Schermbecker Unternehmer will aus Gülle Strom und Wärme machen, darf es aber nicht

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Matthias Averkamp will aus Gülle Strom und Wärme gewinnen. Ist das die Lösung für das Nitratproblem im Grundwasser? Eine Genehmigung dafür bekommt Averkamp (noch) nicht.

Schermbeck

, 01.01.2020, 09:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Matthias Averkamp (43) wurde in Schermbeck geboren und lebt immer noch im Ortsteil Uefte. Der gelernte Anlagenelektroniker hat vor 13 Jahren die Firma VTA-Service gegründet, die Verpackungsmaschinen etwa für Blumenerde, Substrate oder Rindenmulch herstellte. Als der Umsatz vor sechs Jahren in diesem Bereich sank, orientierte sich Averkamp um.

„Die Idee mit der Gülle hatte ich vor fünf Jahren“, sagt Averkamp. Durch die Ausbringung von Gülle, Gärresten und Mist seien viele Böden zu stark belastet. Die Düngemittelverordnung reduziert die erlaubten Mengen. „Wir haben klein angefangen, maschinell Gülle aufzubereiten“, sagt Averkamp, der seine Firma in Heiden auf einem ehemaligen landwirtschaftlichen Betrieb führt.

Schermbecker Unternehmer will aus Gülle Strom und Wärme machen, darf es aber nicht

Auf der Suche nach einem neuen Standort ist Matthias Averkamp. © Berthold Fehmer

Wie funktioniert die Verbrennung von Gülle? Zunächst werde beim Bauern die Gülle separiert, sagt Averkamp. Heißt: Feststoffe werden vom flüssigen Teil getrennt. Den Feststoffen setzt Averkamp drei weitere biologische Stoffe zu - „komplett neutral und nicht gefährlich für die Umwelt. Welche Stoffe? „Betriebsgeheimnis“, sagt Averkamp. Ein Foto von seiner Anlage will Averkamp ebenfalls nicht veröffentlicht wissen und bittet um Verständnis: „Da steckt viel Arbeit drin.“

Wie Sägemehl

Auf seinen Schreibtisch legt Averkamp eine Probe des Endprodukts, das an Sägemehl erinnert. Von der Landesuntersuchungsanstalt für Agrarprodukte sei das bereits kontrolliert worden, sagt er. Und was ist mit dem Nitrat? „Das verflüchtigt sich“, sagt Averkamp über sein Verfahren. Vom Labor sei bestätigt worden, dass das Produkt der Umwelt nicht mehr gefährlich werden könne, „auch nicht dem Grundwasser“.

Schermbecker Unternehmer will aus Gülle Strom und Wärme machen, darf es aber nicht

Ein Fließband befördert das bearbeitete Material nach draußen. Wie genau die Feststoffe der Gülle umgewandelt werden, ist Betriebsgeheimnis. © Berthold Fehmer

Aus diesem Ausgangsmaterial will Averkamp Energie gewinnen. Durch Verbrennen. Das würde natürlich Emissionen verursachen. Averkamp sagt, dass Rauchgasfilter eingebaut würden - dabei bediene man sich auch des Knowhows anderer Firmen. Averkamp sieht eine Win-Win-Situation: Er könne den Landwirten zu „marktstabilen Preisen“ die Gülle abnehmen und damit Geld verdienen.

Was wäre dann mit der Restasche? „Auch die ist nicht umweltschädlich. Und man könnte sie noch aufbereiten“, sagt Averkamp. Doch mit dem Verbrennen fangen Averkamps Probleme an. Denn eine Genehmigung dafür hat er nicht.

Pro Stunde 13 bis 15 Tonnen

Seine Anlage zeigte Averkamp bereits Heinrich Bottermann, Staatssekretär im NRW-Umweltministerium. Anfang Oktober hatte Averkamp auch Vertreter des Kreises Borken, des Veterinäramts und des Landesamts für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz in seiner Firma und stellte damals das Verfahren vor. Gefragt worden sei er damals, wie viele Tonnen er verarbeiten könne. „Wir schaffen pro Stunde 13 bis 15 Tonnen.“

Damit wäre die Anlage ein Fall für das „BImSchG“, Abkürzung für Bundes-Immissionsschutzgesetz, das in Langform „Gesetz zum Schutz vor schädlichen Umwelteinwirkungen durch Luftverunreinigungen, Geräusche, Erschütterungen und ähnliche Vorgänge“ heißt. Ab 50 Tonnen pro Tag müsste Averkamp ein großes Genehmigungsverfahren durchlaufen, unter 50 wären die Auflagen nicht ganz so hoch.

