Das nennt man wohl Blitzkarriere: Noch kein Jahr ist Stefan Steinkühler bei den Grünen und jetzt ihr Bürgermeisterkandidat. Allerdings einer, der sich auch gegen seine Partei stellen würde.

Schermbeck

, 02.09.2020, 11:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Stefan Steinkühler (47) ist verheiratet und arbeitet als Rechtsanwalt. Fast 29 Jahre war er in der SPD und trat 2019 aus.

Sie waren lange in der SPD, sind erst seit Kurzem bei den Grünen. Jetzt sind Sie ihr Bürgermeisterkandidat - wie grün ist der eigentlich?

Schon sehr grün, aber ich sage ganz klar: Ich bin der Kandidat für alle. Natürlich freue ich mich, dass die Grünen mich aufgestellt haben und bisher hatten wir auch keine thematischen Differenzen. Die wird es sicherlich geben, wenn ich Bürgermeister bin, wo ich mich vielleicht auch mal gegen die Partei stellen muss.

Sie haben der SPD Profillosigkeit vorgeworfen. Könnten Sie als Bürgermeister und Grüner mit dem SPD-Ortsverband noch zusammenarbeiten?

Ja. Ich glaube, sie können die Entscheidung auch nachvollziehen. Es kommt auf Inhalte an. Die SPD muss sich zu vielen inhaltlichen Themen dann positionieren. Und vielleicht auch mal neu positionieren.

Video
Drei Fragen an Stefan Steinkühler

Als die Grünen bei der Maskenverteilung während des Corona-Lockdowns auf den Datenschutz hinwiesen, hagelte es Kritik. Wie hätten Sie als Bürgermeister gehandelt?

Als das Thema hoch kam, standen wir am Anfang der Krise. Alles war sehr emotional. Trotzdem muss man den Datenschutz beachten und sollte nicht persönliche Daten an Dritte ohne deren Zustimmung herausgeben. Eine Zusammenarbeit mit Pflegediensten wäre möglich gewesen. Auch hätte man sich die Masken abholen oder mitbringen lassen können. Die wichtigste Frage wäre gewesen: Wo ist der Bedarf am größten? Und dann muss man die Zielgruppe bedenken: Die Maske schützt nicht die Träger, sondern verhindert, dass man andere Menschen ansteckt. Folglich benötigten am Anfang vor allem die Masken, die sich außerhalb bewegen, und nicht der Personenkreis, dem dringend empfohlen wurde, zu Hause zu bleiben.

Sie haben sich intensiv mit dem Ölpellets-Skandal beschäftigt. Wie würden Sie als Bürgermeister herangehen?

Der Bürgermeister hatte ja gesagt, dass er im Hintergrund seine Kontakte habe spielen lassen. Das hat er so toll im Hintergrund gemacht, dass wir das gar nicht gemerkt haben. Ich würde mich um das Thema natürlich kümmern. Wir haben eine Riesenchance, weil der bisherige Landrat dann weg ist. Neben unserer Kandidatin habe ich mit Ingo Brohl zur Sache schon gesprochen. Er hat versprochen, das Thema als Landrat vernünftig aufarbeiten zu lassen. Ich müsste mich natürlich beim Gahlener Bürgerforum etwas rausziehen.

Seit Jahren dringt Stefan Steinkühler (2.v.l.) auf eine Aufarbeitung des Ölpellets-Skandals. Darüber diskutierte er vor rund einem Jahr bei einer Radio-Sendung mit Moderatorin Judith Schulte-Loh (l.), Dr. Joern-Helge Bolle, und Ingo Brohl (r.).

Seit Jahren dringt Stefan Steinkühler (2.v.l.) auf eine Aufarbeitung des Ölpellets-Skandals. Darüber diskutierte er vor rund einem Jahr bei einer Radio-Sendung mit Moderatorin Judith Schulte-Loh (l.), Dr. Joern-Helge Bolle, und Ingo Brohl (r.). © Berthold Fehmer (Archiv)

Seit Langem weisen die Grünen darauf hin, dass bezahlbarer Wohnraum geschaffen werden muss. Wie viel müsste es Ihrer Meinung nach sein - und wie wollen Sie das hinbekommen?

Eine große Frage. Es werden viele Wohnung in den nächsten Jahren aus der Sozialbindung fallen. Unsere Forderung, eine feste Größe vorzuschreiben, war als Anstoß gedacht. Man hat manchmal das Gefühl, dass es in Schermbeck allen so gut geht. Nein, wir haben auch arme Personen, Alleinerziehende mit ein, zwei Kindern, eine ältere Generation, die den Cent umdrehen muss. Es muss festgeschrieben werden, dass ein Investor einen gewissen Prozentsatz an solchen Wohnungen billigen muss.

Ausgerechnet die Grünen sind gegen den Klimaschutzmanager. Ohne alle Argumente neu aufzuwärmen - wie würden Sie in der Sache weitermachen? Wer soll zuständig sein?

Das Verwaltungshandeln ist durch das Klimaschutzkonzept an Klimaschutzzielen ausgerichtet. Die Kompetenzen, die in Fachabteilungen zum Klimaschutz vorhanden sind, sollten da auch bleiben. Was bislang im Tätigkeitsbericht des Klimaschutzmanagers steht, reicht für mich nicht aus, eine Vollzeitstelle zu begründen.

Was wäre Ihr Vorschlag zur Mittelstraße?

Ein klares Nein zu einer Fußgängerzone - der Verkehr würde sich komplett auf die anderen Straßen verlagern. Vielleicht eine Fahrradstraße. Viele Anwohner sagen, dass vor allem die Geräusche der Motorradfahrer nerven. Vielleicht nimmt man die heraus. Busse müssen weiterhin dort fahren können - im Schritttempo hinter Fahrradfahrern her. Pläne wie Umgehungsstraßen lassen sich nicht mehr realisieren.

Bei den Grundschul-Plänen ist derzeit Abwarten angesagt. Wie viel Schule kann sich Schermbeck in Corona-Zeiten noch leisten?

Die Frage kann man noch nicht beantworten. Die Machbarkeitsstudie war keine aussagekräftige Basis. Es werden verschiedenste Optionen gerade geprüft und auch mit Zahlen hinterlegt. Sicherlich hat Corona unseren Handlungsspielraum limitiert. Die Frage ist, ob wir die Fördermittel überhaupt noch kriegen.

Grüne und Landwirte - das ist manchmal keine ganz einfache Beziehung. Was erwartet die Landwirte mit Ihnen als Bürgermeister?

Dahinter steckt ein bisschen Pauschalisierung und auch ein gegenseitiges Frotzeln. Wir sind nicht gegen Landwirte. Ich habe eine ganz gute Beziehung zu Landwirten. Wir haben hier viele Landwirte, aber auch andere Produzenten von Lebensmitteln: Honig, Fisch, Ziegenkäse - dahinter steht eine besondere Qualität. Warum kann man das nicht vermarkten? Meine Idee wäre ein Schermbecker Genuss-Konzept, das versucht, über Wirtschaftsförderung und Tourismus die Lebensmittelproduktion vor Ort zu fördern: vom Produzent zum Endverbraucher. Lebensmittelgeschäfte und Gastronomen könnten damit werben.

Mit welcher Forderung unterscheiden sich die Grünen am meisten von allen anderen Parteien?

Wir sind die einzige Partei, die sich wirklich auch um finanziell schwächer Gestellte und soziale Verantwortung kümmert. Das machen viele gar nicht. Oder vielleicht nicht mehr.

Lesen Sie jetzt