Schermbecks Wölfin polarisiert. Was sagen die, für die der Wald das zweite Zuhause ist? Ein Förster berichtet von der Angst der Jäger und der Hegeringleiter fordert wolfsfreie Zonen.

Schermbeck

, 02.11.2018 / Lesedauer: 6 min

„Ich finde das wahnsinnig spannend“, sagt Christoph Beemelmans (53), Revierförster der Üfter Mark, über die Ansiedlung der Wölfin „Gloria von Wesel“ und die Ausweisung des ersten Wolfsgebiets in NRW in Schermbeck und Umgebung. Er steht in engem Kontakt zu den Jägern und sagt: „Die haben Respekt davor, teilweise Angst.“ Einer habe ihm anvertraut, dass er die 400 Meter von seinem Hochsitz zum Auto nur mit mulmigem Gefühl gehe.

Hegeringleiter fordert wolfsfreie Zonen: „Der Wolf hat hier Stress“

Karl-Josef Göderz ist seit fast vier Jahren Hegeringleiter in Schermbeck. © Berthold Fehmer

Das kann Karl-Josef Göderz gut nachvollziehen. Seit 40 Jahren ist der 67-Jährige Jäger, seit fast vier Jahren Hegeringleiter in Schermbeck. Mit Wölfen beschäftigt er sich, seitdem zur Jahrtausendwende erste Wölfe nach Deutschland kamen. Göderz, der seit mehr als 20 Jahren zur Jagd in Brandenburg geht, hat schon mehrfach Wölfe in freier Wildbahn beobachtet. „Eine ganz tolle Kreatur“, sagt Göderz und gerät regelrecht ins Schwärmen: „Der hat so einen wunderschönen, elastischen, federnden Gang. Wenn Sie die Mähne sehen, ich nenne das immer den Franz-Josef Strauß-Nacken, das ist einfach toll.“ Göderz lacht: „Und wenn man dann zu ihm Guten Morgen sagt, wie der dann Gas gibt!“

Warnschüsse vertrieben Wölfe

Aber Göderz hat im Austausch mit ostdeutschen Jägern auch schon von ganz anderen Begegnungen von Wolf und Mensch gehört. „Ein befreundeter Jäger aus Sachsen hatte abends ein Rotkalb geschossen, das ins Dickicht geflüchtet ist. Am nächsten Morgen ist er mit seinem Hund zur Nachsuche gegangen und hat das Stück Wild aus dem Dickicht gezogen. Als er sich umdrehte, sah er sich vier Wölfen gegenüber, die in Formation auf ihn zugelaufen sind. Sein Hund bellte und wollte sich zur Wehr setzen. Zum Glück hatte der Jäger seine Waffe dabei und konnte durch Warnschüsse eine Eskalation verhindern.“

Das sei, so Göderz, durchaus ein natürliches Verhalten der Wölfe gewesen, die „ihre vermeintliche Beute für sich reklamieren und einen Konkurrenten, den Jagdhund, nicht dulden wollten“. Weder er noch Christoph Beemelmans haben die Wölfin in Schermbeck bislang beobachten können. „Das wäre ein Lottogewinn, mindestens fünf Richtige mit Superzahl“, sagt Göderz.

Hegeringleiter fordert wolfsfreie Zonen: „Der Wolf hat hier Stress“

Schermbeck und Umgebung sind zum ersten Wolfsgebiet in NRW erklärt worden. © Nina Dittgen

Karl-Josef Göderz über die neue Situation in Schermbeck: „Die Jägerschaft ist nicht glücklich über das Vorhandensein des Wolfes hier in unserer Region.“ Und er selbst auch nicht. Um das zu erklären, erzählt er, wie ein befreundeter Jäger in Brandenburg einmal auf dem Hochsitz gesessen habe, als ein Wolf, ohne den Jäger zu bemerken, sich bis auf 20 Meter genähert habe. Als das Tier jedoch auf die Fährte des Jägers gestoßen sei, „ist er zusammengezuckt und hat Reißaus genommen“.

