Welche Partei soll man bei der Europawahl wählen? Der Wahl-O-Mat bietet Entscheidungshilfen. Nele Steinbring (21) war eine von 25 Jugendlichen in Deutschland, die ihn vorbereitet hat.

Schermbeck

, 08.05.2019, 17:05 Uhr / Lesedauer: 3 min

Beim Wahl-O-Mat werden 38 Thesen aufgestellt. Etwa: „Es sollen EU-weite verbindliche Bürgerentscheide eingeführt werden.“ Oder: „Deutschland soll an Stelle des Euro wieder eine nationale Währung einführen.“ Der Nutzer der Internetseite klickt an, ob er zustimmt, nicht zustimmt oder neutral zu der These steht. Im Anschluss bekommt man angezeigt, mit welchem Wahlprogramm der Parteien die eigenen Ansichten am ehesten übereinstimmen.

Wie Nele Steinbring, die in Schermbeck-Bricht wohnt, zum Wahl-O-Mat kam? Dazu muss man etwas ausholen. Nach dem Besuch der Waldorfschule in Gladbeck arbeitete Nele Steinbring im Freiwilligen Sozialen Jahr in einem kleinen Dorf in der Nähe von Lübeck. Wobei Nähe relativ ist. „Eine halbe Stunde bis nach Lübeck wollte ich nicht jeden Tag fahren“, sagt Nele Steinbring.

In dem kleinen Ort habe es genau zwei WGs gegeben, sagt Nele: „Mehr Jugendliche gab´s da nicht.“ Der Mitbewohner ihrer WG sei sehr nett gewesen. Trotzdem habe sie sich manchmal einsam gefühlt. Mit ihrem Mitbewohner von der Elfenbeinküste habe sie viel über Politik diskutiert. Online habe sie dann Infos über die Deutsche Islamkonferenz erhalten und teilgenommen. „So bin ich da reingeschliddert“, sagt Nele Steinbring und lächelt.

Jung- und Erstwähler gesucht

Und so knüpfte sie Kontakte. Über eine studierende Freundin erfuhr sie 2018, dass für den Wahl-O-Mat 25 Jugendliche, Jung- und Erstwähler aus ganz Deutschland, gesucht wurden. „Es ist schade, dass man als Auszubildender über so etwas seltener informiert wird“, sagt die Auszubildende zur Heilerziehungspflegerin (Berufskolleg Dorsten).

Der Wahl-O-Mat ist ein Angebot der Bundeszentrale für politische Bildung. Ähnliche Seiten gebe es zwar im Internet, aber der Wahl-O-Mat sei am objektivsten, im langfristigen Prozess erstellt und am teuersten, sagt Nele. Am teuersten nicht für die Benutzer (kostenlos), sondern für die Bundeszentrale. Auch, sagt Nele, weil Jugendliche in die Erstellung eingebunden werden. Anfahrt- und Hotelkosten seien erstattet worden, die Arbeit der Jugendlichen sei aber ehrenamtlich.

Dass sie nicht Schülerin oder Studentin, sondern Auszubildende ist, war vielleicht Nele Steinbrings Vorteil. Ende des Jahres 2018 hatte sie sich beworben, am 15. Januar erhielt sie die Zusage. „Es wird immer versucht, eine vielfältige Gruppe zu bilden - als Auszubildende hatte man größere Chancen“, sagt Nele Steinbring, wobei ihr klar ist, dass bei einer hohen Bewerberanzahl auch viel Glück dabei war.

„Damals noch recht schwammig“

Sie habe im Anschluss von der Bundeszentrale eine Zusammenfassung der Wahlprogramme der 70 Parteien erhalten, die zur Europawahl antreten wollten. „Das waren unglaublich viele Seiten“, sagt Nele Steinbring. Und die Programme seien „damals noch recht schwammig“ gewesen.

Bei einem Wochenende in Bonn trafen sich die Jugendlichen mit Experten der Bundeszentrale. 81 Thesen erarbeiteten sie gemeinsam, die dann an die Parteien geschickt wurden, die dazu Stellung nehmen und einen Kommentar schreiben konnten. Nele arbeitete in der Gruppe „Gesundheit und Soziales“ mit.

Bei einem weiteren Treffen (Nele Steinbring: „Da war ich nicht dabei“) wählten Jugendliche daraus 38 Thesen aus, zudem mussten noch die Parteien aussortiert werden, die gar nicht antreten, sodass 41 Parteien übrig blieben, die in Deutschland für Europa antreten. Klingt nach einem Haufen Arbeit. „Als Jugendlicher wird man sehr gut eingewiesen“, sagt Nele Steinbring, aber auch, dass es für diejenigen, die das alles organisieren mussten, sehr schwierig sei.

Vorstellung bei einer Presse-Konferenz in Berlin

Der große Tag war dann am Freitag vergangener Woche, als der Wahl-O-Mat der Öffentlichkeit in Berlin vorgestellt wurde. Nele Steinbring war auch vor Ort, wo sich Spitzenkandidaten und Medien tummelten. Auch Nele Steinbring musste ein Interview geben.

Natürlich hat auch Nele Steinbring den Wahl-O-Mat ausprobiert. Die Antworten der Parteien hätten sie nicht überrascht, sagt sie. „Das war schon so, wie man das erwartet hat“. Doch ein paar zusätzliche Einblicke gab es. In Berlin habe sie etwa mit einem Vertreter von „Die Partei“ gesprochen und dabei erfahren, dass neben dem satirischen Hintergrund auch ernsthafte Arbeit an der Reform des Urheberrechts dahintersteckt.

„Das war jetzt Bullshit“

Hat Nele Steinbring selbst einen politischen Favoriten? „Ich will mich bewusst noch keiner Partei zuschreiben, weil ich mich in der Findungsphase befinde“, sagt sie. Auch weil in Parteien auch Entscheidungen gefällt würden, „wo man denkt: Das war jetzt Bullshit“. Viele in ihrem Umfeld hätten sich ebenfalls noch nicht politisch festgelegt. Über die Islamkonferenz habe sie auch viele mit Fluchthintergrund kennengelernt, die selbst nicht wählen dürften. „Das hat einen ganz anderen Charakter, mit solchen Leuten über Politik zu diskutieren.“

Über die Stiftung Mercator darf Nele Steinbring im Sommer drei Wochen durch Europa reisen. Was Europa für sie bedeutet? „Rein reisespezifisch die Frage, wo muss ich Geld wechseln, wo nicht.“ Auch die länderübergreifende Anerkennung von Bildungsabschlüssen ist für sie ein Thema, wobei das oft nicht mal zwischen Bundesländern gelinge.

Eins ist Nele Steinbring wichtig: „Dass an Jugendliche herangetragen wird, dass es nicht so schwierig ist, bei solchen Sachen mitzuwirken“ und es „viele tolle Sachen, gibt, für die man nichts bezahlen muss“. Informationen teilt sie gern per E-Mail.

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