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In ihrem ehemaligen Kuhstall hat das Ehepaar Sondermann aus Schermbeck ein Privatmuseum eingerichtet und bietet dort Führungen an. Für uns stellen sie die zehn skurrilsten Exponate vor.

Schermbeck

, 29.09.2018 / Lesedauer: 6 min

Das Privatmuseum Sondermann, in dem landwirtschaftliche und Alltagsgegenstände aus dem frühen und der Mitte des 20. Jahrhunderts ausgestellt sind, liegt an der Marienthaler Straße 20 in Schermbeck und damit, so würde ein Berliner sagen, „jwd“ - janz weit draußen. „Wir sind das Dreiländereck hier“, sagt Klaus Sondermann, der auf dem Hof an der Grenze zu Hünxe und Hamminkeln schon sein ganzes Leben verbracht hat. Von außen ist das Museum nicht als solches zu erkennen - ein normales Stallgebäude aus der Mitte der 1960er-Jahre.

Wer den ehemaligen Stall betritt, was nur nach Anmeldung möglich ist, stößt auf das Motto der Sondermanns und des Museums. „Das Alte erhalte“, steht auf einer Tafel - den Satz habe sie auf einem von ihrer Schwiegermutter gestickten Band gefunden, sagt Elke Sondermann. Danach lebt das Paar. Elke Sondermann: „Was weggeschmissen wird, ist weg.“ Wie viele Exponate sich im Museum finden? „Keine Ahnung“, sagt sie, „das müsste man mal zählen.“ Wofür die vielen Dinge mal gebraucht wurden, die sich hier finden? Je jünger der Besucher, die Besucherin ist, desto seltener dürfte eine Antwort möglich sein. Wie etwa bei diesem Gerät:

Die zehn skurrilsten Exponate im ehemaligen Kuhstall

Ein Eimer an einem Band, darunter eine Kurbel mit Zahnrädern verbunden. Was wohl in den Eimer gefüllt wurde? © Berthold Fehmer

Wofür man diese Apparatur benötigte, erklärt Klaus Sondermann:

Kurbeln kann man auch an diesem Gerät:

Die zehn skurrilsten Exponate im ehemaligen Kuhstall

Was passiert wohl, wenn man an der Kurbel dreht? © Berthold Fehmer

Ein komplizierter Mechanismus, dessen Zweck Elke Sondermann allerdings erklären kann:

„Einfache Leute“ seien sie, sagt Elke Sondermann über sich und ihren Mann. Wieso bauen sich einfache Leute ein Museum? Das hätten sie eigentlich gar nicht vorgehabt, sagt Elke Sondermann und blickt einige Jahrzehnte zurück. Bis 1996 betrieb das Ehepaar Landwirtschaft auf dem Hof, hatte 30 Kühe im Stall stehen. „In der Landwirtschaft heißt es ‚Wachsen oder weichen‘“, sagt Klaus Sondermann. Eine Perspektive für den Hof sah das kinderlose Paar nicht, auch weil kein Hofnachfolger vorhanden ist. Beide seien damals etwa 40 Jahre alt gewesen, „die letzte Chance, eine Arbeitsstelle zu finden“, sagt Klaus Sondermann. „Mit 50 nimmt einen doch keiner mehr.“ Seine Frau arbeitete in der Leuchtenscheune in Marienthal, er fing beim Bauhof in Schermbeck an.

Die zehn skurrilsten Exponate im ehemaligen Kuhstall

In der Küche des Privatmuseums von Klaus und Elke Sondermann scheint die Zeit Mitte des vergangenen Jahrhunderts stehen geblieben zu sein. © Berthold Fehmer

2005 feierte das Paar Silberhochzeit. Zum Kränzen kamen die Nachbarn und wurden im alten Kuhstall bewirtet. „Eigentlich ein schöner Raum, aber der war so leer“, sagt Elke Sondermann, die mit ihrem Mann den Raum mit alten Gegenständen dekorierte, die sich auf dem Hof fanden. Die Besucher waren voll des Lobs, brachten weitere alte Gegenstände im Laufe der Zeit mit und irgendwann war es so voll, dass Elke Sondermann sagte: „Wir müssen das strukturieren.“ Klaus Sondermann baute einen Raum in den alten Stall, der jetzt als „Gute Stube“ genutzt wird. Immer mehr Leute kamen mit mehr alten Gegenständen, oft nachdem die Eltern gestorben waren und Haushalte aufgelöst wurden. Mehr Räume wurden im Museum eingerichtet.

Die zehn skurrilsten Exponate im ehemaligen Kuhstall

Im Wohnzimmer des Privatmuseums zeigt Elke Sondermann eine Puppe. © Berthold Fehmer

„Wir haben das als Hobby gemacht“, sagt Elke Sondermann. Bis ihnen vor zehn Jahren ein Besucher sagte: „Wissen Sie eigentlich, was Sie für einen Schatz hier haben?“ Seitdem bieten die Sondermanns Führungen an und hatten mittlerweile schon 3000 Besucher in ihrem Museum.

