-Böden“ dort die Rede ist, ohne dass dies direkt erklärt wird, kann Erkens beschreiben, wie sich die Stauwasserböden seit der Eiszeit entwickelt haben. Und welche Pflanzen dort gedeihen. Und wenn der achtjährige Santi wissen will, ob es Fledermäuse wirklich gibt, kann Erkens dies am entsprechenden Wildnisfenster auch kindgerecht zeigen und erklären.

Fledermäuse aus Holz zum Anfassen gibt es an diesem Wildnisfenster.

Fledermäuse aus Holz zum Anfassen gibt es an diesem Wildnisfenster. © Berthold Fehmer

Die Programmierer sehen ihre App für Kinder ab vier Jahren geeignet an. Den Spagat, zielgruppen- und altersgerecht zu erklären, meistert Erkens aber ungleich besser. Damit steht es im Duell Mensch gegen Maschine 3:2

Artenscanner

In den Bereich „Augmented Reality“ fällt bei der App nicht nur der „POI Finder“, sondern auch der „Artenscanner“. Die Theorie: Man hält die Kamera des Smartphones auf den linken unteren Bereich der Haupttafel des jeweiligen Wildnisfensters, wo ein Tier zu sehen ist. Die App tauscht auf dem Handy-Bildschirm dann die Tafel gegen ein Video aus oder spielt ein Audio-File ab.

In der Praxis scheint das noch die wackeligste App-Funktion zu sein. Am Wildnisfenster „Stockwerke“ will das nämlich, sowohl mit einem Android- als auch einem Apple-Gerät, gar nicht funktionieren. „Die Kamera möglichst gerade vor die Tafel halten, nicht weiter als einen Meter davon entfernt“, gibt Kleinschmidt als Tipp mit. In zwei Wochen wolle er das bei einem Ortstermin selbst ausprobieren.

Kämpfende Hirschkäfer

An der Station „Werden und Vergehen“ funktioniert der „Artenscanner“. Allerdings, wie an den anderen Stationen auch, manchmal nur nach mehreren Versuchen. Auf dem Display taucht plötzlich ein Buntspecht auf, der seine Küken füttert. Die vier Kinder drängeln sich ums Handy und finden das „cool“. Auch die kämpfenden Hirschkäfer sind für sie beeindruckend:

Schade ist, dass die Videos ohne Ton laufen. Gerne würde man etwa das aufgeregte Piepsen der kleinen Buntspechte hören. „Da müssten wir mal mit der Gemeinde und Wald und Holz sprechen, ob wir den Ton nachliefern sollen“, sagt Kleinschmidt. Stichwort Ton: An Stationen, wo man eigentlich zum Beispiel einen Hirsch röhren hören sollte, erscheint auf dem Display zwar ein Lautsprecher, aber man hört nichts.

Kleinschmidt kommt beim Ausprobieren zum selben Ergebnis. „Das ist ein Fehler, der noch keinem aufgefallen ist. Wir werden dazu ein Update rausbringen.“ Problematisch ist auch, dass die wenige Sekunden langen Videos nur einmal laufen. Wenn man sie noch mal betrachten will, muss man den Artenscanner schließen und erneut anwerfen. Auch das solle behoben werden, verspricht Kleinschmidt.

Und wie soll man das jetzt bewerten? Idee gut, Ausführung: na ja. Mit Rücksicht darauf, dass an den Kinderkrankheiten der App noch gearbeitet wird und ein Update vielleicht besser funktioniert, sind wir mal großzügig und lassen die App ausgleichen: 3:3

„Krokodil-Baum“

Auf viele interessante Details am Wegesrand weist die App hin, allerdings nur die, die vorher eingespeichert wurden. Christoph Erkens fallen noch an vielen anderen Stellen Sachen auf. Käfer und Pilze unter der Rinde eines umgestürzten Baum etwa. Doch auch er lässt sich gerne, etwa von Teilnehmerin Gabi Schwarz, noch Neues zeigen: den „Krokodil-Baum“, wie die Kinder ihn tauften.

Frisst da gerade die Eiche (rechts) den Ast der Buche?