Schermbecker Unternehmer will aus Gülle Strom und Wärme machen, darf es aber nicht

Aus diesem aus Gülle umgewandelten Material will Matthias Averkamp Energie gewinnen. © Berthold Fehmer

Laut Averkamp stehe aber für die Behördenvertreter fest: Da Averkamp die Gülle dem normalen wirtschaftlichen Kreislauf entnehme, würde seine Firma wie eine Abfallverbrennungsanlage behandelt. „Wie eine Müllverbrennungsanlage, die Kunststoff oder Hausmüll verbrennen darf.“ Eine Folge dessen wäre: „Wir müssten dann in ein Industriegebiet.“ Derzeit sei die Firma am jetzigen Standort, ein umgenutztes landwirtschaftliches Gebäude, nur geduldet „aufgrund unseres ökologischen Bewusstseins“.

Der Kreis Borken bestätigt auf Nachfrage, dass die Gülle nach dem Kreislaufwirtschaftsgesetz in diesem Fall als Abfall einzustufen sei. Ein Kriterium dafür sei nicht nur die Verbrennung, sondern auch der „Entledigungswille“ der Gülle. Heißt: Diese wollen die Gülle loswerden. Für eine Genehmigung von Averkamps Verbrennungsanlage sei die Bezirksregierung Münster zuständig. Ob es umweltfreundlicher sei, die Gülle aufs Feld auszubringen und vorher mit Fahrzeugen durch Deutschland zu fahren (Stichwort: Gülltourismus) - das bezweifelt Averkamp.

Ganzjahresgeschäft

Eine Verbrennungsanlage im Industriegebiet würde der Vision Averkamps widersprechen. „Wenn das bei uns funktioniert, könnte man das auf jeden Bauern übertragen.“ Averkamp stellt sich seine Anlage auf Höfen vor, die damit Strom und Wärme produzieren könnten. Höfe könnten damit autark werden und hätten ein „Ganzjahresgeschäft“. Wäre eine solche Anlage denn finanziell erschwinglich? „Das kostet keine Million“, sagt Averkamp, und man könne die Größe auf den Betrieb anpassen. Das unterscheide seinen Ansatz auch von anderen Versuchsanlagen wie etwa der in Velen, die 18 Millionen Euro koste.

Ob das alles grundsätzlich auf Höfen möglich sein könnte? Der Kreis Borken will sich dazu nicht festlegen. Das hänge vom technischen Verfahren sowie Geruchs-. Lärm- und Abgasemissionen ab. Dazu fehlten dem Kreis noch Informationen zu allen Einsatzstoffen sowie zur Verfahrenstechnik.

Averkamp hat Bundesumweltministerin Julia Klöckner vor einem halben Jahr angeschrieben. „Keine Antwort.“ Auch Bottermann hat Averkamp zur Standortfrage kontaktiert. Der antwortete, dass er sich nicht in die Angelegenheit des Kreises einmischen wolle.

Schermbecker Unternehmer will aus Gülle Strom und Wärme machen, darf es aber nicht

Eine Genehmigung für die Verbrennung verweigern derzeit Kreis und Bezirksregierung Münster. © Berthold Fehmer

Averkamp hat bereits Kontakt zu Kommunen im und außerhalb des Kreises Borken aufgenommen. „Ich würde liebend gern nach Schermbeck zurückgehen“, sagt er. Aber es müsse geklärt werden, „wo wir hingehören mit dem Aufbereiten und Verbrennen“. Was bräuchte Averkamp neben der Genehmigung? Eine Hallengröße von 5000 bis 15.000 Quadratmetern Größe wäre ausreichend, so Averkamp. „Ich wäre gerne wieder Mieter.“ Derzeit hat er 3000 Quadratmeter: „Das würde auch ausreichen.“

Averkamp hat auch schon überlegt, ob er mithilfe von Fördergeldern sein Vorhaben vorantreiben kann. Ein solcher Versuch sei bereits abgelehnt worden. Begründung: „Sie haben eine fertige Idee und könnten von heute auf morgen auf den Markt gehen.“ Averkamp nimmt derzeit an einem Businessplan-Wettbewerb teil und hat bereits einen Hinweis umgesetzt: „Ich habe aus dem Unternehmen ein weiteres Unternehmen gegründet.“ Es heißt „Die Energiemacher.“

„Will nur sehen, dass die Idee mal umgesetzt wird“

Averkamp könnte sich mittlerweile auch vorstellen, dass vielleicht ein großer Stromversorger die Chance erkennt. Mittlerweile hat Averkamp nämlich auch ein bisschen die Sorge, dass sein Verfahren im Genehmigungs-Dschungel untergeht: „Ich will nur sehen, dass die Idee mal umgesetzt wird.“

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