Markus Schäfer baut derzeit am Rüster Weg ein Haus. „Nicht nur für mich, sondern auch für meine Kinder.“ Als er von Planungen eines Gewerbegebiets in Rüste hörte, war das für ihn ein Schock.

Schermbeck

, 17.04.2019 / Lesedauer: 4 min

Im Jahr 1924 habe sein Großvater mit Arbeiten für den Altbau hinter seinem Neubau begonnen, sagt der 51-Jährige. „Er hat das Kand hier gerodet.“ Der Altbau soll, wenn der Neubau fertig ist, abgerissen werden. Auch andere Nachbarn bauen gerade am Rüster Weg.

Dass die Gemeinde Schermbeck gerne Flächen für ein Gewerbegebiet vom RVR genehmigt haben will, das bis auf etwa 50 Meter an den Rüster Weg heranreicht, hat sie getroffen.

Bereits im Januar hatte die Verwaltung eine Stellungnahme zum Entwurf des Regionalplans vorbereitet. Dieser Entwurf sieht vor, dass in Holsterhausen ein neues Gewerbegebiet entstehen soll. In Sachen Arbeitsplätze und Gewerbesteuer hätte die Gemeinde Schermbeck in diesem Fall in die Röhre geguckt, denn statt eines interkommunalen Gewerbegebiets, wie Schermbeck und Dorsten es seit ersten Planungen im Jahr 2015 gern sehen würden, wäre diese Fläche allein auf Dorstener Gebiet gewesen.

Rüster wehren sich gegen Planungen für ein Gewerbegebiet im Rüster Feld

In diesem Plan hat Rainer Eickelschulte die Gewerbeflächen-Planung zusammengefasst. Rechts unten ist die dunkelgrüne Fläche am Emmelkämper Brauk, die der RVR als Gewerbegebiet vorgesehen hat. Darüber liegt die hellgrüne Fläche, die von den Gemeinden Schermbeck und Dorsten präferiert, von den Rüster Bewohnern aber abgelehnt wird. © Eickelschulte

Ein weiteres Argument: Ein Gewerbegebiet am Emmelkämper Brauk läge nicht verkehrsgünstig. Die A 31 wäre im jetzigen Zustand nur in Richtung Süden angeschlossen, sodass die Belastung des innerörtlichen Verkehrs in Schermbeck und Dorsten ansteigen würde. Hinzu kam der Protest von Bürgern in Holsterhausen, die kein Gewerbegebiet vor ihrer Haustür haben wollten.

Die Politik in beiden Kommunen ließ sich überzeugen. Die Stellungnahmen der Kommunen, die nun beim RVR vorliegen, sehen stattdessen den Wunsch nach einer Gewerbegebietsfläche im Rüster Feld vor, die von der Dorstener Straße im Süden bis zur B 58 im Norden reicht. Im Westen fast bis zum Rüster Weg und im Osten fast bis zur A 31.

Rüster wehren sich gegen Planungen für ein Gewerbegebiet im Rüster Feld

Gegen ein Gewerbegebiet in der Nähe ihrer Häuser sind die Rüster Bürger. 100 Unterschriften wurden dagegen gesammelt. © Berthold Fehmer

Erst Ende Februar bekamen die Rüster davon Wind. Kai Niehoff (44) ärgert sich wie die anderen, dass die Anwohner nicht direkt von der Gemeinde über die Planung informiert wurden. Planungsamtsleiter Rainer Eickelschulte verweist hingegen darauf, dass im Rat bereits im Oktober der Regionalplanentwurf thematisiert wurde. Er habe sich zudem sehr bemüht, mit übersichtlichen Karten die komplizierte Materie für Politiker und Bürger aufzubereiten.

Die Rüster gründeten eine Bürgerinitiative „Rüster gegen Gewerbegebiet“ und starteten eine Unterschriftenaktion, bei der fast 100 Bürger sich gegen die Pläne Schermbecks und Dorstens aussprachen. Diese Unterschriften reichten sie zusammen mit einem Schreiben beim RVR ein, um bei der möglichen Überarbeitung des Plans Gehör zu finden.

„Eine Totgeburt“

Viele Argumente sehen die Rüster auf ihrer Seite. „Viele, die hier Land besitzen, haben gar kein Interesse zu verkaufen“, sagt Schäfer. „Eine Totgeburt“, nennt deshalb eine Nachbarin die Planung. Rainer Eickelschulte sagt hingegen, dass zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht klar sei, ob der RVR den Anregungen aus Dorsten und Schermbeck überhaupt folge.