Frisst da gerade die Eiche (rechts) den Ast der Buche? © Berthold Fehmer

Warum es so aussieht, als würde die Eiche den Ast der Buche verschlingen, kann Erkens erklären. Zuerst habe die Eiche gestanden, dann sei die Buche („ein Schattenbaum“) in ihrem Schatten hochgewachsen. „Dann hat der Ast der Buche die ganze Zeit im Wind an der Eiche gerieben.“ Dadurch sei die Rinde beschädigt worden und die Eiche habe versucht, sich selbst zu heilen, indem sie mit ihrem eigenen Wachstum den Ast der Buche eingeschlossen habe. „Überwallung“ nennt das der Experte. „Da könnte man auch einen Point of Interest draus machen“, sagt Erkens in Richtung App-Weiterentwicklung. Der Förster führt: 4:3

Schweine im Wald

Vieles konnten die Teilnehmer der Führung lernen: Das Bauern früher etwa Schweine in den Wald getrieben haben oder auch das Laub aus dem Wald in ihren Ställen zum Einstreuen der Ställe genutzt und anschließend als Dünger genutzt haben (Plaggennutzung). „Dadurch wurden dem Wald viele Nährstoffe entzogen“, sagt Christoph Erkens. Das Vieh fraß junge Keimlinge, am Ende gab es vielerorts nur noch eine Heidelandschaft. Erkens erklärte, welche Rolle die Pilze im Wald spielen oder wie der Rehbach renaturiert wurde. Vor allem die vier lebhaften Kinder hatten viele Fragen, genossen den Gang durch den Wald, waren am Ende der 2,6 Kilometer aber auch sichtlich müde.

„Die Ruhe im Wald“ habe ihr am besten gefallen, sagt Gabi Schwarz. Und, dass sie Christoph Erkens vieles fragen konnte. Die elfjährige Hannah fand den „Krokodil-Baum“ am besten. Keines der Kinder und keiner der Erwachsenen hätte den Förster gegen die App getauscht. Der wichtigste Unterschied zwischen Förster- und App-Führung aber scheint: Die App verlangt einiges an Aufmerksamkeit ab, wenn man alle Funktionen ausprobieren will. Es raschelt direkt neben einem, aber sobald der Blick vom Display dorthin wandert, ist schon nichts mehr zu sehen. Wer die App eher als Angebot sieht, und nicht den Anspruch hat, alle Funktionen bei einem Rundgang komplett zu testen, hat mehr vom Wald. Die Nutzerwertung lässt den Förster am Ende deutlich siegen: 5:3

„Wir lernen immer noch dazu“, sagt Erkens aber selbst über die „Neue Wildnis“, den Rundweg und die Führungen. „Hier gehört eigentlich noch ein Wegweiser hin“, sagt er an einem Abzweig. Und als der sechsjährige Immanuel von seiner Mama an einer Station hochgehoben wird, um durch ein Loch im Wildnisfenster auf das Totholz gucken zu können, wird Erkens klar: „Da könnte man ein Podest hinbauen.“ Ähnlich sieht es Kleinschmidt, der es nicht krumm nimmt, wenn man ihm von den Kinderkrankheiten der App berichtet. „Wir freuen uns, wenn wir Feedback bekommen. Besonders von Leuten, die nicht in die Planung eingebunden waren.“

"Die Wildnis ist immer da. Ihr müsst nur eure Augen schärfen, um sie zu entdecken", sagt Förster Christoph Erkens. An dieser Station wird der sechsjährige Immanuel von seiner Mama hochgehoben, um das Totholz zu erspähen.

"Die Wildnis ist immer da. Ihr müsst nur eure Augen schärfen, um sie zu entdecken", sagt Förster Christoph Erkens. An dieser Station wird der sechsjährige Immanuel von seiner Mama hochgehoben, um das Totholz zu erspähen. © Berthold Fehmer

Zurück am Wanderparkplatz hat Erkens noch eine Überraschung für die Kinder: Holztaler mit dem Logo der „Neuen Wildnis Dämmerwald“ und dem Slogan „Dämmerwald - um wild zu sein“. „Jetzt seid ihr auch ein bisschen wild geworden“, sagt Christoph Erkens zu den Kindern. Die trockene Antwort von Mama Christine Schwarz: „Das waren die auch vorher schon.“

Die dreijährige Isabella zeigt stolz ihren Holztaler.

Die dreijährige Isabella zeigt stolz ihren Holztaler. © Berthold Fehmer

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