Dort findet sich auch dieses merkwürdige Utensil:

Die zehn skurrilsten Exponate im ehemaligen Kuhstall

Ein Rückenkratzer? © Berthold Fehmer

Wofür man so etwas früher brauchte, erklärt Elke Sondermann:

Und was könnte wohl das hier sein?

Die zehn skurrilsten Exponate im ehemaligen Kuhstall

Das könnte eine Spieluhr sein. © Berthold Fehmer

Beim Kurbeln kommt allerdings keine Musik aus dem Kästchen. Vielleicht erkennt man den Zweck ja beim Blick in das Innere?

Die zehn skurrilsten Exponate im ehemaligen Kuhstall

Keine Spieluhr. Aber was kann man denn sonst damit anfangen? © Berthold Fehmer

Die Erklärung übernimmt Klaus Sondermann:

Anfangs sei sie aufgeregt gewesen, wenn sie Besucher durch ihr Museum geführt habe, gibt Elke Sondermann zu. „Ich bin nicht diejenige, die groß redet“, sagt sie und erinnert sich gern an eine Führung zurück, bei der sie erst später realisierte, dass auch ihre ehemalige Grundschullehrerin unter den Gästen war. „Elke, wenn du in der Schule so viel geredet hättest, wäre es in Ordnung gewesen“, habe ihre alte Lehrerin gesagt, erinnert sich Elke Sondermann lächelnd.

Sie sagt: „Wo man Spaß dran hat, wo man sich zu Hause fühlt, da fällt es leichter.“ Bei den Führungen kann sie fast zu jedem Stück eine Geschichte erzählen, aber viele Besucher könnten auch Sprichwörter oder weitere Informationen beitragen: „Von jeder Führung lernt man auch.“

„Wir wollen damit kein großes Geld verdienen.“

Erwachsene zahlen für eine Führung pro Person 2 Euro, Kinder nichts. „Wir wollen damit kein großes Geld verdienen“, sagt Elke Sondermann auf die Frage, ob sie wirklich ein Ehepaar für 4 Euro eine bis anderthalb Stunden durch die Sammlung führe. Ein Ehepaar habe kürzlich freiwillig 10 Euro gezahlt. Klaus Sondermann sagt: „Wir haben mit einem Euro angefangen.“

Besondere Momente hat Elke Sondermann schon bei den Führungen erlebt, sehr interessierte Kinder, aber auch eine Dame im Rollstuhl, die während der Führung sagte: „Das kenne ich auch noch von früher.“ Elke Sondermann über diesen Gänsehautmoment: „Der Sozialarbeiter, der sie betreute, sagte: Ich habe die Frau noch nie reden gehört. Als wenn es Klick gemacht hätte und die Frau wieder in ihrer Jugend war.“

Bei manchen Exponaten kann Elke Sondermann auf die eigene Familiengeschichte eingehen. Etwa bei diesem hier:

Die zehn skurrilsten Exponate im ehemaligen Kuhstall

Offensichtlich ein Schmuckstück. Aber fürs Handgelenk doch viel zu lang ... © Berthold Fehmer

Was es damit auf sich hat, erklärt Elke Sondermann:

Martialisch sieht hingegen dieses Ausstellungsstück aus:

Die zehn skurrilsten Exponate im ehemaligen Kuhstall

Eine Manschette aus Leder, daran befestigt ein Messer. Diente es zum Kampf? © Berthold Fehmer

Doch die Ledermanschette mit Messer wurde nicht zum Kämpfen genutzt, sondern während der Ernte, wie Klaus Sondermann erklärt:

Prunkstücke der Sammlung sind die beiden Trecker. Ein Verwandter aus Oberschlesien habe ihm zum 37. Geburtstag einen Lanz Bulldog mit 17 PS geschenkt, Baujahr 1957, sagt Klaus Sondermann. „Er hat kurz vorm Herzinfarkt gestanden“, sagt seine Frau lächelnd. Klaus Sondermann lacht und sagt: „Ich habe gesagt: Das macht ihr nicht noch mal mit mir, dann bleibe ich liegen.“ Diese Drohung nahm der Verwandte, dessen Frau im Zweiten Weltkrieg mit genau so einem Trecker aus Oberschlesien geflüchtet war, allerdings nicht wohl nicht ganz so ernst. Denn zur Silberhochzeit des Paares schenkte er ihnen noch einen 17-PS-Trecker derselben Marke aus dem Jahr 1954.

