Petra Holtmann (links) und Beate Weber wohnen Tür an Tür. Die beiden Frauen haben sich im vergangenen Jahr nicht nur im Treppenhaus getroffen. © Bastian Becker
Nachbar des Jahres

Petra Holtmann hilft ihrer kranken Nachbarin durch schwere Zeiten

Zuerst war das Verhältnis der beiden Frauen etwas angespannt. Doch in der Not helfen sich Petra Holtmann und Beate Weber aus Schermbeck. Für Weber ist Holtmann die „Nachbarin des Jahres“.

Seit neun Jahren leben Beate Weber und Petra Holtmann in Schermbeck schon Tür an Tür in einem Mehrfamilienhaus. Als Familie Holtmann damals einzog, hätte sich Beate Weber noch nicht vorstellen können, sie einmal als Nachbarin des Jahres vorzuschlagen. „Am Anfang war unser Verhältnis etwas angespannt, unsere Hunde waren damals noch jung und haben oft gebellt“, erinnert sich Petra Holtmann.

Einige Schicksalsschläge sorgten im Laufe der Zeit für ein engeres Verhältnis. Zunächst erkrankte Beate Webers Sohn an Krebs, in der schwierigen Zeit für die Familie tat es ihr gut, mit ihrer Nachbarin zu reden. „Mütter hängen mit dem Herzen zusammen“, meint Petra Holtmann dazu. Nur neun Monate später erhielt auch ihr eigener Sohn die Diagnose Krebs. Nun unterstützte umgekehrt Beate Weber ihre Nachbarin und deren Familie.

Schnelle Unterstützung in „fürchterlicher“ Zeit

Warum ist Petra Holtmann für ihre Nachbarin nun aber eine würdige „Nachbarin des Jahres“? Anfang des vergangenen Jahres wurde bei Beate Weber Lungenkrebs diagnostiziert. Krankenhausaufenthalte, Chemo- und Strahlentherapie folgten. „Die Zeit war erst einmal nur fürchterlich“, berichtet sie. Doch ihre Nachbarin war ihr in der Notlage eine große Hilfe. „Sie hat erst einmal die Flurwoche übernommen und mir gesagt, dass ich mir darüber keinen Kopf machen soll“, blickt Beate Weber zurück.

Aktion

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„Ich kann ihr nicht genug danken“, freut sich Beate Weber über tatkräftige Unterstützung. „Einen guten Nachbarn oder eine gute Nachbarin macht aus, dass man in Notsituationen füreinander da ist und aufeinander Rücksicht nimmt“, ist sie sich sicher.

Nach der Arbeit Einkauf für die kranke Nachbarin

Dazu habe ihr Petra Holtmann gesagt, dass sie sich jederzeit bei ihr melden könne, notfalls auch nachts. „Das war eine Selbstverständlichkeit“, wirft die so Gelobte ein. „Das finde ich nicht“, widerspricht Beate Weber und ergänzt später: „Die meisten sind weg, wenn man Hilfe braucht.“ Das sieht Petra Holtmann mit der Erfahrung aus verschiedenen sozialen Berufen ähnlich: „Viele wollen nichts Falsches sagen und nichts mit dem Elend zu tun haben.“

Außerdem arbeitet Petra Holtmann in Vollzeit in der Betreuung von psychisch kranken Menschen und ist somit den Tag über nicht zu Hause. Nach der Arbeit war sie aber in Gedanken bei ihrer kranken Nachbarin. „Wenn ich vom Büro nach Hause gefahren bin, habe ich sie gefragt, was sie braucht“, erzählt sie. Schließlich sei Beate Webers Mann, der als Monteur arbeitet, nicht immer zu Hause gewesen und konnte somit nicht für die Kranke einkaufen.

Ehrliche Gespräche auf Augenhöhe

Sehr wichtig waren beiden aber neben der Unterstützung auch die gemeinsamen Gespräche. „Vernünftige Gespräche auf Augenhöhe“ sind das laut Petra Holtmann. Keinesfalls dürfe man Kranke verkindlichen. Die beiden Frauen reden ganz realistisch über die Krankheit, „wir haben eine ganz ehrliche Basis“, findet Holtmann.

„Man hat nicht nur meine Krankheit gesehen, sondern mich aufgebaut“, stellt Beate Weber fest. Ihr habe es viel Kraft gegeben, zu wissen, dass jederzeit jemand da ist. Jetzt, da es ihr wieder besser geht, treffen sich die beiden Frauen seltener. „Vielleicht alle drei Wochen trinken wir mal einen Kaffee“, erklärt Petra Holtmann. Man müsse auch nicht jeden Tag mit den Nachbarn zusammenhocken. Wenn aber Hilfe gebraucht wird, unterstützen sich die Familien ohne großes Nachdenken.

„Das macht gute Nachbarschaft aus, so habe ich das in den Jahren zuvor nie erlebt“, fasst Beate Weber zusammen. Insgesamt sind sich die beiden Frauen einig, dass nachbarschaftliche Verbindungen heute weniger gepflegt werden als früher. „Gerade in der Stadt gibt es einen gewissen Egoismus, wenig Respekt“, stellt Petra Holtmann fest. In ländlichen Gebieten gebe es eher noch alte Nachbarschaftsstrukturen.

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Bastian Becker

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