Gahlener und Gartroper berichten über mehr Krebsfälle seit dem Ölpellets-Skandal. Die Suche nach statistische Belegen hat begonnen - unter anderem beim Robert-Koch-Institut.

Schermbeck

, 09.01.2020, 04:45 Uhr / Lesedauer: 3 min

In der WDR-5-Sendung „Stadtgespräch“, die im September 2019 in Gahlen aufgezeichnet wurde, ging es um den Ölpellets-Skandal, bei dem von 2010 bis 2013 rund 30.000 Tonnen giftiger Ölpellets in einer ehemaligen Tongrube an der Grenze Gahlen/Gartrop vergraben wurden.

Dr. Joern-Helge Bolle, Facharzt für Arbeitsmedizin und Spezialist für Gefahrenstoffe, wies in dieser Sendung auf krebserregende Eigenschaften der Ölpellets hin - wie er es schon bei mehreren Gelegenheiten getan hatte. Der Kreis hatte hingegen immer betont, dass durch Abdichtung der Deponie keine gesundheitliche Gefährdung der Bevölkerung zu befürchten sei.

Eine Gartroperin berichtete in der Sendung aber, dass sämtliche Familien in ihrem Umkreis „mindestens einen Krebsfall“ in ihrer Familie hätten. Der Vater der Gatroperin, der Wild verarbeite, habe festgestellt: „Die Tiere haben alle Tumore auf den Lebern.“

Fünf Leukämie-Erkrankungen

Auch an Klaus Roth vom Wählerbündnis Bürger für Bürger (BfB) wurden ähnliche Meldungen herangetragen. Von fünf Leukämie-Erkrankungen allein in seinem Umfeld habe ihm ein Bürger vor wenigen Tagen berichtet.

Roth nimmt das zum Anlass, einen statistischen Beleg für vermehrte Krebserkrankungen in Schermbeck und Hünxe zu suchen. Er kontaktierte schriftlich das Robert-Koch-Institut in Berlin. Dieses erfasst bundesweit die Krebsregisterdaten.

Anwohner berichten über mehr Krebsfälle nach Ölpellets-Skandal – Lässt sich das belegen?

Klaus Roth sucht nach Anwohnerberichten über vermehrte Krebsfälle nach der Ölpellets-Einlagerung nach Belegen im Krebsregister. © Berthold Fehmer (Archiv)

Roths Frage: „Uns würde einmal interessieren, ob Ihr Krebsregister bereits Aussagen darüber zulässt, wie häufig Krebserkrankungen und seltene Erkrankungen im Kreis Wesel und insbesondere im Bereich Schermbeck/Hünxe aufgetreten sind und in welchem Zeitraum.“ Interessant sei auch die Frage, inwieweit die Zahlen aus Schermbeck und Hünxe von denen anderer Kreiskommunen abweichen.

Falscher Ansprechpartner

In der Präzision, wie sie die Bürger und Klaus Roth gern hätten, wird das Robert-Koch-Institut (RKI) die gewünschten Zahlen aber nicht liefern können. Wie Sprecherin Susanne Glasmacher auf Nachfrage sagte, lägen die Daten so lokal aufgeschlüsselt nicht vor.

Die Daten bezieht das Robert-Koch-Institut unter anderem vom Landeskrebsregister NRW, das Glasmacher als geeigneteren Ansprechpartner nannte. Wie kommt das Landeskrebsregister an die Daten? Ärzte sind bei der Diagnose einer Krebserkrankung gesetzlich verpflichtet, persönliche und klinische Daten der Patienten dem Landeskrebsregister zu melden. Der Verarbeitung der verschlüsselten Daten können Patienten nicht widersprechen, nur der Speicherung der Identität.

„Wir haben andere Möglichkeiten“

Die Sprecherin des Landeskrebsregisters NRW, Ina Bisani, sagt zur Auskunftsfähigkeit ihrer Organisation bei den vorliegenden Fragen im Vergleich zum Robert-Koch-Institut: „Wir haben andere Möglichkeiten.“

Doch wie differenziert müsste diese Auswertung sein? Der Kreis Wesel mit rund 460.000 Einwohnern ist als Bezugsgröße zu groß. Selbst ein rapider Anstieg der Krebsfälle in den etwa 13.500 Einwohner starken Kommunen Schermbeck und Hünxe würde statistisch auf den Kreis gerechnet kaum auffallen.

Ein weiteres Problem: Schermbeck und Hünxe sind Flächengemeinden. Selbst innerhalb der Ortsteile Gahlen und Gartrop gibt es Anwohner, die recht „nah“ oder auch viele Kilometer vom Mühlenberg entfernt wohnen.

Anfrage weitergeleitet

Keine Hoffnung konnte Ina Bisani machen, dass eine Auswertung für die Ortsteile Gahlen und Gartrop möglich ist. Auch eine gemeindescharfe Auswertung wollte sie zunächst nicht versprechen. Unsere Anfrage leitete sie an die zuständige Sachbearbeiterin weiter, die aber derzeit krank ist. Bisani: „Die Sachlage in Schermbeck und Hünxe ist ihr bereits bekannt.“

Besitzt der Kreis Wesel über das Gesundheitsamt genauere Daten zu Krebserkrankungen in den beiden Gemeinden? Sprecherin Eva Richards auf Nachfrage: „Der Kreis Wesel führt kein Krebsregister und kann auch keines aufbauen. Denn es gibt keine Meldepflicht für Krebserkrankungen an den Fachdienst Gesundheitswesen des Kreises.“ Auch Richards verweist an das Landeskrebsregister NRW.

„Eine Kausalität herzustellen, ist ganz schwierig“

Susanne Glasmacher glaubt allerdings, dass ein einfacher Blick ins Landeskrebsregister nicht ausreichen wird. „Es gibt immer mal wieder Häufungen, beispielsweise bei Leukämiefällen in der Nähe von Kernkraftwerken. Diese können aber auch zufällig sein, obwohl vermeintliche Risikofaktoren vorhanden sind. Eine Kausalität herzustellen, ist ganz schwierig.“

Um eine seriöse Antwort auf die Frage zu bekommen, ob eingelagerte Ölpellets und andere Giftstoffe zu mehr Krebsfällen in der Umgebung führen, müssten nach Meinung von Susanne Glasmacher „vertiefende Studien“ durchgeführt werden.

„Man muss sensibel mit dem Thema umgehen“, sagt Klaus Roth. Krebserkrankungen könnten viele Ursachen haben. Doch interessieren würde es ihn schon, ob es etwa in Schermbeck oder Hünxe mehr Krebserkrankungen gibt „als in Alpen oder Hamminkeln“.

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