Die zehn skurrilsten Exponate im ehemaligen Kuhstall

Die zwei wertvollsten Exponate sind die Lanz-Bulldog-Trecker, von denen einer schon über 80 Jahre alt ist. © Berthold Fehmer

Gruppen oder Familien, die einen Ausflug zum Privatmuseum planen und anschließend noch irgendwo einkehren möchten, empfiehlt das Ehepaar einen Abstecher ins Café Lühlerheide, Marienthaler Straße 10. Kegelclubs besuchen das Museum, Radtour-Gruppen, sogar eine Besucherin aus Japan war kürzlich da, wie der Eintrag in japanischen Schriftzeichen ins Gästebuch belegt. Dass sich die Männer eher für die Trecker interessieren, die Frauen hingegen in der aufgebauten Küche „warm werden“ - so ganz scheinen die Rollenklischees auch heute noch nicht abgebaut.

Reichlich Patina, man könnte auch Rost sagen, hat dieses Ausstellungsstück angesammelt:

Die zehn skurrilsten Exponate im ehemaligen Kuhstall

Was wurde wohl in diesen Apparat eingefüllt? © Berthold Fehmer

Offensichtlich etwas, das in der Küche verwendet wurde. Aber wozu? Elke Sondermann:

Auf eine Kostprobe dieses Getränks dürften die meisten wohl gern verzichten. Und was hat man wohl damit gemacht?

Die zehn skurrilsten Exponate im ehemaligen Kuhstall

Ein etwa ein Meter langes Rohr. Aber wofür könnte das gebraucht worden sein? © Berthold Fehmer

Klaus Sondermann weiß die Antwort:

Klar wird bei vielen Ausstellungsstücken: Unsere Vorfahren wussten sich zu behelfen und hatten für fast jedes Problem eine Lösung. Und sie hatten ihre eigene Sicht auf die Dinge, die heute wohl nicht mehr uneingeschränkt geteilt würde:

Die zehn skurrilsten Exponate im ehemaligen Kuhstall

Ein Motto, das in unsere Zeit nicht mehr so ganz zu passen scheint. © Berthold Fehmer

Was das älteste Ausstellungsstück in ihrer Sammlung ist, kann Elke Sondermann gar nicht sagen. Ein älterer Herr habe mal einen „Kornschneider“ aus Holz mitgebracht, den er dann aber als „Flachsbrecher“ identifiziert habe, sagt Klaus Sondermann. In der Region sei aber bestimmt seit 100 Jahren kein Flachs mehr angebaut worden, sagt Elke Sondermann.

Auch flüssige Exponate kann Klaus Sondermann vorweisen, etwa den letzten in einer Hünxer Kornbrennerei gebrannten Korn von 1963. „Der riecht noch gut“, sagt Sondermann, nachdem er den Korken von der großen, bauchigen Flasche gezogen hat. Im Schlafzimmer kann man einen Einblick in die Mode der damaligen Zeit erhalten.

Die zehn skurrilsten Exponate im ehemaligen Kuhstall

Was die Damen damals so auf dem Kopf trugen ... © Berthold Fehmer

Für Unterhaltung war ebenfalls gesorgt. „Ich muss mal den Tonkopf reinigen“, sagt Klaus Sondermann über das „Tefifon“, eine Art Tonbandgerät aus der Mitte des 20. Jahrhunderts, in dem die Aufschrift der eingelegten Tonbänder Klänge über die „Berliner Luft“ verheißen.

Die zehn skurrilsten Exponate im ehemaligen Kuhstall

Der Vorgänger des Kassettenrekorders: Ein "Tefifon", das mit Tonbändern ausgestattet in der Mitte des 20. Jahrhunderts gebaut wurde, und Musik abspielen konnte. © Berthold Fehmer

Aber wofür war wohl das hier mal gedacht?

Die zehn skurrilsten Exponate im ehemaligen Kuhstall

Zwei Bretter mit Rillen. Was kann man damit machen? © Berthold Fehmer

Elke Sondermann weiß die Antwort:

Nicht nur für kleine Leckereien, sondern auch für andere kleinere „Probleme“ hatten die Vorfahren ihre eigenen Lösungen. Wie etwa dieses Gerät, das zehnte der vorgestellten skurillsten Ausstellungsstücke, dessen Sinn sich auf den ersten Blick wohl fast niemandem erschließt.

Die zehn skurrilsten Exponate im ehemaligen Kuhstall

Was könnte das für eine Konstruktion sein? © Berthold Fehmer

Wann dieser hölzerne Kasten eingesetzt wurde, darüber kann Klaus Sondermann berichten:

Kürzlich sei eine Professorin aus Hamburg zu Besuch und völlig begeistert über das Privatmuseum gewesen., sagt Elke Sondermann Aus dem Nachlass ihrer Mutter habe die Hamburgerin weitere Exponate für die Sammlung versprochen. Als großes Lob für ihre Arbeit hätten sie, die „einfachen Leute“, das empfunden, sagt Elke Sondermann: „Der Zuspruch tut gut.“

Das Privatmuseum Sondermann findet man im Internet. Es kann nach Terminabsprache unter Tel. (02856) 2361 oder E-Mail besichtigt werden - bevorzugt in der wärmeren Jahreszeit.