„Deshalb hat der Wolf hier Stress.“

Wenn man bedenke, dass ein Wolfsrudel ein Territorium von 100 Quadratkilometern (etwa so groß wie Schermbeck) bis zu 600 Quadratkilometern benötige, in dem es einigermaßen ruhig sei, sei leicht zu erkennen: „Das wird bei der Wölfin hier nicht der Fall sein, weil hier zu viel Unruhe ist. Wir tun der Wölfin hier keinen Gefallen.“ Große, zusammenhängende Waldgebiete wie in Brandenburg oder Sachsen gebe es hier nicht. Ständig stoße der Wolf auf Menschen oder deren Spuren. „Deshalb hat der Wolf hier Stress.“

Hegeringleiter fordert wolfsfreie Zonen: „Der Wolf hat hier Stress“

Christoph Beemelmans. © Petra Bosse

Christoph Beemelmans sagt, dass er überrascht sei, dass die Wölfin ausgerechnet hier ihren Lebensraum gewählt habe. Wobei er einschränkt, dass für ihn die Wölfin hier erst wirklich sesshaft sei, wenn auch eine Familiengründung erfolge. „Ob sie sich hier wohlfühlt, kann noch keiner beantworten.“

Wolfsexperte, das gibt Beemelmans unumwunden zu, sei er nicht. Das sagt auch Göderz über sich: „Wir Jäger sind Beobachter der Natur, aber weiß Gott keine Wolfsexperten. Wer kann sich das auch anmaßen nach Hunderten Jahren, wo es hier keinen Wolf gab.“

„Der Hype um den Wolf ist viel zu hoch.“

Beemelmans steht in Kontakt zu einem ehemaligen Studienkollegen in Niedersachsen, der Erfahrung mit Wölfen habe, und lasse sich von diesem auch Literatur zum Thema schicken. Schade findet Beemelmans, dass das Thema öffentlich „in einer Kurzatmigkeit“ diskutiert werde, zum Teil sogar hysterisch. Göderz sagt: „Der Hype um den Wolf ist viel zu hoch.“ Wenn es um den Erhalt der Arten gehe, so Beemelmans, sei zu beobachten: „Keiner macht sich Gedanken darüber, dass etwa das Schwarzkehlchen verschwindet.“ Beemelmans plädiert für Gelassenheit: „Die Wölfin hat bis jetzt niemandem etwas getan. Ich bin neugierig und lasse das auf mich zukommen.“ Man solle einige Zeit ins Land gehen lassen. Falls es zu „Problemwölfen“ komme, müsse die Politik entscheiden. Auch wenn ein Wolf etwa eine Pferd verletzen oder über die Straße treiben sollte, „wird das neu bewertet“.

Beemelmans sagt aber auch zu den vielen Schafsrissen: „Die Weidetierhalter tun mir leid.“ Jahrelang sei die Weidetierhaltung gefördert worden, deshalb müssten für Beemelmans die Weidetierhalter komplett für ihre zusätzlichen Aufwendungen zur Prävention entschädigt werden und nicht nur per Zuschuss.

Wildkameras sollen Wölfin fotografieren.

Eines kann Beemelmans ausschließen: Dass die Wölfin über die Wildbrücke der Autobahn 31 nach Schermbeck gelangt ist. Denn Beemelmans betreibt für das Landesamt für Natur-, Umwelt- und Verbraucherschutz (LANUV) die Auswertung der Wildkameras dort, die er alle acht Wochen ans Landesamt schickt. Alle Bewegungen auf der Brücke werden von den Kameras eingefangen: „Dann kann der Wolf normalerweise nicht durchgehen. Da wird er auf jeden Fall von der Kamera erwischt.“ Insgesamt vier Wildkameras stelle er gern dem LANUV zur Verfügung, das das Wolfsmonitoring nach den vielen Schafsrissen verstärken will. Man müsse, um mit wenigen Kameras eine Chance zu erhalten, den Wolf zu fotografieren, die tradierten Wildwechsel kennen. „Die kennt auch der Wolf, wenn er von einem Waldgebiet ins nächste geht.“

