Gahlen: Grünes Wohnen, aber mit schlechter Verkehrsanbindung

dzOrtsteil-Check Gahlen

Grüner wohnen kann man wohl nirgendwo: Gahlen bekommt beste Noten bezüglich Grünflächen, Lebensqualität und Angeboten für Radfahrer, schneidet aber bei der Verkehrsanbindung schlecht ab.

von Christoph Winck

Gahlen

, 16.03.2019, 04:45 Uhr / Lesedauer: 4 min

In den Gesichtern der fünfköpfigen Familie Blomeier kann jeder es sehen: Die Blomeiers fühlen sich pudelwohl in Gahlen. Familienvater Malte (45) ist schon als Kind mit seinen Eltern aus Mülheim in den Schermbecker Ortsteil gezogen. Das war in den 1970er-Jahren, kurz nachdem Gahlen seine Selbstständigkeit verloren hatte und nach Schermbeck eingemeindet wurde. In der Passstraße wohnen Maltes Eltern noch heute im Haus nebenan: „Wir fühlen uns rundum wohl hier.“

Seine fünf Jahre ältere Frau Eike stammt aus Schermbeck, hat für das Familienglück das Lippeufer gewechselt. Die drei Kinder Enna (15), Ole (13) und Bennet (11) sind in Gahlen aufgewachsen. Sportlichkeit steht bei allen fünf Blomeiers ganz oben. Das passt zu Gahlen, denn im Ortsteilcheck bekommt das Sportangebot (9 Punkte) einen Topwert. Der TuS Gahlen und die Lippesportanlage werden von den Blomeiers an erster Stelle genannt - auch wenn Ole und Bennett zum Fußballtraining zur Hardt nach Dorsten fahren müssen. Der TuS bildet in der D-Jugend eine Jugendspielgemeinschaft mit den SV Dorsten-Hardt.

Gahlen: Grünes Wohnen, aber mit schlechter Verkehrsanbindung

Das Sportangebot bekommt gute Noten. © Helmut Scheffler

Tochter Enna reitet gerne - das geht in Gahlen problemlos. Zum Handballtraining - da wandelt Enna auf Papas Spuren - fährt das älteste Kind nach Schermbeck. Mutter Eike spielt noch heute Volleyball beim TuS, aber nur noch in der Hobbyliga, nicht mehr in der Bezirks- oder Landesliga wie früher. Bei den Themen „Grünflächen“ (10 Punkte) und „Radfahren“ (9 Punkte) erhält das einstige Golddorf ebenfalls Topwerte. Malte und die beiden Söhne können das bestätigen: „Wir drei fahren gerne Mountainbike, das geht von Gahlen aus wirklich gut.“ Einziger Wermutstropfen: „Die Beleuchtung der Radwege in der Dunkelheit ist schon eine Katastrophe“, sagt der Vater von drei Kindern im Teenager-Alter.

Das wurde positiv bewertet

Lebensqualität: Die 10 Punkte für Grünflächen und 9 Punkte fürs „Radfahren“ schlagen sicherlich auch in die Bewertung der Lebensqualität durch: 9 Punkte. Es lebt sich gut in Gahlen, der Ortsteil ist geprägt durch viele Einfamilienhäuser. Dass mit der Deutschen Glasfaser jetzt auch das schnelle Internet Einzug ins Dorfleben gehalten hat, das finden die Blomeiers gut. Der Fünf-Personen-Haushalt kann in Zukunft auf eine 200-MB-Leitung zugreifen, wo früher die Daten 100-mal langsamer durch die Leitungen gingen. „Aber abends wird das WLAN im Haus abgeschaltet“, verrät Mutter Eike, dass die Kinder keinen unbegrenzten Zugang ins weltweite Netz haben.

Sauberkeit: „Was die Vereine in Gahlen auf die Beine stellen, das ist schon klasse“, sagt Malte Blomeier. 8 Punkte für Sauberkeit - das ist auch ein Verdienst des Heimatvereins. Die Freiwilligen säubern regelmäßig das ganze Dorf rund um den Mühlenteich und die Dorfkirche. So schneidet der Ort auch bei der „Familienfreundlichkeit“ mit 8 Punkten gut ab. „Verkehrsbelastung“ bewerteten die Leser der Dorstener Zeitung mit einer „8“, also positiv. Die Umgehungsstraße hat dem Verkehr im Dorf gut getan.

Das wurde negativ bewertet

Verkehrsanbindung: Schlechter kann ein Wert (2) kaum sein: Weniger Punkte gab es an keiner Stelle im Ortsteilcheck der Dorstener Zeitung.

„Wenn ich pünktlich in Dorsten in der Schule sein will, muss ich den Bus um 6.26 Uhr nehmen“, sticht der 13-jährige Ole gleich ins Wespennest. Die Anbindung an den Öffentlichen Nahverkehr ist in Gahlen katastrophal. Ole wird daher von Vater Malte auf dem Weg zur Arbeitsstelle in Marl zur St.-Ursula-Realschule gebracht.

