Das neue Ölpellets-Gutachten sorgt für Zündstoff. „Unsere Befürchtungen wurden nicht nur bestätigt, sondern durch das Gutachten sogar noch übertroffen“, so das Gahlener Bürgerforum

Schermbeck

, 11.11.2020, 17:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Mehr als anderthalb Jahre sind vergangen, nachdem Umweltministerin Ursula Heinen-Esser im Januar 2019 angekündigt hatte, dass zum Ölpellets-Skandal, bei dem rund 30.000 Tonnen giftiger Ölpellets illegal in einer ehemaligen Tongrube in Gahlen deponiert wurden, ein Gutachten im Auftrag der Landes erstellt werden soll. Das wurde nun am Mittwoch veröffentlicht.

Umweltministerin Ursula Heinen-Esser hatte im Januar 2019 ein Gutachten zum Ölpellets-Skandal versprochen - dieses liegt nun vor.

Umweltministerin Ursula Heinen-Esser hatte im Januar 2019 ein Gutachten zum Ölpellets-Skandal versprochen - dieses liegt nun vor. © Berthold Fehmer

Die Gutachter Michael Kerth und Michael Prahl kommen zum Schluss, dass die bestehenden Einrichtungen zur Sickerwassererfassung „aller Wahrscheinlichkeit nach nicht geeignet sind, das in der Tongrube anfallende Sickerwasser dauerhaft und vollständig fassen und ableiten zu können“. Es gebe Indizien, das bereits jetzt oder bald belastete Sickerwässer an den Rändern des Mühlenbergs in die offenen Gräben sowie in die grundwassergefüllten Feinsandlagen sowie eine Mergelbank innerhalb des Tons gelangen könne.

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Diese Aussage steht im Gegensatz zu ersten Gutachten. Michael Fastring, Leiter des Fachbereichs Umwelt, hatte zu Beginn des Ölpellets-Skandals noch davon gesprochen, dass ein Wassertropfen eine Million Jahre brauche, um die Tonschichten unter dem Mühlenberg zu durchdringen. Ergänzende Untersuchungen seien nun notwendig, so die beiden Gutachter. Sie gehen auch davon aus, dass eine nicht entfernte Zwischenabdichtung im südwestlichen Teil, die vor einer weiteren Genehmigung zur Aufschüttung des Mühlenbergs erfolgte, erheblichen Einfluss auf den Sickerwasserhaushalt habe.

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Illegal seien im Mühlenberg „italienische Filteraschen mit erhöhten Chlo-ridgehalten sowie mit Kronocarb“ eingelagert worden, so die Gutachter. Es gebe Indizien auf Einlagerung diverser anderer Abfälle: Altöl-haltige Abfälle, diverse schwermetallhaltige Abfälle, Abfälle mit Fäkaliengeruch und Hausmüll.

Schwermetalle im Sickerwasser

Das Sickerwasser weise „hohe pH-Werte, sehr hohe elektrische Leitfähigkeiten, hohe Sulfat-, Chlorid-, Nickel-, Zink-, Molybdän- und Vanadiumgehalte sowie hohe Gehalte weiterer Schwermetalle und an gelöstem organischem Kohlenstoff (DOC) auf.“ Belastungen, die eindeutig auf Ölpellets zurückzuführen wären, seien im Sickerwasser nicht festzustellen, so die Gutachter.

Die Wirksamkeit der im Jahr 2020 fertig gestellte Abdichtung und Sickerwassererfassung könne aufgrund fehlender Dokumentation nicht belegt werden, so die Gutachter, die seitenweise auf fehlende Dokumente hinweisen. „Eine qualifizierte Grundwasserüberwachung im Umfeld der Verfüllung Mühlenberg erfolgte in den vergangenen Jahren nicht, da die vorhandenen Messstellen technisch defekt sind und zurzeit erst das neue Messstellennetz aufgebaut wird.“ Sie empfehlen vornehmlich eine Ringdränage, deren Tiefe von Ergebnissen der empfohlenen weiteren Untersuchungen abhängig sei.