Dass der Wolf von Sachsen, Brandenburg und Niedersachsen nun auch nach NRW gelangt ist, wundert Karl-Josef Göderz nicht. „Bei der bekannten Wolfsdichte in Sachsen, Brandenburg und Niedersachsen kommt es in den nächsten Jahren verstärkt zu Abwanderung von Wölfen.“

„Den schießen wir“

Bei der Frage, wie man grundsätzlich mit dem Wolf in Deutschland umgehen kann, lohnt vielleicht ein Blick in die Regionen, die seit vielen Jahren mit dem Wolf leben. Beemelmans hat in Litauen Kollegen getroffen, die den Wolf als „Fressfeind“ betrachten. Sie hätten Beemelmans gesagt: „Den schießen wir. Wir wollen nicht, dass der zu viele von unseren Viechern frisst.“ Dennoch sterbe der Wolf dort nicht aus. In Litauen habe der Mensch seit Jahren eine Lebensgemeinschaft mit dem Wolf, der die Menschen respektiere. „Die mögen Recht haben. Dort gibt es wahrscheinlich mehr Wolfsexperten als in ganz Deutschland. Wir in NRW sind weit von annähernd natürlichen Prozessen entfernt. Wir leben in einer Kulturlandschaft. Wir sind die, die an der Stellschraube drehen.“

Als „Beutekonkurrent“ sähen die Jäger die Wölfin in Schermbeck nicht, sagt Göderz. „Hier gibt es so viele Wildschweine und Rehwild, so viel kann ein einzelner Wolf, oder auch zwei, gar nicht fressen.“ Wölfe einfach zu schießen, das ist in Deutschland streng verboten. „Der Wolf fällt nicht unter das Jagdrecht“, sagt Göderz. Und: „Wir werden einen Teufel tun, uns da einzumischen.“ Die Jäger seien aber natürlich für Gespräche mit dem LANUV offen und würden es auch beim Monitoring unterstützen.

„Haustiere“ sind leichtere Beute

Problematisch sei, wenn der Wolf einmal gelernt habe, dass „Haustiere“, die nicht so weit wegrennen wie ein Reh oder ein Wildschwein, eine viel leichtere Beute seien als „eine sich vor ihre Frischlinge werfende Bache“. Göderz vergleicht das mit einem Büfett: „Wir nehmen das, was wir am liebsten essen und wo wir am leichtesten drankommen.“ Göderz fragt auch: „Und was ist, wenn wir ein Wolfsrudel bekommen. Was passiert dann?“

Politik ist gefordert

Ein wildlebendes Tier dürfe man nicht einfangen und umsetzen. Eine Umsiedlung von wildlebenden Wölfen sei nach derzeitiger Gesetzeslage ausgeschlossen. Göderz erwartet deshalb „ganz große Probleme“. „Das muss auf höchster europäischer Ebene geklärt werden.“ Schließlich gebe es etwa auch ein Gesetz, das bestimmte Bereiche für das Rotwild zur Tabuzone erkläre, um Verbiss-Schäden am Holz zu verhindern. „Das wird dann abgeschossen. Aber beim Wolf soll das nicht so sein, der soll sich überall aufhalten können?“

Laut Göderz müsste die Politik ebenfalls wolfsfreie Zonen ausweisen. Wo könnten die in dieser Region liegen? Göderz: „Wir haben die Flächen hier in NRW nicht für den Wolf. Die Eifel und das Sauerland wäre Grenzregionen.“ Für Göderz liegt die Lösung in Brandenburg und Niedersachsen. „Dort müsste man die Wolfsbestände so reduzieren, dass ein Rauswandern unwahrscheinlich ist.“

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