Eduard Kliemt (l.) hatte bereits vor knapp 30 Jahren „Besuch“ vom Mühlenbach. Nach der Unwetter-Katastrophe vor zwei Wochen sorgt sich auch Nachbar Johannes Foitzik (r.) um sein Haus. © Berthold Fehmer
Unwetter

Nach der Unwetterkatastrophe: Schermbecker sorgen sich um ihre Häuser

Was würde eine Unwetter-Katastrophe wie in Erftstadt für Schermbeck bedeuten? Die Frage beschäftigt Bürger wie Eduard Kliemt. Sein Haus wäre gleich zweifach gefährdet.

Viermal stand der Keller von Eduard und Elke Kliemt schon unter Wasser. Bei Johannes Foitzik dreimal. Die Nachbarn wohnen an der Straße „Am Scherenbach“. So weit unten, dass bei ihnen das Wasser des Schmutzwasserkanals bei Starkregen vor Jahren regelmäßig in die Keller drückte.

Lange Auseinandersetzungen mit der Gemeinde liegen hinter den Anwohnern. „Irgendwann hat man die Faxen dicke“, sagt Foitzik. Untersuchungen ergaben schließlich, dass mehr als 250 Häuser falsch angeschlossen waren. Regenwasser lief bei ihnen in den Schmutzwasserkanal, nicht in den Regenwasserkanal. Mit elektronischem Rückstau-Systemen für jeweils fast 5.000 Euro haben Eduard Kliemt und Johannes Foitzik mittlerweile ihre Häuser geschützt.

Bei Starkregen wird der Keller kontrolliert

Einmal sei aber ein Blitz in der Nähe eingeschlagen. „Da hatten wir keinen Strom“, sagt Foitzik. Glücklicherweise sei der Keller damals trocken geblieben. Das ist seit einigen Jahren auch bei den Kliemts so – dennoch beobachtet das Paar aufmerksam die Wettervorhersage und bei jedem Starkregen ihren Keller, in dem sich Büro, Bar und natürlich die Heizungsanlage befinden. „Wenn wir in Urlaub fahren würden, hätte ich Schiss“, gibt Elke Kliemt zu

Sein Büro hat Eduard Kliemt im Keller untergebracht. Bei Wasser im Keller wären die im Boden liegenden Steckdosen als erste betroffen.
Sein Büro hat Eduard Kliemt im Keller untergebracht. Bei Wasser im Keller wären die im Boden liegenden Steckdosen als erste betroffen. © Berthold Fehmer © Berthold Fehmer

Die Unwetter-Katastrophe vor zwei Wochen hat die Sorgen verstärkt. Zwar liegt das Haus der Kliemts rund 70 Meter vom Mühlenbach entfernt. 1993 stand der Bach nach heftigen Regenfällen aber schon mal 20 Meter vor dem Haus im Garten. Viel hätte nicht gefehlt und der Keller wäre überflutet worden.

„Wir haben viel Glück gehabt“

Die Bilder der Unwetter-Katastrophe vor zwei Wochen haben auch Gerd Abelt, Vertreter des Bürgermeisters, spontan an den Schermbecker Mühlenbach denken lassen, der durch den Ortskern fließt. In den Sommern der letzten Jahre war der Bach eher zu trocken. „Ich weiß nicht, wie schnell der sich bei so einem Regenereignis füllen würde“, sagt Abelt. „Wir haben viel Glück gehabt. Das heißt nicht, dass wir immer Glück haben.“ Auch der Dellbach und der Rüster Bach fallen Abelt ein.

„Eine wahnsinnige Menge in wahnsinnig kurzer Zeit“ sei an Wasser in den überfluteten Gebieten als Niederschlag gefallen, so Abelt. Die wenigsten hätten ein solches Unwetter wie in den letzten Wochen für möglich gehalten. „Da hat man wieder ein anderes Bewusstsein bekommen.“

In Schermbeck hatte der Regen kaum Auswirkungen. „Ein Pumpwerk hat angeschlagen“, sagt Abelt – ein Mitarbeiter habe den Fehler schnell beheben können. Andreas Eißing, der in der Bauverwaltung das Thema Entwässerung und Kanalisation betreut, habe bis abends die Stellung gehalten, so Abelt, aber es seien keine weiteren Meldungen eingegangen.

Kreisweiter Schulterschluss wird gesucht

Hochwasser hört nicht an der Gemeindegrenze auf. Deshalb will die Gemeinde laut Abelt das Thema bei der nächsten Ordnungsamtsleiterbesprechung auf Kreisebene angehen. Dabei solle es nicht nur um die Frage nach Gerätschaften gehen, die bei einem solchen Unwetter gebraucht würden. Feuerwehren oder THW könnten nach dem Unwetter vielleicht neue Vorgaben bekommen, glaubt Abelt. Bei Katastrophen sei aber auch Solidarität gefragt, da nicht jede kleine Gemeinde viele technische Geräte vorhalten könne, die nach zehn Jahren womöglich wieder ausgetauscht werden müssten.

