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Dampfmaschine war das Herz des Schermbecker Dachziegelwerks Nelskamp

dz250 Jahre Dampfmaschine

Sie war das Herz des Dachziegelwerks. „Die gesamte Produktion hing an der Dampfmaschine“, sagt Karl-Heinz Nelskamp. Vor 250 Jahren trat die Erfindung ihren Siegeszug an.

Schermbeck

, 12.01.2019 / Lesedauer: 4 min

Der Engländer Thomas Newcomen konstruierte schon 1712 die erste verwendbare Dampfmaschine, um Wasser aus Bergwerken zu pumpen. James Watt – berühmter, aber fälschlicherweise als Erfinder gerühmt – verbesserte die einfache Maschine erheblich. Für Technikfreunde: Er baute erstmals einen separaten Kondensator, wodurch die Maschine bei beiden Kolbenbewegungen arbeiten konnte. Diese Idee meldete er 1769 zum Patent an – vor 250 Jahren.

Wann und wo die erste Dampfmaschine in Schermbeck aufgestellt wurde, konnten von uns befragte Heimatkundler nicht beantworten. Friedhelm Stricker berichtet von der Spinnerei Entrop, die etwa gegen 1860/1870 eine Dampfmaschine in Betrieb hatte. Vor dem Ersten Weltkrieg erhielt die Gahlener Mühle eine Dampfmaschine, die es ermöglichte zu mahlen, auch wenn das Wasser im Mühlenteich knapp wurde.

Dampfmaschine war das Herz des Schermbecker Dachziegelwerks Nelskamp

Karl-Heinz Nelskamp, ehemaliger Geschäftsführer der Nelskamp GmbH, hat eine „Concessionszeichnung zur Erbauung einer Dachziegelfabrik für die Gewerkschaft Union Schermbeck" aus dem Jahr 1899. Die Vorgängerin der heutigen Dachziegelfabrik am Waldweg hatte einen Raum für die Dampfmaschine und einen für den Dampfkessel. © Berthold Fehmer

Erinnerungen an die Kindheit werden bei Karl-Heinz Nelskamp wach, als wir ihn zur Rolle der Dampfmaschinen in den Dachziegelwerken seiner Familie befragen. Der langjährige Geschäftsführer der Dachziegelwerke Nelskamp, mittlerweile im Ruhestand, wurde 1945 geboren. Er erinnert sich noch, wie er als neunjähriger Schuljunge vom Vater in den Familienbetrieb mitgenommen wurde, als 1954 der Standort in Overbeck umgebaut wurde und eine 400-PS-Dampfmaschine erhielt. Staunend habe er davor gestanden und „nicht geglaubt, dass das laufen würde.“ Allzu häufig war der Kinderbesuch in der Ziegelei nicht. „Ziegeleien waren gefährliche Orte - da durfte man nicht allein rumlaufen.“

Sein Vater und die Brüder seien „dampfmaschinen-verliebt“ gewesen, sagt Nelskamp. Gilt das auch für ihn? „Ich glaube wohl“, sagt er mit verschmitztem Lächeln. Er besitzt eine „Concessionszeichnung zur Erbauung einer Dachziegelfabrik für die Gewerkschaft Union Schermbeck“ aus dem Jahr 1899. Die Vorgängerin der heutigen Dachziegelfabrik und dem Hauptsitz der Nelskamp GmbH am Waldweg 6 hatte einen Raum für die Dampfmaschine und einen für den Dampfkessel. Das sei die „Vorvorgänger-Anlage“ der Maschine gewesen, die in seiner aktiven Zeit im Dachziegelwerk genutzt wurde, so Nelskamp. Noch heute kann man den Giebel dieses Gebäudes sehen, ebenso den Kamin, der heute Mobilfunkantennen trägt.

Dampfmaschine war das Herz des Schermbecker Dachziegelwerks Nelskamp

Das Gebäude, in dem früher die Dampfmaschine in der Dachziegelfabrik am Waldweg stand, ist heute ebenso noch vorhanden wie der Kamin, der heute als Träger von Mobilfunkantennen dient. © Berthold Fehmer

„Die ganze Produktion hing an der Dampfmaschine“, sagt Nelskamp. Gehöriger Respekt vor der gefährlichen Technik schwingt immer noch mit, wenn er sagt: „Wasserkessel sind Bomben.“ Wenn der Druck darin zu hoch stieg, konnten diese platzen und „wie Raketen aus dem Gebäude fliegen“. Im Betrieb Nelskamp habe es glücklicherweise nie größere Unfälle gegeben, „nur Kleinigkeiten“, sagt Nelskamp.

Die Kesselwärter waren zuständig für das Befeuern von Hand und die Kontrolle des Drucks. „Das war ein 24-Stunden-Job, der in drei Schichten lief“, sagt Nelskamp. Alle paar Stunden hätten die Kesselwärter den Kessel zudem „entschlacken“ müssen.

Dampfmaschine war das Herz des Schermbecker Dachziegelwerks Nelskamp

Ein Knochenjob war das Beheizen der Dampfkessel. Dieses Bild aus dem Bestand von Karl-Heinz Nelskamp zeigt einen Heizer aus dem Gartroper Werk der Firma Nelskamp in den 1960er-Jahren. © privat

„Bis etwa 1977 lief hier eine Dampfmaschine“, dann sei sie ersetzt worden, sagt Nelskamp. Grund war auch ein „Umwelt-Problem“. Die Maschine habe man ständig mit Zylinder-Öl schmieren müssen, und dieses „bekam man nur ganz schlecht aus dem Wasserkondensat wieder raus“, das sich im Rohrsystem der Heizungsanlage absetzte. Elektromotoren übernahmen schließlich die Arbeit der Dampfmaschine.

„Hochkomplizierte Biester“

Dass die Dampfmaschine bei Nelskamp länger lief als anderswo, führte auch dazu, dass am Ende nur noch wenige Techniker die Einstellung vornehmen konnten. „Hochkomplizierte Biester“ seien die Maschinen gewesen, sagt Nelskamp und erinnert sich schmunzelnd an den „Dampfmaschinenpapst“ genannten älteren Herrn, „etwa 80 Jahre alt“, der immer kam, wenn es galt, die Verdichtung einzustellen.

Die Kraft der Dampfmaschine wurde über eine Transmissionswelle, Lederriemen und geflochtene Hanfseile dazu genutzt, den Ton zu verkleinern und zu Dachziegeln zu pressen. Und die Abwärme dazu, die Ziegel zu trocknen. „Kraft-Wärme-Kopplung nennt man das heute“, sagt Nelskamp. Allein aus diesem Grund seien Dampfmaschinen zu dieser Zeit eine „sinnvolle Sache“ gewesen.

Dampfmaschine war das Herz des Schermbecker Dachziegelwerks Nelskamp

So sieht heute die Presse aus, in der am Waldweg die "Kuchen" zu Dachziegeln gepresst werden. Seit vielen Jahren wird sie nicht mehr per Dampf angetrieben. © Berthold Fehmer

Beim Gartroper Werk der Fima Nelskamp gab es 1988 einen Brand, nachdem die letzte Dampfmaschine der Firma verschrottet wurde. „Eine kleine Maschine“, sei das gewesen, sagt Nelskamp. Für Schrottgeld sei sie verkauft worden. Nach Zwischenstationen in Gütersloh und Paderborn landete sie in Südlohn, wo sie in mühsamer Kleinarbeit restauriert wurde und ein eigenes Dampfmaschinenhaus in der Mühle Menke erhielt. Dort läuft sie noch heute. Nelskamp: „Allerdings mit Druckluft.“

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