1 Milliarde Euro für kompletten Rückbau

Die Gutachter entwerfen Szenarien zur Gefahrenabwehr: Ein Teilrückbau um den Bereich des Mühlenbergs, wo die Ölpellets liegen, würde eine Entsorgung von 4 Millionen Tonnen Verfüllmaterial notwendig machen. Doch das Schadstoffpotenzial sei „nur zu geringen Teilen durch die Ölpellets bestimmt“, würde also kaum Effekt zeigen. Ein vollständiger Rückbau hieße, 13 Millionen Tonnen Material entsorgen zu müssen, was womöglich mehr als 1 Milliarde Euro kosten könnte. Stattdessen schlagen die Gutachter eine Reihe von Maßnahmen vor, deren Kosten die 50-Millionen-Euro-Marke überschreiten.

Das Gahlener Bürgerforum sieht sich in seinen Sorgen durch das Gutachten bestätigt: „Wir wissen, dass wir ganz viel nicht wissen!“ Die Wirksamkeit der Sicherungssysteme zum Schutz von Grundwasser und Erdreich sei nicht dokumentiert: „Unsere Befürchtungen wurden nicht nur bestätigt, sondern durch das Gutachten übertroffen“, so die Unterzeichner einer Stellungnahme, Hamlet Schöpgens, Matthias Rittmann und Stefan Steinkühler.

Sie fordern die Umweltministerin auf, weitere flächendeckende Bohrungen durchführen zu lassen, um das tatsächliche Gefahrenpotenzial zu ermitteln. „Die Ölpellets waren nur der Auslöser für diesen Skandal.“ Betreiber und Aufsichtsbehörden hätten „jahrelang versagt“. Die Indizien für einen Sickerwasseraustritt an den Rändern bedeuteten aus Sicht des Bürgerforums „akuten Handlungsbedarf“.

Nottenkämper soll Sanierungskosten übernehmen

Das Bürgerforum fordert nun Konsequenzen, sogar die Schließung der Unternehmensgruppe Nottenkämper. „Vorrangig muss Nottenkämper die anfallenden Sanierungskosten übernehmen, bevor andere Verantwortliche oder die Allgemeinheit zur Kasse gebeten werden. Hier sind entsprechende Schritte einzuleiten.“

„Wenn man bedenkt, wie viel Sand uns vom Kreis Wesel und den handelnden Personen in die Augen gestreut wurde, kann man nur erbost sein“, so das Bürgerforum weiter. Das AHU-Gutachten sei „rausgeschmissenes Geld“ gewesen. Die Bezirksregierung Düsseldorf als Aufsichtsbehörde des Kreises müsse „aufgrund der eklatanten Missstände beim Kreis endlich aktiv werden“, so das Bürgerforum. Es müsse geklärt werden, ob die nachträglichen Genehmigungen, die zu einer erheblichen Schadstoffgefährdung geführt haben, rechtens waren.

„Mit dem jetzt veröffentlichten Gutachten wird die Kernaussage der Gefährdungsabschätzung des seit Längerem vorliegenden AHU-Gutachtens grundsätzlich bestätigt, dass von der Verfüllung Mühlenberg keine Gefahr ausgeht, soweit das Sickerwasser sicher gefasst und ein Austritt in das Grundwasser oder die Randgräben und damit in das Oberflächenwasser verhindert wird“, so der Kreis Wesel in eine Mitteilung.

Weitere Untersuchungen müssten vom Betreiber nachgeholt werden, so der Kreis. Fehlende Dokumentationen zur Oberflächenabdichtung würden nachgereicht, seien aber noch in Arbeit. Die aus dem Gutachten abgeleiteten Anforderungen werde das Umweltministerium in einen Erlass fassen, der vom Betreiber umgesetzt werden müsse.

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