Gahlen: Grünes Wohnen, aber mit schlechter Verkehrsanbindung

Die Verkehrsanbindung in Gahlen erhält schlechte Noten. © Berthold Fehmer (A)

„Hier fährt ja nur alle zwei oder drei Stunden mal ein Bus“, beklagt sich auch Enna. Die 15-Jährige fährt oft mit dem Fahrrad nach Schermbeck oder Dorsten. Oder Mutter Eike muss fahren - zum Beispiel die Jungen zum Fußballtraining auf die Hardt. „Zwei Autos muss man in Gahlen schon haben“, erklärt die 50-Jährige die Abläufe mit drei Kindern. Sie selbst ist in Wesel als Krankenschwester noch in Teilzeit beschäftigt - es will alles genau geplant sein.

Der Schulbus zum St.-Ursula-Gymnasium für Enna und Bennet fährt günstiger. Aber oft müssen die Kinder in Östrich abgeholt oder bis Östrich gebracht werden. Dort endet der Verkehrsverbund Rhein-Ruhr (VRR), zu dem Gahlen nicht mehr gehört. Schermbeck auch nicht - aber bis dort fährt der VRR. Gahlen ist außen vor.

Wilhelm Hemmert-Pottmann, CDU-Ratsherr aus Gahlen, kennt die Problematik natürlich: „Wir haben das immer wieder gefordert. Aber immer wieder scheitert es an den Kosten oder an den geringen Fahrgastzahlen. Das ist wie ein Teufelskreis“. Die Grenzlage zwischen zwei Verkehrsverbünden ist für Gahlener, die auf den Bus angewiesen sind, ein riesiges Problem.

Aus dem Rathaus in Schermbeck ist auch nicht viel Hoffnungsvolles zu hören. Der Nahverkehrsplan sei Sache des Kreises Wesel. 2017 sei der zuletzt verabschiedet worden, eine Forderung zur Verbesserung der Situation in Gahlen habe es da nicht gegeben.

Gahlen: Grünes Wohnen, aber mit schlechter Verkehrsanbindung

© Verena Hasken

In der letzten Sitzung des Haupt- und Finanzausschusses (HFA) wurde von der Kommunalpolitik das „Night Mover“-Modell des Kreises Kleve diskutiert: Jugendliche erhalten Zuschüsse von 5 Euro für Taxifahrten, wenn sie in schlecht angebundenen Gebieten wohnen. Der Kreis Wesel prüft ein ähnliches Angebot, in Schermbeck wurde es im HFA aber abgelehnt. Also ist auch von dort für die Jugendlichen keine Hoffnung in Sicht.

Vielleicht muss ein Planer des ÖPNV den Geistesblitz haben und die gute Anbindung von Schermbeck an Dorsten über den „SB 18“ auch auf Gahlen ausdehnen. Denn den Schermbeckern dürfte es egal sein, ob sie über Holsterhausen oder über Gahlen nach Dorsten kommen.

Jugendliche: Die Angebote für Jugendliche bekommen mit „5“ auch eine schlechte Note. Enna Blomeier findet die Angebote der Evangelischen Kirchengemeinde klasse, allen voran das „Ten Sing“-Projekt. Die 15-Jährige muss aber zugeben: „Geprobt wird für Ten Sing in der Friedenskirche auf der Hardt.“ Bleibt das Sportangebot des TuS Gahlen auf der schönen Lippesportanlage. Viel mehr gibt es für Jugendliche in Gahlen nicht.

Nahversorgung/Gesundheit: Auch diese beiden Kategrorien erhalten nur eine „5“. Zum Hausarzt geht es für jeden Gahlener nach Östrich oder Schermbeck, nur einen Zahnarzt gibt es im Dorf, eine Apotheke sucht man vergebens. Der Familieneinkauf kann auch nicht vor der Haustür getätigt werden. Ein kleiner Dorfladen, ein kleiner Lebensmittelladen - das war es dann mit der Nahversorgung. Besserung ist nicht in Sicht. Der Aldimarkt, der mal nach Gahlen kommen sollte, ist längst Geschichte.

„Wir fahren zum Einkaufen. Anders geht es nicht, wenn man in Gahlen wohnt“, sagt Eike Blomeier. Ehemann Malte kennt es von klein auf gar nicht anders.

Historie

Als Gahlen Galnon war

Gahlen: Grünes Wohnen, aber mit schlechter Verkehrsanbindung

Das Foto zeigt die Gahlener Dorfkirche vor dem Zweiten Weltkrieg. © privat


Um 787 wird Gahlen erstmals erwähnt. Durch eine Schenkung an die Abtei Werden wurde Gahlen im Jahre 900 als „Galnon“ genannt. Das Dorf feierte im Mai 2013 sein 1225-jähriges Bestehen. Bis 1929 dehnte sich Gahlen bis zum Schölzbach nach Dorsten aus, die Grenzen bestehen heute noch in der Evangelischen Kirchengemeinde. 1929 kam die Hardt zur Stadt Dorsten. Am 1.1.1975 verlor Gahlen, das lange zum Kreis Dinslaken gehörte, seine Selbstständigkeit und wurde Ortsteil von Schermbeck. Der Gahlener Ortsteil Östrich wurde nach Dorsten eingemeindet.

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