Ein Schermbecker Hausarzt impfte 200 Personen in einer Scheune und verlangte dafür 80 Euro pro Impfung zur Erstattung seiner Auslagen. Er impfte dabei wohl auch außerhalb der Priorisierung. (Symbolbild) © picture alliance/dpa
Coronavirus

Umstrittene Impfaktion in Scheune: Impfstoff war noch wochenlang haltbar

Seine umstrittene Impfaktion in einer Scheune begründete ein Schermbecker Hausarzt mit einem drohenden Verfall des Vakzins. Die Dosen waren aber noch wochenlang haltbar.

Die Impfaktion eines Hausarztes in einer Festscheune Mitte April hat möglicherweise ein juristisches Nachspiel. „Unser Justitiariat ist mit dem Arzt bzw. seinen Rechtsbeiständen in Kontakt und klärt die Sachlage weiter auf“, sagte ein Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein.

Der Arzt mit einer Praxis in Schermbeck hatte am 18. April in einer Scheune in Hamminkeln rund 200 Personen mit Astrazeneca geimpft. Vorrangig handelte es sich um Mitarbeiter verschiedener Unternehmen. Seine Auslagen für diese Aktion wollte der Arzt sich ursprünglich von den Betrieben erstatten lassen.

In einer Einladung zu der Impfaktion, die der Redaktion vorliegt, heißt es wörtlich: „Die Impfung selbst ist für Sie kostenlos genauso wie der Impfstoff. Allerdings berechnen wir für unsere Auslagen und Personalressourcen am Sonntag pro Impfling 80,00 €, die wir Ihnen in Rechnung stellen.“

Nachdem der WDR über den Fall berichtet hatte, veröffentlichte der Arzt eine Pressemitteilung. Darin betont er, dass er kein Geld erhalten habe und auch keine Rechnungen von ihm in dieser Sache im Umlauf seien. Es sei lediglich eine Überlegung gewesen, sich die Kosten erstatten zu lassen: „Dieser Gedanke war falsch und ich habe ihn frühzeitig verworfen.“

Arzt sagte während der Impfaktion, dass Unternehmen ihn bezahlen

Dem WDR zufolge hat der Arzt aber noch am Tag der Impfaktion gegenüber Reportern bestätigt, dass die Unternehmen für Scheune und Personal bezahlen. Davon soll es auch Tonaufnahmen geben.

In der Kritik steht der Arzt auch, weil er Personen geimpft haben soll, die noch gar nicht berechtigt waren – unter anderem Mitarbeiter eines Entsorgungsbetriebs sowie in einer weiteren Impfaktion am selben Tag Beschäftigte der Gemeinde Schermbeck aus der Prioritätsgruppe 3. Diese Gruppe ist derzeit noch nicht geöffnet.

Impfstoff von Astrazeneca ist im Kühlschrank bei 2 bis 8 °C sechs Monate haltbar. (Symbolbild) © picture alliance/dpa © picture alliance/dpa

In der Corona-Impfverordnung sind mögliche Sanktionen bei Verstößen gegen die Priorisierung nicht geregelt. „Ob und inwieweit Sanktionen nach dem Vertragsarztrecht möglich sind, werden wir erst nach der Gesamtklärung der Sachlage beurteilen können“, heißt es von der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein.

In der mittlerweile von seiner Praxis-Homepage entfernten Pressemitteilung schreibt der Arzt, er habe bei der Priorisierung die Vorgaben des Bundesgesundheitsministeriums beachtet. In der Einladung zur Impfaktion in der Scheune wird allerdings schon in Aussicht gestellt, dass wahrscheinlich Impfstoff übrig bleibe, der dann auch an andere Mitarbeiter verimpft werden könne.

Der Kreis Wesel hatte dem Arzt rund 600 Dosen Astrazeneca zur Verfügung gestellt mit dem Hinweis, das Vakzin an über 60-Jährige und schwerpunktmäßig an Vorerkrankte und immobile Patienten zu verimpfen. Der Impfstoff stammte aus einem vom Land NRW zur Verfügung gestellten Astrazeneca-Sonderkontingent. Insgesamt hatte der Kreis Wesel rund 9.400 Dosen zusätzlich aus diesem Sonderkontingent erhalten, verbunden mit der Aufforderung vom Land NRW, sie möglichst bis 14. April zu verimpfen.

Für eine schnelle Verimpfung reichten die Kapazitäten im Impfzentrum nicht aus, weshalb der Kreis die Hausarztpraxen um Unterstützung bat. Am 12. April informierte die Kreisverwaltung die Ärzte, dass die Dosen auch über den 14. April hinaus verimpft werden könnten, dies aber zeitnah und möglichst bis zum 23. April erfolgen solle.

Für den Umgang mit Impfstoff, der bis Ablauf der Frist nicht verimpft werden konnte, seien laut Kreisverwaltung Regelungen wie eine Fristverlängerung oder eine Rücknahme ins Impfzentrum vorgesehen gewesen. Auf die Frage, warum überhaupt eine Frist zur Verimpfung gesetzt wurde, antwortete das NRW-Gesundheitsministerium nicht.

Impfstoff war bis Ende Juni haltbar

Mit dem Verfallsdatum des Impfstoffs dürfte es jedenfalls nichts zu tun gehabt haben. Die Dosen, die auch besagter Arzt erhalten hat, waren bis Ende Juni haltbar. Das hatte Schermbecks Bürgermeister in einem Telefonat mit dem Arzt offenbar missverstanden: „Er hat mir mitgeteilt, dass er den Impfstoff bis Mittwoch (21.4.) verimpfen müsse und ich habe es so verstanden, dass der Impfstoff dann abgelaufen wäre“, sagt Mike Rexforth.

Der Arzt hat auf zwei Anfragen dieser Redaktion nicht reagiert. Die Rheinische Post zitiert ihn mit den Worten: „Ich wollte einfach nur verhindern, dass der Impfstoff vernichtet werden muss.“ Im selben Artikel wird der Arzt indirekt zitiert mit der Aussage, der Kreis Wesel habe ihm aufgetaute Astrazeneca-Dosen angeboten, die nur zehn Tage haltbar gewesen seien. Das dementiert die Kreisverwaltung. Der Impfstoff von Astrazeneca ist grundsätzlich im Kühlschrank bei 2 bis 8 °C sechs Monate haltbar.

„Ich kann meine wartenden Risikopatienten nicht bedienen“

Zuletzt meldeten sich mehrere Ärzte in der Redaktion, die sich wunderten, wie der Arzt an so viel Impfstoff kommen konnte. „Ich kann meine wartenden Risikopatienten nicht bedienen, weil ich keinen Impfstoff bekomme – und andere Ärzte schwimmen offenbar in den Dosen“, stellte eine Medizinerin verwundert fest.

Bei der Sonderaktion „Astrazeneca für über 60-Jährige“ hätten die Hausärzte die Anzahl der von ihnen bestellten Dosen selbst bestimmt, so die Kreisverwaltung. Jede Praxis, die impfen wollte, habe auch einen Teil des Kontingents erhalten. Im Kreis Recklinghausen war die Vergabe bei dieser Sonderaktion auf 15 Ampullen pro Arzt gedeckelt, jeder Arzt bekam also maximal 150 Dosen Impfstoff.

Über den Autor
Redakteur
Einst aus Sachsen nach Westfalen rübergemacht. Dort in Münster und Bielefeld studiert und nebenbei als Sport- und Gerichtsreporter gearbeitet. Jetzt im Ruhrpott gelandet. Seit 2016 bei Lensing Media.
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Robert Wojtasik

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