Die von der Gemeinde ins Feld geführten Expansionspläne der ortsansässigen Gärtnereien werden von einigen Anwohnern bezweifelt. Rainer Eickelschulte sagt aber, dass er das in Telefongesprächen abgefragt habe. „Zwei haben sich mir gegenüber so geäußert.“ Diesen Punkt dürfe man aber nicht mit dem Gewerbegebiet vermischen, sondern er sei ein eigenständiger Punkt in der Stellungnahme der Gemeinde.

Im Norden an die B 58 grenze ein Wald- und Naturschutzgebiet, sagt Schäfer, und man liege zudem im Trinkwassereinzugsgebiet. Bei einem eventuellen Gewerbegebiet, „kein Industriegebiet“, müsse man solche Details in späteren Verfahren berücksichtigen, sagt Eickelschulte, und dies könne Auswirkungen auf die Auswahl möglicher Branchen haben. Auf die „herausragende Bedeutung“ dieses Trinkwassereinzugsgebietes werde dann hingewiesen.

„Der Wertverlust wäre enorm“

„Wir leben hier, wir haben unsere Familien hier, haben einen Neubau hier stehen“, sagt aber etwa Anwohner Michael Meier. „Der Wertverlust wäre enorm.“ Die Anwohner befürchten einen Verlust der Lebensqualität, wenn Kinder etwa nicht mehr allein vor die Tür gehen und in der Natur spielen könnten.

Eine weitere Sorge: Dass der Verkehr auf dem Rüster Weg zunehmen könnte, am Ende vielleicht die Anwohner dann bei einer Sanierung des Wegs die Zeche für Lkws zahlen könnten. Rainer Eickelschulte ist sich sicher, dass ein zukünftiges Gewerbegebiet über die B 58 angeschlossen würde und nicht über den Rüster Weg. Doch die Anwohner fürchten, dass am Rüster Weg etwa Lkws parken könnten, die darauf warten könnten, dass Betriebe morgens aufmachen.

Ob die Argumente der Kommunen oder der Rüster den RVR überzeugen? Von einer Aussage dazu scheint man in Essen noch weit entfernt. Michael Bongartz vom Referat 15 (Staatliche Regionalplanung) sagt auf Anfrage: „Ich habe hier 20 Aktenordner voller Stellungnahmen von Behörden und Bürgern.“ 3000 E-Mails von Bürgern seien eingegangen, so Bongartz.

Änderung der Pläne würde neue Offenlage bewirken

Derzeit sei man dabei, alle Stellungnahmen zu erfassen und zu prüfen. Das Ziel sei es, eine „rechtlich einwandfreie Planung“ zu schaffen. Vom Entwurf des Regionalplans waren die Rüster nicht betroffen. Grundsätzlich sei es so, sagt Bongartz: „Wenn es neue Betroffene gibt, gibt es auch eine erneute Offenlage.“ Heißt: Dann werden die Pläne wieder veröffentlicht, die Bürger und Behörden können neue Stellungnahmen formulieren.

Wie lange dauert es, bis die Politiker die überarbeiteten Pläne vorgelegt bekommen? Jens Hapke, Sprecher des RVR, sagt: „Das wird sicherlich erst im Jahr 2020 passieren.“ Man habe mehr als 1000 Eingaben erhalten.

„Grüne Lunge“ soll erhalten bleiben

Thomas Bolte, Sprecher der Bürgerinitiative, findet es unverständlich, „mit welcher Vehemenz die beiden Kommunen die Ziele und Grundsätze der Regionalplanung weiterhin ignorieren“. Die „grüne Lunge“ zwischen Schermbeck und Dorsten müsse erhalten bleiben. Zudem seien traditionsreiche Höfe bedroht. Bolte empfiehlt den Verwaltungen in Schermbeck und Dorsten die gewissenhafte Lektüre des Regionalplans.

Rainer Eickelschulte hingegen wendet ein, dass die Gemeinde Schermbeck in ihrer Entwicklung in den kommenden 20 Jahren kaum noch Möglichkeiten haben werde, wenn der Regionalplan wie im Entwurf festgesetzt werde. Markus Schäfer sagt: „Grundsätzlich habe ich nichts dagegen, wenn jemand Arbeitsplätze schaffen will. Aber hier sehe ich den Sinn nicht ein. Wir wohnen hier auf dem Land. Und wir brauchen ein paar Quadratmeter um uns herum.“

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