Bemängelt wurde beim Unwetter vor zwei Wochen auch die Alarmierung. Die Wichtigkeit von Sirenen sei erst in den letzten Jahren wieder erkannt worden, sagt Abelt, nachdem lange der Abbau von Sirenen betrieben wurde. Das Problem in Schermbeck sei die große Fläche von 110 Quadratkilometern. „Vermessen“ wäre es laut Abelt zu behaupten, dass derzeit alle Schermbecker einen Sirenenalarm hören würden.

„Wir wären die Leidtragenden“

Beantwortet werden müsste laut Abelt bei Unwetter-Szenarien die Frage: „Wo würde der Schuh drücken?“ „Wir wären, wenn so etwas passiert, die Leidtragenden“, ist sich Eduard Kliemt sicher. Aber wer noch in Schermbeck? Abelt kann sich vorstellen, dass dafür eine Untersuchung, vielleicht auf Kreisebene, in Auftrag gegeben werden muss, die Simulationen bereitstellt. Für die Lippe gibt es so etwas seit Jahren. Hochwasser-Risikokarten der Bezirksregierung zeigen etwa an, wo Wohnbebauung oder Gewerbebetriebe bei Extrem-Regenfällen gefährdet sein können.

Der Lippeverband arbeitet derzeit daran, dass bei einem Lippe-Hochwasser ein Bereich östlich der Maassenstraße als Überflutungsgebiet genutzt werden kann. Westlich der Maassenstraße wird dem Mühlenbach an der Lippe mehr Platz gegeben. „Das ist gut anlegtes Geld“, glaubt Abelt. Nach dem Issel-Hochwasser von 2016 wurde der Zweckverband Hochwasserschutz Issel gegründet, in dem Schermbeck Mitglied ist, obwohl nur wenig Schäden auf Schermbecker Gebiet entstanden.

Die Hochwasser-Risikokarten für die Lippe zeigen, wo in Schermbeck bei extremen Regenfällen Wohnbebauung (rot) oder Gewerbebetriebe (lila) gefährdet sein könnten. © Bezirksregierung Düsseldorf © Bezirksregierung Düsseldorf

Zugute komme Schermbeck, dass große Höhenunterschiede fehlen. Sturzbäche von Hängen seien deshalb nicht zu erwarten, sagt Abelt. „Das verteilt sich auf die Fläche.“ Bei neuen Baugebieten werde immer auf Regenrückhaltebecken und Versickerung geachtet, „aber wenn so viel Regen zusammenkommt, wie es dort passiert ist, weiß ich nicht, wie es hier aussehen würde“, so Abelt. Heftiger Starkregen würde Rückhaltebecken überfordern, glaubt Foitzik.

Abelt erwartet, dass Hauseigentümer nach dem Unwetter mehr Bewusstsein entwickeln. Rückstauklappen könnten oft feuchte Keller verhindern – das sei manchen Hausbesitzern nicht bekannt. Und: „Wohnen am Wasser“ gelte bei vielen als schick, so Abelt. „Da kriegt man jetzt vielleicht eine andere Sichtweise.“

Als das Baugebiet Borgskamp auf der anderen Seite des Mühlenbachs geplant wurde, wiesen die Nachbarn „Am Scherenbach“ auf die Entwässerungsproblematik hin. Gebaut wurde trotzdem.

Priorität liegt auf Versickerung

Durch die Wasserrechtsrahmenrichtlinie liege die Priorität bei neuen Baugebieten darauf, Regenwasser möglichst auf den Grundstücken der Eigentümer zu versickern, sagt Abelt. Im geplanten Baugebiet Spechort wurde deshalb kürzlich in der Politik auch über Dachbegrünung nachgedacht. Wenn in neuen Baugebieten viel Geld für das Thema Entwässerung verplant werde, würden sich Bauherren oft über „völlig überzogene Forderungen“ ärgern, sagt Abelt: „Oder es wird belächelt als typisch deutsch.“

Für die Anwohner am Scherenbach hat Abelt eine gute Nachricht. Eine Fläche, die die Gemeinde vor Jahren neben dem Haus von Eduard Kliemt kaufte, soll im Frühjahr 2022 renaturiert werden. Heißt: Dort soll der Mühlenbach, ähnlich wie der Lippeverband es einige hundert Meter weiter an der Lippe macht, Rückstauflächen erhalten. Man warte derzeit auf einen möglichen Förderbescheid.

Hundertprozentige Sicherheit gebe es aber gegen heftige Unwetter nicht, stellt Abelt klar, und auch die Frage, was noch bezahlbar ist, müsse gestellt werden. Der Vertreter des Bürgermeisters gibt aber zu, dass die Katastrophe nachdenklich gemacht habe: „Man wird aus seinem Sicherheitsempfinden ein Stück weit rausgerissen.“

Über den Autor
Redaktion Dorsten
Berthold Fehmer (Jahrgang 1974) stammt aus Kirchhellen (damals noch ohne Bottrop) und wohnt in Dorsten. Seit 2009 ist der dreifache Familienvater Redakteur in der Lokalredaktion Dorsten und dort vor allem mit Themen beschäftigt, die Schermbeck, Raesfeld und Erle bewegen.
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Berthold Fehmer

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